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Beiträge zur Theorie  










Hartmut Krauss

Subjektive Widerspruchsverarbeitung und die Möglichkeit "praktisch-kritischer" Bewußtseinsentwicklung. Zur Formierung widerständiger Subjektivität in kritisch-marxistischer Perspektive - Teil I

Vorbemerkung

In meinem Beitrag "Wiederkehr der Proletarität oder Neustrukturierung sozialer Ungleichheit? Sozialstruktur und Subjektformierung im 'postfordistischen' Kapitalismus" (vgl. HINTERGRUND I/94, S.26-41 und HINTERGRUND II/94, S.6-29) hatte ich ursprünglich folgende Untersuchungsziele formuliert: (a) den Status der marxistischen Klassentheorie zu klären, (b) die neueren sozialstrukturellen Entwicklungsprozesse einzuschätzen und (c) das komplizierte Verhältnis von sozialem Lebensstandort und Bewußtseinsentwicklung unter Rückgriff auf vielfach unberücksichtigt bleibende marxistische Forschungsergebnisse ein Stück weit aufzuhellen. Der letztgenannte Aspekt erweist sich aber als so bedeutsam und vielschichtig, daß ich ihn zum Gegenstand einer gesonderten Abhandlung machen möchte, die wiederum mehrere Teile umfassen wird.


Die Bewußtseinsentwicklung und Interessenbildung konkreter gesellschaftlicher Individuen, die in der sozialen Ungleichheitsstruktur kapitalistischer Gesellschaftssysteme je standortspezifische Positionen/Lebenslagen (1) "ausfüllen", ist als eine wissenschaftliche Erklärungsdimension sui generis zu betrachten. Denn weder kann von der standortspezifisch eingenommenen "objektiven Klassenlage" auf die individuelle Bewußtseinsentwicklung "kurzgeschlossen" werden, noch können aus einigen soziologischen Standardvariablen wie Bildung, Beruf, Einkommen ("meritokratische Triade") oder aus dem allgemeinen Kapitalbegriff die subjektiven Orientierungen, politisch-weltanschaulichen Präferenzen, Verhaltensweisen etc. abgeleitet oder prognostiziert werden. In Rechnung zu stellen sind nämlich u.a. folgende wesentlichen Einflußfaktoren:

    a) die für die kapitalistische Systemreproduktion typischen Entfremdungs- und Verdinglichungsprozesse samt den daraus hervorgehenden Fetischformen (Waren-, Geld-, Kapital-, Lohn- und Staatsfetisch);

    b) die allseitige Vorherrschaft bürgerlicher/systemkonformer Denkweisen, Wertorientierungen, Normen etc. und damit die Aneignung interessenkonträrer Ideologie/Denkformen seitens der Beherrschten sowie

    c) die materiell fundierte Möglichkeit der Konvergenz von Kapitalinteressen und Partialinteressen von Lohnabhängigengruppen (z.B. die Teilhabe an der Ausbeutung und Entwicklungsbehinderung der "Dritten Welt" seitens bestimmter Teile der Werktätigen in den Metropolen).

Schon aufgrund dieser Konstellation ist eine sich spontan-naturwüchsig herausbildende Übereinstimmung von "Klassenposition" und ("revolutionärer") Bewußtseinsentwicklung der Beherrschten als eher unwahrscheinlich anzusehen.

Eine besondere Bedeutung für die Ausarbeitung einer kritisch-materialistischen Gesellschaftstheorie erlangt darüberhinaus die Erfassung der Eigenlogik subjektiver Realitätsverarbeitung. Damit rücken folgende Fragen ins Zentrum des Erkenntnisinteresses: Wie wird die komplexe soziale Realität - darin eingeschlossen ihre integralen Widersprüche, Ungleichheitsstrukturen, Anforderungszusammenhänge etc. - von den "gesellschaftlichen Individuen" mit ihren spezifischen Lebensstandorten kogniziert, erlebt, bewertet und handlungsstrategisch verarbeitet? Welche interindividuell variierenden Dispositionen des Denkens, Fühlens und Handelns bilden sich in diesem Prozeß und kristallisieren sich schließlich in bestimmten Subjektivitätsformen bzw. Persönlichkeitsstrukturen als (reproduzierender, stabilisierender, verändernder, revolutionierender) Mikroaspekt gesellschaftlicher Systementwicklung?

Für den traditionellen (Partei-)Marxismus stalinistischer Prägung, der einer ganzen Reihe von "kommunistischen Kadern" als richtungsweisende Orientierungsgrundlage diente, ist nun aber gerade eine kontraproduktive Ausblendung der subjektwissenschaftlichen Erklärungsdimension charakteristisch. Die Grundlage dieses "stalinistischen Antipsychologismus" (2) bildet ein mechanistischer Ökonomismus, der die Entwicklung und Beschaffenheit des kollektiven wie individuellen Bewußtseins linear aus den ökonomischen Verhältnissen ableitet. Dabei wird die Bewußtseins- und Ideenentwicklung als zwangsläufiger passiver Reflex auf subjektunabhängig sich vollziehende materielle Veränderungsprozesse behauptet. Im Rahmen dieses Diskurses, der die komplizierte Dialektik zwischen Subjekt-Tätigkeit-Objekt ausklammert, "ist es klar, daß die von unterdrückten Klassen vollzogenen revolutionären Umwälzungen eine völlig natürliche und unvermeidliche Erscheinung darstellen" (Stalin 1979, S.257). Als logische Konsequenz nun dieser impliziten Gleichsetzung von ökonomischer "Klassenlage" und "Klassenbewußtsein" bzw. dem "Unvermeidlichkeitsdogma" der proletarischen Revolution wird die wissenschaftliche Erfassung der menschlichen Subjektivität in ihrer Eigengesetzlichkeit bzw. die Entwicklung einer materialistischen Psychologie innerhalb der marxistischen Theorie entweder verworfen, mißachtet oder ignoriert. Das dieser stalinismistypische Antipsychologismus auch in poststalinistischen Marxismusvarianten ungebrochen fortexistiert, hatte K.Holzkamp (1977, S.52) am Beispiel des ehemaligen "Projekts Klassenanalyse" demonstriert: "Der individuelle Mensch erscheint hier also total als Produkt der objektiven gesellschaftlichen Einflüsse, und seine Individualität wird darauf reduziert, daß er quasi ein besonderer Schnittpunkt derartiger Einflüsse ist. Wenn man demgemäß die objektiven gesellschaftlichen Bedingungen, denen ein Mensch auf seinem gesellschaftlichen Standort ausgesetzt ist, nur spezifiziert genug erfaßt, so ist dies gleichbedeutend mit der Erfassung seiner Individualität."

Die Dominanz ökonomistischer und politizistischer "Lesarten" und Interpretationsvarianten des Marxismus verstellt nun aber gerade den Tatbestand, daß das Ensemble der marxistischen Theorieentwicklung in seiner heutigen Ausarbeitungsgestalt sehr wohl einen beachtlichen Fundus subjektwissenschaftlicher Konzeptionen enthält, während die neuere soziologische Ungleichheitsforschung ihren Mangel an einer ausgearbeiteten Subjektivitätskonzeption durch im Prinzip soziologistische Verfeinerungen (mehrdeutig-tautologische Individualisierungsthese, Lebensstilkonzept, postmoderne Milieutheorie) kaschiert bzw. kompensiert oder aber - im Falle der Systemtheorie - durch "plagiatorischen" Einbau naturwissenschaftsspezifischer Paradigmen (Autopoiesisbegriff, vgl. Fürnkranz in dieser Ausgabe) ersetzt (3). Allerdings setzt diese subjektwissenschaftlich "aufgeklärte" Sichtweise, die im vorliegenden Kontext den "kapitaltheoretischen" Klassenbegriff und die tätigkeitspsychologische Subjektivitätskonzeption verknüpft, den Bruch mit dem subjektlosen, ökonomistischen "Marxismus" Stalinscher oder Althusserscher Prägung (vgl. Seppmann 1993 und in dieser Ausgabe) voraus. Eben dieser um die Subjektivitätsdimension gekürzte, ökonomistische, politisch doktrinäre "Marxismus" ist es aber, der dem "modernen" bürgerlichen Antimarxismus immer wieder als Popanz dient.


I. Zum Problem der revolutionären Subjektwerdung im Werk von Marx und Engels

Die methodische Differenzierung zwischen Struktur- und Handlungsebene impliziert, "Klasse" und "Subjekt" (verstanden als eingriffsfähiger "praktisch-kritischer" Akteur) begrifflich auseinanderzuhalten und als "problematische" bzw. "kontingente" (Möglichkeits-)Beziehung zu denken. Das bedeutet: Der "Klasse der Lohnabhängigen" kann nicht von vornherein der Status eines "historischen" oder "revolutionären" Subjekts als inhärentes Wesensmerkmal zugeschrieben werden. Folgt man dieser Perspektive, dann setzt die nicht nur abstrakt-emphatische, sondern konkret-wissenschaftliche Behandlung des "praktisch-kritischen" Subjektwerdungsprozesses im Rahmen eines kritisch-marxistischen Diskurses zunächst die ungeschminkte Zurkenntnisnahme der werkimmanenten Widersprüchlichkeiten und Inkonsistenzen der problemrelevanten Klassikeraussagen voraus. Ohne hier in eine extensive Textanalyse einzusteigen, sollen doch jene m.E. wesentlichen, teilweise stark divergierenden Aussageebenen skizziert werden, die jede für sich Anknüpfungspunkte für unterschiedliche epigonale Marxismusvarianten bereitstellen:

1) In der bereits kritisierten teleologisch-deterministischen Fassung der "historischen Mission der Arbeiterklasse" (vgl. Teil I, HINTERGRUND I/94, S.40) wird der revolutionäre Subjektwerdungsprozeß des Proletariats als zwangsläufiges Resultat eines (aus phasenspezifisch-frühkapitalistischen Systemmerkmalen) extrapolierten Vergesellschaftungsprozesses behauptet, der durch wachsende Verelendung, Homogenisierung und Organisiertheit gekennzeichnet wird. Dieses "objektivistisch" begründete "Unvermeidlichkeitsdenken" als Garant für einen "unerschütterlichen" klassenkämpferischen Optimismus ist bei Engels noch 1885 (MEW 21, S.223) ungebrochen gegenwärtig:

"Heute muß man das gesamte deutsche Proletariat unter Ausnahmegesetze stellen, um nur den Prozeß seiner Entwicklung zum vollen Bewußtsein seiner Lage als unterdrückte Klasse um ein geringes zu verlangsamen...der einfache, sich von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinnter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden, Beschlüsse und sonstige greifbare Formen das gesamte Deutsche Reich zu erschüttern. Bismarck ist Schiedsrichter in Europa, draußen, jenseits der Grenze; aber drinnen wächst täglich drohender jene Athletengestalt des deutschen Proletariats empor, die Marx schon 1844 vorhersah".

Der Bewußtwerdungs- und Lernprozeß des Proletariats als historisch-revolutionäres Subjekt erscheint in diesem Denkrahmen als automatischer Reflex auf die objektive Entfaltungs- und Vergesellschaftungslogik der Kapitalbewegung - vermittelt über die sinnlich-alltägliche Evidenz der Ausbeutungserfahrung. Es ist nicht zu übersehen, daß die später vollzogene stalinistische Synthese von mechanistischem Ökonomismus und triumphalistischen Proletariatsmythos in diesem "Aussagestrang" eine legitimatorische Basis vorfindet.

2) Die Annahme einer zwangsläufig vorwärtsschreitenden revolutionären Bewußtwerdung/Radikalisierung des Proletariats infolge sich verschärfender Ausbeutungserfahrungen und der zunehmenden betrieblichen "Zusammenballung" der Lohnarbeit etc. steht in einem unvermittelten Aussagewiderspruch zu den im Marxschen "Kapital" im Kontext der Warenanalyse entschlüsselten Mystifikationen der gesellschaftlichen Verhältnisse. In Gestalt dieser Mystifikationen ist nämlich gerade das Moment der sinnlichen Evidenz getilgt und das Wesen des antagonistischen Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital weitgehend "entsinnlicht"; die Agenten des kapitalistischen Reproduktionsprozesses bleiben im unmittelbaren Vollzug ihrer gesonderten Tätigkeiten in verkehrten Bewußtseinsformen befangen, in denen sowohl der Wesenszusammenhang der kapitalismusspezifischen Ausbeutung/Mehrwertabpressung z.B. in Gestalt des Lohnfetischs (4), als auch der gesellschaftliche Charakter der unabhängig voneinander betriebenen privaten Produktionstätigkeiten unerkannt bleibt bzw., so Marx (1976, S.86), die "phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt" (Warenfetischismus (5)). Indem nun der gesamtgesellschaftliche Reproduktionszusammenhang in seiner Wesensstruktur für die beteiligten (unmittelbar tätigen) Gesellschaftsmitglieder unerkannt bleibt und sich hinter ihrem Rücken vermittels der "selbstregulativen" Marktgesetze quasi naturwüchsig von selbst herstellt, werden die reproduktionsnotwendigen Praxisformen von den "gesellschaftlichen Individuen" realisiert, ohne daß ihnen der selbst vollzogene gesellschaftliche Bewegungsprozeß bewußt wäre. "Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es" (ebenda S.88). Dieser in der Marxschen Kapitalanalyse aufgedeckte bewußtlos-selbsttätige Vollzugsmodus der Systemreproduktion ist es, der im Rahmen der "struktur-marxistischen" Denkweise verabsolutiert und zu einer "subjektlosen Geschichtsauffassung" ausgebaut worden ist (6).

Der theorieimmanente Widerspruch zwischen der Erwartung einer "zwangsläufig" sich vollziehenden revolutionären Subjektwerdung der Arbeiterklasse einerseits und der Aufdeckung des verdinglichten, mystifizierten Bewußtseins als wesentlicher Effekt der kapitalistischen Systemreproduktion andererseits wird von Marx und Engels an keiner Stelle explizit und systematisch aufgelöst. Allerdings haben sie, in einem andersartigen "allgemeintheoretischen" Aussagekontext im Rahmen ihres Gesamtwerks - z.B. in der 'Deutschen Ideologie' und den 'Thesen über Feuerbach' -, den Grundstein gelegt für eine materialistisch-dialektische Theorie der "praktisch-kritischen", gesellschaftsverändernden Tätigkeit:

(a) Zunächst betonen sie in ihrer Kritik der "idealistischen Denktradition", die auf der Lostrennung des Ideellen vom wirklichen gesellschaftlich-historischen Lebensprozeß der Menschen basiert, die funktionale "Verwobenheit" bzw. das integrale Eingebundensein der geistig-psychischen (Bewußtseins-)Tätigkeit in den Prozeß der materiellen Lebensproduktion (7): "Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens" (MEW 3, S.26). Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Rekonstruktion des gesellschaftlich-historischen Prozesses sind demnach die "wirklich tätigen", "wirkenden" Menschen, "nicht in irgendeiner phantastischen Abgeschlossenheit und Fixierung, sondern in ihrem wirklichen, empirisch anschaulichen Entwicklungsprozeß unter bestimmten Bedingungen" (ebenda S.27). In dieser wissenschaftlichen Rekonstruktionsperspektive verliert die "verabsolutierte" Ideenentwicklung den Schein der Selbständigkeit: "Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen muß an ihre Stelle treten" (ebenda).

(b) Gegenüber der materialistischen Tradition wird als Hauptmangel die passive, bloß anschauliche Fassung der menschlichen Subjektivität als Reflex bzw. Produkt der äußeren Umstände herausgearbeitet. "Daher geschah es, das die tätige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde - aber nur abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt" (MEW 3, S.533). Während also in der idealistischen Tradition 'menschliche Tätigkeit' auf 'geistige Tätigkeit' reduziert und vom materiellen Lebensprozeß abgelöst wird, verkennt der "anschauende" Materialismus den aktiven Charakter der materiellen Lebenspraxis der Menschen. Er folgt, in der Sicht Leontjews (1982, S.82f.), einem zweigliedrigen Grundschema: Einwirkung des Objekts > Veränderung der fließenden Zustände des Subjekts; d.h. "das Bewußtsein wird unmittelbar durch die Dinge und Erscheinungen der Umwelt bestimmt". Marx akzentuiert demgenüber in seiner kritisch-dialektischen Synthese den eingreifenden, umgestaltenden, wirklichkeitsverändernden, gegenständlichen Status der menschlichen Lebenstätigkeit. Wirklichkeitsveränderung und Selbstveränderung werden als tätig vermittelte Einheit begriffen: "Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichejn Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden" (MEW 3, S.534).

(c) Im Unterschied zum anschaulichen Materialismus folgt der Marxsche Materialismus einem dreigliedrigen Schema: Zwischen das bedürftige Subjekt und die widerständige (nicht unmittelbar bedürfnisadäquat beschaffene) objektive Realität tritt die widerspruchslösende Tätigkeit. Auf menschlichem Entwicklungsniveau erhält nun diese Tätigkeit in Gestalt der gesellschaftlichen Arbeit eine spezifische Qualität: Als Fähigkeit zu einer bewußt-zweckmäßigen, werkzeugvermittelten, kooperativ-kommunikativen Form der Lebensgewinnung ist sie die evolutionär hervorgebrachte gattungsspezifische "Lösung" des Widerspruchs zwischen vergesellschafteten Menschen und außermenschlicher Natur (8), "erste Grundbedingung allen menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen" (MEW 20, S.444). Im Rahmen seiner Reflexion des Arbeitsprozesses unabhängig von dessen gesellschaftlicher Formbestimmtheit gelangt Marx zu seinem allgemeinen Arbeitsbegriff, der ein Schlüsselglied bildet für den Aufbau einer materialistischen Subjektwissenschaft. Als "Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört" (Marx 1976, S.193), analysiert Marx die "äußere Beziehungsdialektik" der Arbeit und abstrahiert die folgenden einfachen Momente des Arbeitsprozesses: die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst; den Arbeitsgegenstand und die (oder das) Arbeitsmittel. Der Mensch (der Arbeiter) schiebt folglich zwischen sich und den Arbeitsgegenstand Arbeitsmittel (Werkzeuge), mit denen er verändernd auf den Arbeitsgegenstand einwirkt (den Arbeitsgegenstand zum intendierten Produkt umformt), dabei die Widerständigkeit des Arbeitsgegenstandes erfährt und sich aufgrund dieser "Rückkopplung" selbst verändert (Speicherung von Widerständigkeitserfahrungen, Entwicklung von darauf gerichteten "problemlösenden Fähigkeitsstrukturen etc.).

Hervorzuheben ist nun, daß der Marxsche allgemeine Arbeitsbegriff auch die "innere Beziehungsdialektik" der Arbeit und damit die grundlegenden Bestimmungsmomente der psychischen Tätigkeitsregulation auf menschlichem Entwicklungsniveau reflektiert:

1) Als allgemeine Orientierungsgrundlage der Arbeitstätigkeit bildet die ideelle (bewußtseinsmäßige) Antizipation des Arbeitsresultats das interne Modell der gegenständlichen ("äußeren") Arbeitstätigkeit. D.h. die ideelle Produktantizipation wirkt als Ziel-, Prozeß- und Kontrollregulator (9). In genetischer Hinsicht beruht diese ideelle Antizipation auf der Widerspiegelung der drei einfachen Momente des Arbeitsprozesses (einschließlich der Selbstwahrnehmung als bedürftiges Tätigkeitssubjekt), die im Prozeß der Denktätigkeit - vor dem Hintergrund der selbsterfahrenen (wahrgenommenen) Bedürfnissen und der im Gedächtnis gespeicherten (vorgängigen) Tätigkeitserfahrungen - operativ verknüpft werden. Gegenstand, Mittel und (gegenständliche) Tätigkeit selbst werden folglich in der psychischen Orientierungstätigkeit problembezogen (produkt- bzw. zielbezogen) miteinander vermittelt, wobei die ideelle Antizipation des Arbeitsresultats ihrerseits als Resultat vorangegangener Widerspiegelungstätigkeit (Wahrnehmungs- und Denktätigkeit) zu begreifen ist.

2) In der Marxschen Bestimmung der menschlichen Arbeitstätigkeit ist bereits deutlich der ganzheitliche Charakter (bzw. das interfunktionelle Zusammenwirken) der spezifisch menschlichen psychischen Tätigkeit (Bewußtseinstätigkeit) zum Ausdruck gebracht: Bedürfnisse, Kognition/Emotion/Motivation, Handlungsplanung, -ausführung und -kontrolle etc. sind integrative Teilmomente (Funktionskomponenten) der Arbeitstätigkeit (10). "Alle psychischen Prozesse...treten in Wirklichkeit als Seiten und Momente bei Arbeit, Spiel und Lernen oder überhaupt beim Tätigsein auf. Sie kommen in der Realität nur vor in wechselseitigen Verbindungen und Übergängen aller Aspekte des Bewußtseins innerhalb der konkreten Tätigkeit, in der sie sich ausformen und von der sie bestimmt werden" (Rubinstein 1977, S.707).

3) In der Marxschen Bestimmung der 'inneren Seite' der menschlichen Arbeit wird implizit auch auf ein wesentliches Charakteristikum des menschlichen Tätigkeits- und Bewußtseinsniveaus verwiesen: die bewußt-planmäßige, bedürfnisbezogene Verknüpfung der drei Zeitebenen. "Dies kennzeichnet die spezifische Organisationshöhe des menschlichen Gehirns, nämlich die Fähigkeit zur bewußten Organisation zeitlicher Einheiten in die Zukunft aufgrund der vergangenen Erfahrung zum Zwecke der eigenen Bedürfnisbefriedigung. Dies ist eine Systemeigenschaft, über die jedes menschliche Gehirn verfügt" (Jantzen 1980, S.62).

4) Ein wesentliches Spezifikum der menschlichen Arbeit ist darin zu sehen, daß - vermittelt über die planvolle Herstellung von Werkzeugen für verallgemeinerte Verwendungszwecke - sich die menschliche Tätigkeit von der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung (unmittelbares "Getriebensein" von aktuellen Bedürfnisspannungen) emanzipiert und sich auf die Vorsorge für künftige Notfälle konzentriert.

5) Im Werkzeug (Mittel der Arbeit) sind bestimmte invariante Eigenschaften (Gesetzmäßigkeiten) der äußeren Natur (-zusammenhänge) abgebildet, so daß - neben der Sprache - in den Werkzeugen gesellschaftlich-menschliche Erfahrungen vergegenständlicht sind, die in dieser vergegenständlichten Form intergenerativ tradierbar werden. So formuliert Schurig (1976, S.319): "Werkzeuge sind nichts anderes als 'steinerne Begriffe', deren Bedeutung auf der Kombination ideeller Mittel (der Gedanke des Instrumentes als Blattspitze oder Schaber) und materieller Realisation beruht."

(c) In dem die vergesellschafteten Menschen 1) in Form der Arbeit die äußere Natur zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung auf stets wachsender Stufenleiter - allerdings mit z.T. destruktiven "Fernwirkungen" - umgestalten und 2) diesen widerspruchsvollen Umgestaltungsprozeß in gesonderten gesellschaftlichen Formen (Religion, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc.) reflektieren, schaffen sie eine menschheitsspezifische Umwelt in Gestalt der Kultur (11). Diese strukturierte Totalität menschlicher Kulturleistungen als Resultate/Vergegenständlichungen menschlich-gesellschaftlicher Tätigkeiten definiert für die jeweils nachwachsende Generation ein jeweils konkret-historisch vorgefundenes Möglichkeitsfeld der Lebensgestaltung. Marx bestimmt, in strikter Abhebung vom einzelnen Individuum, diese strukturierte Totalität kultureller Vergegenständlichungen als "menschliches Wesen" (12). Als "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" gliedert sich das "menschliche Wesen" in zwei unterscheidbare "Vergegenständlichungsbereiche":


Materielle Möglichkeiten der Lebensgestaltung

a. Niveau der Produktivkräfte und Charakter der korrespondierenden Produktionsverhältnisse (Grad der Naturbeherrschung, Grad der Arbeitsteilung, Distribution von Zugangsmöglichkeiten zum kumulierten materiellen gesellschaftlichen Reichtum).


Ideelle Möglichkeiten der Lebensgestaltung

a. Niveau der in Sprache objektivierten gesellschaftlichen Gedankenformen (die Natur-, Gesellschafts- und Selbsterkenntnis der Menschen betreffenden objektiven Bedeutungssysteme); b. Niveau der in nichtsprachlichen Kunstgegenständen objektivierten gesellschaftlichen Gedankenformen.

Die "Außermittigkeit" des menschlichen Wesens (SŠve) als "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" (interaktive Beziehungsformen, Handlungsstrukturen, Gegenstände, Gedankenformen), d.h. sein gegenüber den "gesellschaftlichen Individuen" objektiver Charakter, verweist auf die Notwendigkeit der Aneignung als "Verarbeitungsform" (und Vermittlungskategorie) des Widerspruchs zwischen "menschlichem Wesen" und "gesellschaftlichen Individuen" (13): Aneignug als über sinnlich-praktische Tätigkeitsprozesse vollzogene "Verwandlung" historisch vorgefundener Vergegenständlichungen in ein "inneres Konkretum": "Inneres Konkretum bedeutet...eine innere Konkretion der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Erfahrungen in der Gesellschaft, der in der Gesellschaft bisher vorhandenen erkannten Gesetzmäßigkeiten, die dann zu eigenen Fähigkeiten werden...Es erfolgt also eine Metarmorphose von gesellschaftlich erkannten Gesetzmäßigkeiten in individuelle Fähigkeiten und von individuellen Fähigkeiten (sinnlich-praktische Tätigkeit) in gesellschaftlich erkannte und verfügbare Gesetzmäßigkeiten" (Jantzen 1980, S.61). Wesentlich ist in diesem dialektischen Kontext von Aneignungs- und Vergegenständlichungstätigkeit die Differenzierung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit der Verhältnisse, worauf Röhr (1979, S.143) aufmerksam gemacht hat: "Persönlichkeitsentwicklung bedeutet nicht bloß einen individuellen Nachvollzug vorgegebener Bedingungen, sondern vor allem Aneignung der Möglichkeiten, der Erfordernisse dieser Verhältnisse, also ein produktives Verhalten zu ihnen."

(e) Die materielle, durch gesellschaftliche Arbeit vermittelte Lebensreproduktion vollzieht sich in einem konkret-historischen Geflecht von Beziehungsformen, die die vergesellschafteten Menschen untereinander eingehen, tradieren, reproduzieren und verändern. Insbesondere mit der Teilung der Arbeit wird ein System antagonistischer zwischenmenschlicher (Herrschafts-)Verhältnisse erzeugt, das in jeweils formationsspezifischer Konfiguration in Erscheinung tritt (vgl. Teil I, HINTERGRUND I/94, S. 34f.). Als Wirkungsresultat dieses antagonistisch konstituierten Tätigkeitssystems und als Bewegungs- und Austragungsform der damit gesetzten zwischenmenschlichen Widersprüche bildet sich die "revolutionäre", "praktisch-kritische" Tätigkeit als menschliche Praxisform sui generis. Die "Selbstzerrissenheit" und das "Sich-selbst-Widersprechen" der antagonistischen menschlichen "Gemeinwesen" in ihrer jeweiligen historischen Konkretion ruft demnach einen eigenständigen Verarbeitungsmodus hervor, der gesellschaftskritisches Denken (in jeweils historisch limitierter Form) und widerständig-eingreifendes Handeln verbindet: Denn die "Selbstzerrissenheit" der antagonistischen Gesellschaftsform muß "erstens in ihrem Widerspruch verstanden und sodann durch Beseitigung des Widerspruchs praktisch revolutioniert werden" (MEW 3, S. 534). Die gegenständliche Lebenstätigkeit der vergesellschafteten Menschen erschöpft sich folglich nicht in konstitutiven Akten erweiterter Selbstreproduktion (gesellschaftliche Arbeit als je formationsspezifisch organisierte kollektive Einwirkung auf die Natur). Sie umfaßt als weitere wesentliche Dimension eben jene gesellschaftsverändernde "praktisch-kritische" Tätigkeit, die in Gestalt konkret-historisch organisierter kollektiver Praxis ("Geschichte der Klassen- und sozialen Interessenkämpfe") auf die progressive Umwälzung der gesellschaftlichen Regulierungsform des Stoffwechselprozesses mit der außermenschlichen Natur abzielt.

Im Rahmen dieser spezifisch-menschlichen Tätigkeitsdimension entsteht nun eine diskrete Vergegenständlichungs-/Aneignungslogik, die als "revolutionäres Sozialerbe" gekennzeichnet werden kann: In dem Maße, wie Teile der beherrschten und ausgebeuteten Volksmassen den "widerständigen" Kampf gegen die unterdrückenden Gewalten aufnehmen und sich damit als "praktisch-kritisches" Subjekt formieren, schaffen und reproduzieren sie ein spezifisches Bedeutungsensemble, das als tradierbare "Zweite Kultur"(14) die Möglichkeit "kritisch-kämpferischer" Subjektentwicklung initiiert. In inhaltlicher Hinsicht umfaßt diese geschichtlich evolvierende spezifische Kulturform eine komplex strukturierte Totalität klassenspezifischer multiphänomenaler Bedeutungen: Bücher, Flugschriften, Pläne, Programme, Bilder, Lieder, literarische Werke, Kampfsymbole, Rituale, Normen etc. als besondere Vergegenständlichungen mit der funktionalen Qualität kognitiv-weltanschaulicher Orientierung, emotional-motivationaler Mobilisierung, willentlicher Stabilisierung und handlungsbezogener Identitätsbildung der "praktisch-kritisch" tätigen und vergemeinschafteten Individuen.

In dieser "tätigkeitstheoretischen" Perspektive erscheint dann die "revolutionäre Subjektwerdung" der "Klasse der Lohnabhängigen" nicht mehr als vorherbestimmtes, teleologisches Wesensattribut, das mit zwangsläufiger Gesetzmäßigkeit zur schließlichen Entfaltungs gelangt, sondern als konkret-historisch bedingte Möglichkeitsform kollektiver wie personaler Subjektentwicklung. Demnach wäre zwischen der "historischen Mission der Arbeiterklasse" und der "kontingenten", kompliziert und widersprüchlich verlaufenden "revolutionären Subjektformierung" der Lohnabhängigen (bzw. relevanter Teile der "abhängig beschäftigten" Bevölkerungmehrheit) zu unterscheiden. Die "historische Mission der Arbeiterklasse" besäße demnach den Status einer Entwicklungsnotwendigkeit (15), die sich aus ihrer spezifischen Stellung im gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozeß als kommandierte, mehrwertproduzierende (ausgebeutete), beherrschte Klasse ergibt; einer Klasse, die "ihre Befreiung vom Joch der ausbeutenden und herrschenden Klasse - der Bourgeoisie - nicht erreichen kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft ein für alle mal von aller Ausbeutung und Unterdrückung, von allen Klassenunterschieden und Klassenkämpfen zu befreien" (MEW 21, S. 357). Wesentlich ist in diesem Klärungszusammenhang die Bedeutung des Begriffs 'Entwicklungsnotwendigkeit': "'Entwicklungsnotwendigkeit' ist hier keinesfalls als kausal-mechanische historische Entwicklungszwangsläufigkeit zu verstehen. 'Not-wendig' im Marxschen Sinne ist das, was getan werden muß, um die gesellschaftliche 'Not' zu 'wenden', wobei das Wenden der Not und die materielle gesellschaftliche Weiterentwicklung in der menschlichen Geschichte ein und derselbe Prozeß sind" (Holzkamp 1978, S.79). Allerdings ist folgendes zu berücksichtigen: "Die gesellschaftliche Praxis kann einerseits durch die Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten geleitet, damit bewußte Erfüllung der objektiven Entwicklungsmöglichkeiten einer bestimmten historischen Stufe sein; insoweit ist sie Träger der Verwirklichung der gesellschaftlich 'notwendigen' Entwicklung; gesellschaftliche Praxis kann aber auch gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungsnotwendigkeiten einsichtslos und bewußtlos verlaufen, damit die gesellschaftlichen Entwicklungsnotwendigkeiten verfehlen; insoweit werden die gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten nicht zur historischen Wirklichkeit" (ebenda, S.79f.).

Die Realisierung/Nichtrealisierung der konkret-historischen Entwicklungsnotwendigkeiten hängt dabei entscheidend von der jeweiligen "Richtung" ab, die als Resultat der subjektiven Verarbeitung/Bewältigung der "vorgefundenen" tätigkeitsbestimmenden gesellschaftlichen Widersprüche - in Anbetracht des konkret-historisch gegebenen "verarbeitungsrelevanten" Bedeutungsensembles - "gewählt" wird. Insbesondere das epochenspezifisch geprägte "revolutionäre Sozialerbe" in seiner skizzierten multiphänomenalen Gestalt enthält jene Bedeutungen/Informationen/Orientierungsmittel, die in den persönlichen Sinnhorizont der (Klassen-)Individuen gelangen müssen, damit sie im Rahmen der individuellen Subjektentwicklung als "Lösungsmaterial" für die progressive Verarbeitung hautnah erfahrener gesellschaftlicher Lebenswidersprüche dienen können. Nur so können die "Proletarier" subjektiv zu der Einsicht gelangen, daß sie "den Staat stürzen (müssen), um ihre Persönlichkeit durchzusetzen" (MEW 3, S.77).


II. Zum Klassenbewußtseinskonzept als Diskursform der revolutionären Subjektwerdung der Arbeiterklasse

Im Anschluß an Marx und Engels, ja noch zu Lebzeiten von Engels, obsiegt innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung zunächst jene deterministische Interpretation des "Wissenschaftlichen Sozialismus", die das soeben skizzierte subjekttheoretische Potential der Marxschen Theorie weitestgehend außer Acht läßt und letztendlich verschüttet. Im zeitgenössischen Vulgärmarxismus wird dem Geschichtsprozeß ein mechanistisch wirkendes (teleologisches) Fortschrittsgesetz unterstellt, als dessen schließlicher Vollstrecker das Proletariat fungiert. Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus wird in diesem Denkrahmen "zusammenbruchstheoretisch" gedeutet. Auf politischer Ebene entspricht diesem "entsubjektivierten" Marxismus ein revolutionärer Attentismus; d.h. eine passiv-abwartende Haltung im Vertrauen auf den "objektivistisch" garanierten Triumph des historischen Fortschritts.

Doch zunehmend tritt der Widerspruch zwischen dem empirischen Ist-Zustand des "Arbeiterbewußtseins" und dem Ensemble von Einsichten, Orientierungen, Kompetenzen, Willensmomenten etc. zutage, das als subjektive Voraussetzung für die Verwirklichung der historischen Mission der Arbeiterklasse real vorhanden sein muß. Angesichts der grundstrukturellen Umwälzungsprozesse der kapitalistischen Systemreproduktion (Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus) avanciert diese "anforderungslogische" Diskrepanz zu einem herausragenden Problemgegenstand der marxistischen Theorie- und Strategiedebatte.


II. 1. Lenin

Am nachhaltigsten kritisiert Lenin im Kontext seiner Auseinandersetzung mit dem russischen "Ökonomismus" die Annahme einer naturwüchsig-spontanen, quasi-automatischen revolutionären Bewußtwerdung der Arbeiterklasse. In Anknüpfung an Engels' Hinweis, "daß der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, auch wie eine Wissenschaft betrieben, d.h. studiert werden will" (Engels 1976, S.517), akzentuiert Lenin die zentrale Funktion der revolutionären Theorie als subjektkonstituierendes Bildungsmittel des sich formierenden Proletariats:

"Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart" (Lenin 1978,LW 5, S.379).

Die primäre Aufgabe der revolutionären Partei sieht Lenin unter diesem Blickwinkel in der Synthese von Wissenschaftlichem Sozialismus und Arbeiterbewegung, darin,

"in die spontane Arbeiterbewegung bestimmte sozialistische Ideale hineinzutragen, sie mit sozialistischen Überzeugungen, die auf dem Niveau der modernen Wissenschaft stehen müssen, zu verbinden, sie mit dem systematischen politischen Kampf für die Demokratie als ein Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus zu verbinden, mit einem Wort, diese spontane Bewegung mit der Tätigkeit der revolutionären Partei zu einem unauflöslichen Ganzen zu verschmelzen" (Lenin 1960, LW 4, S.211).

Ausgehend von der historischen Erfahrungstatsache, daß die Arbeiterklasse im Rahmen ihrer spontanen Kämpfe nur ein systemimmanent-reformistisches ("trade-unionistisches") Bewußtsein hervorzubringen vermag, reflektiert Lenin den Bildungsprozeß von Klassenbewußtsein bzw. revolutionärem Bewußtsein - auf der Ebene des kollektiven Subjekts - als doppelseitige Aufgabenstellung: aus der Sicht der Arbeiterklasse als Aneignungsproblem; aus der Sicht der revolutionären Partei als Vermittlungsproblem. Organisationsbzw. Parteitheorie und (Entwicklungs-)Theorie des proletarischen Klassenbewußtseins bilden bei Lenin dementsprechend eine "wechselwirkende" Einheit. Entgegen der situationsmodischen Diffamierung, die Leninsche Konzeption in ihrer orginären Gestalt inthronisiere die bolschewistische Partei "neuen Typs" als unfehlbare Instanz mit dem Ziel der permanenten Bevormundung/Beherrschung der Arbeiterklasse (16), ist hier hervorzuheben, daß Lenin das Prinzip der Selbstkritik als unabdingbare Voraussetzung der "Vermittlungstätigkeit" der revolutionären Partei ansieht:

"Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen - das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse" (Lenin 1983, LW 31, S.42).

Die stufenweise Entwicklung des proletarischen Klassenbewußtseins ist für Lenin an einen spezifischen Kommunikationsprozeß gebunden, in dessen Rahmen proletarische Erfahrungsreflektion und -artikulation einerseits sowie theoretische Wissens- und Informationsvermittlung andererseits eine produktive Synthese bilden. Dazu ist es aber erforderlich,

"daß die Arbeiter sich nicht in dem künstlich eingeengten Rahmen einer 'Literatur für Arbeiter' abschließen, sondern daß sie es immer mehr lernen, sich die allgemeine Literatur zu eigen machen. Es wäre sogar richtiger, anstatt 'sich nicht abschließen' zu sagen: nicht abgeschlossen werden, denn die Arbeiter selbst lesen alles und wollen alles lesen, auch das, was für die Intelligenz geschrieben wird, und nur einige (schlechte) Intellektuelle glauben, 'für Arbeiter' genüge es, wenn man ihnen von den Zuständen in der Fabrik erzählt und längst bekannte Dinge wiederkäut" (Lenin 1978, LW 5, S.395).

Selbstbehinderndes Moment der Vermittlung von marxistischer Theorie und proletarischer Erfahrung ist die Wissenschafts- und Theoriefeindlichkeit innerhalb der Arbeiterklasse sowie der daraus hervorgehende Antiintellektualismus. Auf die Frage, in welcher Schicht der Arbeiterschaft der Antiintellektualismus am stärksten ausgeprägt ist, hat Mandel (1970, S.193) folgende Antwort gegeben: "Offensichtlich in jenen Schichten, die durch ihren sozialökonomischen Status am nachhaltigsten Konflikten mit der geistigen Arbeit ausgesetzt sind, also vor allem bei Arbeitern in den durch den technischen Fortschritt bedrohten Klein- und Mittelbetrieben, bei Arbeitern, die sich durch persönliche Anstrengung als Autodidakten aus der Masse hervorgehoben haben, und Arbeitern, die sich zur Spitze bürokratischer Organisationen vorgearbeitet haben... Diese Schichten waren auch die Hauptstützen der Mehrheitssozialdemokratie in den entscheidenden Jahren der deutschen Revolution 1919-1923."

Den Brennpunkt der Leninschen Konzeption bildet folglich die (epochenspezifische) Vermittlung von marxistischer Theorie und proletarischer (präfordistischer) Klassenerfahrung angesichts a) der historischen und strukturellen Dominanz der bürgerlichen Ideologie; b) der politischen Spaltung der Arbeiterbewegung und c) der aufkeimenden und sich verfestigenden Differenzierung der Arbeiterklasse in "Arbeiteraristokratie" und Masse der "einfachen" Arbeiter. In scharfem Kontrast zur "attentistischen" Fortschrittsgläubigkeit des Vulgärmarxismus betont Lenin die Möglichkeit/Wahrscheinlichkeit des Widerspruchs zwischen objektiver gesellschaftlicher Krisenverschärfung einerseits und (disparatem) Entwicklungsstand des subjektiven Faktors andererseits als zentrale Herausforderung für die Tätigkeitsgestaltung der revolutionären Kräfte:

"Es wäre fasch zu glauben, daß die revolutionären Klassen immer über genügend Kraft verfügen, um einen Umsturz zu bewerkstelligen, wenn dieser auf Grund der gesellschaftlich-ökonomischen Entwicklung vollauf herangereift ist. Nein, die menschliche Gesellschaft ist nicht so vernünftig eingerichtet und nicht so 'bequem' für die fortgeschrittenen Elemente. Der Umsturz kann herangereift sein, allein die Kräfte der revolutionären Schöpfer dieses Umsturzes können sich als ungenügend erweisen, ihn zu bewerkstelligen - dann fault die Gesellschaft, und diese Fäulnis kann Jahrzehnte hindurch andauern" (Lenin 1982, LW 9, S.367).

Nicht nur in bezug auf die Organisations- und Bewußtseinstheorie, sondern auch eingedenk der Studien zur Dialektik (Philosophische Hefte; vgl. Jantzen 1990) markiert das Werk Lenins sowohl in politischer als auch in theoretischer Hinsicht einen Bruch mit dem zeitgenössischen Vulgärmarxismus und impliziert darüberhinaus eine Vertiefung bzw. Weiterentwicklung der Marxschen Theorie gerade auf dem Gebiet des "subjektiven Faktors". Wie Mandel, für den Lenin zusammen mit Rosa Luxemburg, Trotzki, Lukacs und Gramsci den "Marxismus des subjektiven Faktors" repräsentiert, zutreffend bemerkt hat, spricht Lenin offen aus, "was Marx nur angedeutet hat und seine Epigonen kaum verstanden, nämlich daß es weder einen 'automatischen' Umsturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung noch eine 'spontane' Ablösung dieser Gesellschaftsordnung durch eine sozialistische Gesellschaft geben kann" (Mandel 1970, S.153).

Allerdings sind auch die Grenzen und Schwachstellen der organisations- und bewußtseinstheoretischen Konzeption Lenins kritisch in Rechnung zu stellen:

1) Der Begriff des "proletarischen Klassenbewußtseins" als subjektive Voraussetzung der "historischen Mission der Arbeiterklasse" wird inhaltlich nicht genügend expliziert. Seine Wesensmerkmale im Verhältnis zum spontanen "nur-gewerkschaftlichen" Bewußtsein, zu "rechts- und linksopportunistischen" Einstellungen sowie zu retardierten Formen des "Arbeiterbewußtseins" werden nicht systematisch dargelegt. Ebenso bleibt der "selbsttranszendierende" Status des Klassenbewußtseins als (revolutionäre) Einsicht in die allgemeingesellschaftliche Not-Wendigkeit der Überwindung der klassenantagonistischen Zivilisation bei Lenin mitunter im Dunklen. Manchmal hat es den Anschein, "Klassenbewußtsein" würde verkürzt auf das handlungsrelevante Bekenntnis zur revolutionären Machtergreifung und postrevolutionären Machtbehautung des Proletariats.

2) Lenins theoretische Bemühungen konzentrieren sich auf die Aufschlüsselung der Wechselbeziehungen zwischen Partei, Klasse und Masse sowie deren Gestaltung im Interesse der sozialistischen Revolution. Damit bleibt aber sein Reflexionshorizont im wesentlichen auf die kollektive Ebene der Subjektentwicklung beschränkt. Die "Individualgenese" des proletarischen Klassenbewußtseins, darin eingeschlossen das Verhältnis von "Gesellschaftserkenntnis" und "Selbsterkenntnis", wird nicht erfaßt. Entsprechend wird das Problem der Aneignung von Klassenbewußtsein "kognitivistisch" auf Wissensvermittlung bzw. Nachvollzug der wesentlichen Erkenntnisse des "Wissenschaftlichen Sozialismus" im individuellen Denken reduziert, während die emotional-motivationale Seite der proletarischen Bewußtseinsentwicklung ausgeblendet bleibt. Die Entwicklung einer Subjektivitätskonzeption auf materialistisch-dialektischer Grundlage steht also trotz Lenins "Marxismus des subjektiven Faktors" weiterhin aus.

3) Der Monopolkapitalismus/Imperialismus in seiner "präfordistischen" Gestalt und mit seiner konkret-spezifischen Widerspruchsdynamik ist die für Lenin erkenntnis- und praxisrelevante Realität. Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Aspekte seiner Konzeption: Zum einen ist die Existenzweise für die Masse der LohnarbeiterInnen noch weitgehend ungebrochen durch den Charakter der Proletarität geprägt, d.h., so Engels, durch "die Unsicherheit der Lebensstellung, die Notwendigkeit, vom Lohn aus der Hand in den Mund zu leben, kurz das, was sie (die Arbeiter, H.K.) zu Proletariern macht (MEW 2, S.344). Vergleichsweise unkompliziert "funktioniert" noch der "Mechanismus" der spontanen ("trade-unionistischen") Interessenbildung und Formierung der Arbeiterklasse als Voraussetzung für die politische Agitation der revolutionären Partei. Zum anderen erwächst aus der konkret-historischen Zuspitzung der kapitalistischen Systemwidersprüche (samt der kriegerischen Austragung der zwischenimperialistischen Interessenkonflikte) ein Aufschwung der spontanen Klassenkämpfe, der die Möglichkeit einer herannahenden Revolution als realistisch erscheinen läßt. Gerade auf dieser epochenspezifisch-realistischen Revolutionsperspektive und dem damit gegebenen Möglichkeitsfeld basiert aber die Leninsche Organisations- und Bewußtseinskonzeption als konkret-historische Weiterentwicklung des Marxismus.


II.2. Lukacs

In seiner wirkungsgeschichtlich bedeutsamen Aufsatzsammlung unter dem Titel "Geschichte und Klassenbewußsein" (1923) reflektiert der junge Lukacs die Konstitutionsbedingungen und -möglichkeiten des proletarischen Klassenbewußtseins ausgehend vom Phänomen der Verdinglichung. Als permanentes Prozeßresultat der kapitalistischen Systemreproduktion nimmt die Verdinglichung die Gestalt eines sich verallgemeinernden gesellschaftlichen Strukturmerkmals an, das von den von Marx aufgedeckten korrespondierenden Fetischformen im Bereich der Ökonomie (Waren-, Geld-, Kapital-, Lohnfetisch) auf die Sphäre des Staates, des Rechts, der Verwaltung etc. übergreift. Das zentrale Wesensattribut der Verdinglichung ist die Verkehrung zwischenmenschlicher Tätigkeitsprozesse und -strukturen in sachliche Verhältnisse bzw. die Lostrennung und abstrakte Fixierung der sachlich-gegenständlichen, strukturellen, normativen etc. Tätigkeitsresultate vom interaktiv (kooperativ und kommunikativ) vermittelten Prozeß ihrer Hervorbringung. Der "gesellschaftlich-tätige" (Re-)Produktionszusammenhang der kapitalistisch vergesellschafteten Menschen und die durch ihn hervorgebrachten Resultate (warenförmige Produkte; Institutionen; Normen etc.) treten den sich reproduzierenden Produzenten als scheinbar unabhängige Mächte gegenüber und beginnen ein Eigenleben zu führen. Im Laufe der kapitalistischen Entwicklung senkt sich diese "Verdinglichungsstruktur", so Lukacs (1970, S.185), immer tiefer, schicksalhafter und konstitutiver in das Bewußtsein der Menschen hinein." Während nun im bürgerlichen Klassenbewußtsein aus kapital- und herrschaftslogischen Gründen die objektiv-gesellschaftliche Verdinglichung nicht durchdrungen werden kann (17), sondern "gesetzmäßig" reproduziert wird, stellt Marx dieser ahistorisch-naturalistischen Bewußtseins- und Denkform seinen "Kritizismus" gegenüber: "Dieser Kritizismus bedeutet - in vielfacher Hinsicht - eine historische Kritik. Sie löst vor allem das Starre, Naturhafte, Ungewordene der gesellschaftlichen Gebilde auf; sie enthüllt sie als geschichtlich entstandene und darum als dem geschichtlichen Werden in jeder Hinsicht unterworfene, also auch zum geschichtlichen Untergang vorherbestimmte Gebilde" (ebenda, S.121).

Ausgehend von diesem historischen "Kritizismus" der Marxschen Theorie gelangt Lukacs zur Notwendigkeit/Möglichkeit der "Verdinglichungsüberwindung" als richtungsweisendem Bestimmungsmerkmal des proletarischen Klassenbewußtseins. Da das "wesensverkehrende" Phänomen der Verdinglichung für jedes kapitalistisch vergesellschaftete Individuum eine "notwendige unmittelbare Wirklichkeit" darstellt, setzt dessen praktische Auflösung eine begreifende Erkenntnistätigkeit voraus, die Lukacs explizit als subjektive Widerspruchsverarbeitung faßt, nämlich "als die ununterbrochene, immer wieder erneute Tendenz, durch konkrete Beziehung auf die konkret zutage tretenden Widersprüche der Gesamtentwicklung, durch Bewußtwerden des immanenten Sinnes dieser Widersprüche für die Gesamtenticklung die verdinglichte Struktur des Daseins praktisch zu durchbrechen" (ebenda, S.338f.).

Als fundierendes Charakteristikum der "begreifenden", "widerspruchsverarbeitenden" Durchdringung der Verdinglichungsstruktur akzentuiert Lukacs die Überwindung der alltäglichen "Denk- und Empfindungsgewohnheiten der bloßen Unmittelbarkeit, in der die unmittelbar gegebenen Dingformen der Gegenstände, ihr unmittelbares Dasein und Sosein als das Primäre, als das Reale, das Objektive, ihre 'Beziehungen' hingegen als etwas Sekundäres, bloß Subjektives erscheinen" (ebenda, S.274). Den Modus der transempirischen Unmittelbarkeitsüberschreitung (18) sieht er in der Totalitätsorientierung der Erkenntnistätigkeit gewährleistet, also in der Fähigkeit, die sinnlich wahrgenommenen Gegenstände/Wirklichkeitsaspekte als Momente der Totalität in ihrer "Vermitteltheit" (19) zu erfassen, "d.h. als Momente der sich geschichtlich umwälzenden Gesamtgesellschaft" (ebenda, S.286.). Luk cs geht sogar soweit, den Aspekt der Totalität - und nicht den Primat des Ökonomischen in der Geschichtsbetrachtung - zum ausschlaggebenden Abgrenzungskriterium des Marxismus gegenüber der "bürgerlichen Wissenschaft" zu erheben.

Die Möglichkeit zur Unmittelbarkeitsüberschreitung/Totalitätsrekonstruktion als Voraussetzung der "Verdinglichungsdurchbrechung" leitet Lukacs abstrakt-allgemein aus der objektiven Seinsweise und Interessenlage der Arbeiterklasse ab. Während die Spezifik der bürgerlichen Klasseninteressen die Bourgeoisie in der "Unmittelbarkeit" (als unüberwindliche Erkenntnisschranke) gefangen halte, treibe der "Motor" seiner spezifischen Klasseninteressen das Proletariat über eben diese "Unmittelbarkeit" hinaus. Die "generierende" Grundlage dieses unmittelbarkeitsüberschreitenden Bewußtwerdungsprozesses sieht Luk cs in der Selbstreflexionsmöglichkeit der Ware Arbeitskraft: Der Arbeiter kann sich "über sein gesellschaftliches Sein nur dann bewußt werden, wenn er über sich selbst als Ware bewußt wird" (ebenda, S.295). Die Unmittelbarkeitsüberschreitung konkretisiert sich demnach in Form der Einsicht der Proletarier in den Warencharakter der eigenen Arbeitskraft und damit in die vielfältigen ökonomischen Vermittlungen und Voraussetzungen, die ihrem unmittelbar gegebenen, sinnlich-konkreten Lebensstatus zugrundeliegen. Auf diese Weise "beginnen die fetischistischen Formen der Warenstruktur zu zerfallen: der Arbeiter erkennt sich selbst und seine eigenen Beziehungen zum Kapital in der Ware" (ebenda, S.295).

Als Erkenntnisfortschritte der Luk csschen Konzeption lassen sich damit zunächst folgende Aspekte hervorheben:

1) Im Rahmen des Modells der Selbstreflexionsmöglichkeit der Ware Arbeitskraft betrachtet Luk cs den proletarischen Bewußtwerdungsprozeß ansatzweise als dialektische Einheit von Gesellschaftserkenntnis und Selbsterkenntnis.

2) Lukacs bindet die Möglichkeit der "Verdinglichungsdurchbrechung" an die progressive Verarbeitung der proletarischen Lebenswidersprüchlichkeit; d.h. an die Aufhebung der Spaltung, die "zwischen Objektivität und Subjektivität in dem sich als Ware objektivierenden Menschen entsteht" (ebenda, S.294). 3) Der "selbsttranszendierende" Status des Klassenbewußtseins wird ausdrücklich benannt: Weil das Proletariat sich erst vollendet, "indem es sich aufhebt, indem es durch Zuendeführen seines Klassenkampfes die klassenlose Gesellschaft zustande bringt" (ebenda, S.169), ist sein Klassenbewußtsein "das letzte Klassenbewußtsein in der Geschichte der Menschheit" (ebenda, S.154).

Anstatt nun aber tiefer in die interne Prozeßlogik der subjektiven Widerspruchsverarbeitung und der "Verdinglichungsdurchbrechung" vorzudringen und die Wesensstruktur der individuelle Lebenstätigkeit des Lohnarbeiters zu untersuchen, "begnügt" sich Luk cs mit der abstrakt-normativen Explikation des Begriffs "Klassenbewußtsein". Als objektive gesellschaftliche Bewußtseinsform, die "das höchstentwickelte gesellschaftlich kumulierte Wissen" repräsentiert, das "ein Durchschauen der Scheinhaftigkeiten und Verkehrtheiten des Kapitalismus als gesellschaftlicher 'Naturform' und begreifendes Erkennen seiner wesentlichen Bewegungsgesetze" (Holzkamp-Osterkamp 1977, S.316) ermöglicht, ist das Klassenbewußtsein tatsächlich, wie Luk cs betont, "nicht das psychologische Bewußtsein einzelner Proletarier oder das massenpsychologische Bewußtsein ihrer Gesamtheit...sondern der bewußt gewordene Sinn der geschichtlichen Lage der Klasse" (Luk cs 1970, S.159). Die "forschungslogisch" eigentlich naheliegende Konsequenz aus dieser Bestimmung, nämlich die individuell-konkrete Aneignung des Klassenbewußtseins in ihren subjektiven Voraussetzungen/Möglichkeiten zu untersuchen und als "kontingenten" Prozeß zu rekonstruieren, zieht Luk cs freilich nicht (20). Er entledigt sich dieser Problematik vielmehr durch Setzung einer "Intention auf das Richtige", d.h. auf die gesellschaftliche Totalität, als apriorisches Moment des proletarischen Wirklichkeitsbezuges und gelangt so zur Kategorie des "zugerechneten Klassenbewußtseins". Diese "Zurechnung", die auf der idealtypischen, letztlich linear-mechanistischen Ableitung der Bewußtseinsinhalte aus der klassenstrukturellen Positionierung der gesellschaftlichen Individuen basiert, beschreibt Luk cs folgendermaßen:

"In dem das Bewußtsein auf das Ganze der Gesellschaft bezogen wird, werden jene Gedanken, Empfindungen usw. erkannt, die die Menschen in einer bestimmten Lebenslage haben würden, wenn sie diese Lage, die sich aus ihr heraus ergebenden Interessen...vollkommen zu erfassen fähig wären...Die rationell angemessene Reaktion nun, die auf diese Weise einer bestimmten typischen Lage im Produktionsprozeß zugerechnet wird, ist das Klassenbewußtsein" (ebenda, S.126).

In seinem selbstkritischen Vorwort von 1967 hat Luk cs ausdrücklich eingeräumt, daß das Umschlagen des in "Geschichte und Klassenbewußtsein" konzipierten "zugerechneten" Klassenbewußtseins in revolutionäre Praxis als das reine Wunder erscheint. Er benennt insbesondere zwei elementare Defizite seiner Konzeption: Zum einen mißachtet er in "Geschichte und Klassenbewußtsein" die subjekt- und bewußtseinstheoretische Qualität des Marxschen Arbeitsbegriffs (s.o.): "Es wird zwar versucht, alle ideologischen Phänomene aus ihrer ökonomischen Basis verständlich zu machen, aber die Ökonomie wird doch eingeengt, indem ihre marxistische Fundamentalkategorie, die Arbeit als Vermittler des Stoffwechsels der Gesellschaft mit der Natur, aus ihr herausfällt" (ebenda, S.16). Zum anderen setzt Luk cs, Hegel folgend, Entfremdung und Vergenständlichung gleich und verkennt damit die auf der "Aneignungs- und Vergegenständlichungsdialektik" basierende materiell-tätige Seinsweise der konkret-historisch vergesellschafteten Menschen. Ohne Begreifen der Zentralität des Arbeitsbegriffs und der Mißachtung der Vergegenständlichung als inhärentes Prinzip der historischen Höherentwicklung des "menschlichen Wesens" (s.o.) kann Luk cs in "Geschichte und Klassenbewußtsein" auch nur zu einem voluntaristisch-pathetischen Begriff der "revolutionären Praxis" gelangen. "So erhält die Konzeption der revolutionären Praxis in diesem Buch etwas geradezu Überschwengliches, was dem messianischen Utopismus des damaligen linken Kommunismus, nicht aber der echten Marxschen Lehre entsprach" (ebenda, S.18).

Natürlich sieht auch Lukacs die Möglichkeit, "daß das Klassenbewußtsein des Proletariats sich nicht parallel mit der objektiven ökonomischen Krise, gradlinig und im ganzen Proletariat in gleicher Weise entwickelt" (ebenda, S.465). Die damit angesprochene Diskrepanz zwischen "abstrakt-normativem" Klassenbewußtsein und "empirisch-realem" Arbeiterbewußtsein hebt er in der "kompensatorischen" Bestimmung der kommunistischen Partei als Träger des bewußten revolutionären Gesamtwillens der Arbeiterklasse auf. Während für Lenin - unter dem Blickwinkel der Bewußtseinsentwicklung - die Partei als aktiver Vermittler von proletarischer Klassenerfahrung und "Wissenschaftlichem Sozialismus" fungiert, d.h. als selbstkritische Instanz kritisch-revolutionärer Bedeutungs(re)produktion und -multiplikation auftritt, begreift Luk cs die kommunistische Partei als "revolutionäre Bewußtseinsform des Proletariats", d.h. als substitutionalistisches Trägersubjekt bzw. "Statthalter" des Klassenbewußtseins. In dieser Hinsicht hat Paris (1985, S.43) zu Recht kritisiert, "daß Luk cs die normative Charakterisierung des Klassenbewußtseins derart radikal vom empirisch vorfindlichen Bewußtsein der Klassenindividuen ablöst, daß letztlich nicht mehr die handelnden Individuen selbst über ihr geschichtliches Schicksal entscheiden, sondern ein 'oberhalb' ihres Bewußtseins angesiedeltes Kollektivsubjekt, das als organisatorischer Träger des Klassenbewußtseins die Totalitätsorientierung der Klasse repräsentiert".

II.3. Gramsci

Obwohl Gramsci kein explizit ausformuliertes, im engeren Sinne "klassenbewußtseinstheoretisches" Konzept hinterlassen hat, ist doch die revolutionäre Subjektwerdung der "Subalternen" der zentrale Ort seiner überbau- und hegemonietheoretischen Überlegungen. Ausgehend von der revolutionsstrategischen und -perspektivischen Differenz zwischen Rußland und Westeuropa sondiert er in vielfältigen analytischen Denkrichtungen am "Material" der kulturhistorischen Entwicklung Italiens die Reproduktionsbedingungen der "geistig-moralischen" Vorherrschaft der bürgerlichen-kapitalistischen Kräfte. Dabei gilt sein Erkenntnisinteresse den Möglichkeitsbedingungen der Katharsis, d.h der Konsensaufkündigung der Beherrschten und deren intellektuell-moralischen "Instandsetzung" als historisches Fortschrittssubjekt. Angesichts der scheinbar übermächtigen hegemonialen Apparatur der Bourgeoisie fragt Gramsci: "Was kann man seitens einer Klasse, die die Erneuerung anstrebt, diesem gewaltigen Komplex entgegenstellen?" Und er antwortet: "Den Geist des Bruchs, d.h. die fortschreitende Aneignung des Bewußtseins der eigenen historischen Persönlichkeit, den Geist des Bruchs, der danach streben muß, sich von der führenden Klasse auf die potentiell verbündeten Klassen auszudehnen: all das erfordert eine komplizierte ideologische Arbeit, deren erste Bedingung die richtige Kenntnis des Gebietes ist, dem die Menschenmassen zu entreißen sind" (zit. n. Kebir 1991, S.95f.).

Organisator des "Bruchs" und Förderer der "intellektuell-moralischen Reform" der Beherrschten ist für Gramsci (wie für Lenin und Luk cs) die kommunistische Partei. Analog zu Lenins Polemik gegen die Ökonomisten kritisiert Gramsci die theoretisch-ideologischen Defizite der italienischen Arbeiterbewegung bis zum Ende des 1.Weltkriegs: "Die Parteileitungen hatten niemals daran gedacht, daß es im Kampf gegen die bürgerliche Ideologie, das heißt zur Befreiung der Massen vom Einfluß des Kapitalismus, notwendig ist, vorher in der Partei selbst die marxistische Lehre zu verbreiten und sie gegen jede Verfälschung zu verteidigen" (Gramsci 1980, S.118).

Von elementarer Bedeutung für Gramscis theoretisches Denken ist Lenins Hegemoniekonzept, wonach das Proletariat seinen eigenen unmittelbaren Interessenhorizont überschreiten muß, wenn es als geistige und politische Führungskraft aller Werktätigen im Kampf für die Überwindung des kapitalistischen Ausbeutungs- und Herrschaftssystem fungieren will. In dem unvollendet gebliebenen Manuskript "Einige Gesichtspunkte der Frage des Südens", das Gramsci kurz vor seiner Verhaftung schrieb, wird die anzueignende Führungskompetenz der Arbeiterklasse in strikter Abgrenzung gegenüber ouvrieristischen, d.h. die Interessen des Proletariats fetischisierenden Tendenzen, deutlich gemacht - in offensichtlichem Einklang mit Lenins Hinweis, daß "vom Standpunkt der Grundideen des Marxismus ... die Interessen der gesellschaftlichen Entwicklung höher (stehen) als die Interessen des Proletariats" (LW, Bd. 4, S.230): "Um als Klasse herrschen zu können, muß das Proletariat alle korporativen Überreste, alle Vorurteile oder syndikalistische Verkrustungen abstreifen. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß nicht nur die zwischen den einzelnen Berufen bestehenden Unterschiede überwunden werden müssen, sondern daß die Arbeiterklasse, um das Vertrauen und den Konsens der Bauern und einiger halbproletarischer Schichten der Städte zu gewinnen, manche Vorurteile und egoistischen Tendenzen überwinden muß, die in ihr bestehen können und tatsächlich bestehen, auch wenn die Berufspartikularismus in ihren eignene Reihen verschwunden ist. Der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Bauarbeiter usw. müssen nicht mehr nur als Proletarier, als Metallarbeiter, als Holzarbeiter, als Bauarbeiter usw. denken, sondern sie müssen noch einen Schritt weitergehen: Sie müssen als Mitglieder einer Klasse denken, die die Bauern und die Intellektuellen führen will, einer Klasse, die nur dann siegen und den Sozialismus aufbauen kann, wenn die große Mehrheit dieser sozialen Schichten sie unterstützt und ihr folgt. Wenn das nicht erreicht wird, wird das Proletariat nicht die führende Klasse, und diese Schichten, die in Italien die Mehrheit der Bevölkerung bilden, bleiben unter bürgerlicher Führung und ermöglichen es dem Staat, dem Ansturm des Proletariats standzuhalten und ihn zu brechen"(Gramsci 1991, S. 51).

Wesentlich deutlicher aber als Lenin und Luk cs hebt Gramsci als Voraussetzung für die Anziehungskraft und Führungskompetenz der Partei das Erfordenis hervor, "daß jedes Parteimitglied ein aktives politisches Element, ein Führungselement ist" (ebenda, S. 120). Bestimmungsmerkmal des Einzelnen als 'Führungselement' ist seine intellektuelle (geistig-analytische) Eigenständigkeit, die er aufgrund einer zielgerichteten theoretisch-ideologischen Bildung und Erziehung erreicht: "Die Erhöhung des ideologischen Niveaus der Partei muß durch eine systematishe innerparteiliche Aktivität erreicht werden; ihre Aufgabe besteht darin, alle Mitglieder dahin zu führen, daß sie sich voll und ganz der unmittelbaren Ziele der revolutionären Bewegung bewußt sind, eine gewisse Fähigkeit zur marxistischen Analyse der Situationen und eine dementsprechende Fähigkeit zu politischer Orientierung besitzen (Parteischule). Zurückzuweisen ist eine Auffassung, die behauptet, daß die Faktoren des Bewußtseins und der revolutionären Reife, die die Ideologie bilden, in der Partei vorhanden sein können, ohne daß sie in einer großen Zahl der einzelnen Parteimitglieder vorhanden sind" (ebenda, S. 163).

Für Gramsci ist folglich die geistig-moralische Konstitution des individuellen Subjekts von ausschlaggebender Bedeutung für die Entwicklungshöhe und den schließlichen Erfolg der Tätigkeit des praktisch-kritischen Kollektivsubjekts (Partei). Bildung/Erziehung des Einzelnen und (Höher-)Bewegung des Kollektivs werden als produktives dialektisches Verhältnis gesehen. Ohne intellektuelle und moralische Mündigkeit (Überzeugtheit) des Einzelnen ist eine lebensfähige Kampfgemeinschaft von Gleichgesinnten nicht vorstellbar.

Neben der Hervorhebung der geistig-moralischen Entwicklungshöhe des individuellen Subjekts als Prämisse für das Gelingen des Revolutionsprozesses ist Gramscis Bestimmung der subjektiven Funktionalität von Ideologien sowie deren formspezifisches Wirksamwerden im Ensemble der "Zivilgesellschaft" von bewußtseinstheoretischer Bedeutung. Ausgehend von Marx' Satz, daß die Menschen das Bewußtsein der gesellschaftlichen Konflikte auf dem Gebiet der Ideologien gewinnen, begreift Gramsci Ideologien als 'ideelle Werkzeuge' zur Verarbeitung der erfahrenen gesellschaftlichen Widersprüche, bzw. als 'Organ' der bewußten Orientierung in einer widersprüchlichen sozialen Lebensumwelt mit dem subjektiven Effekt der tätigkeitsbezogenen 'Ausrichtung', Mobilisierung und Identitätsbildung. D.h. Gramsci betrachtet die Aneignung einer Ideologie bzw. bestimmter ideologisch-weltanschaulicher Bedeutungen (Begriffe, Aussagen, Werte, Normen etc.) als integralen Bestandteil der gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit konkreter (kollektiver und individueller) Subjekte und bezieht damit den Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung auf die historische Klassenkampfentwicklung. In dieser Perspektive besteht die Funktion des Marxismus in seiner Eigenschaft als geistig-moralisches Fundament (Möglichkeitsbedingung) einer progressiven Verarbeitung der kapitalismusspezifischen gesellschaftlichen Widersprüche: "Die Philosophie der Praxis selbst ist ein Überbau, ist das Terrain, auf dem bestimmte Gesellschaftsklassen das Bewußtsein ihres eigenen gesellschaftlichen Wesens, ihrer eigenen Kraft, der eigenen Aufgaben, des eigenen Werdens gewinnen...Die Philosophie der Praxis tendiert...nicht dahin, die Widersprüche der Geschichte und der Gesellschaft friedlich zu lösen, sondern sie ist vielmehr die Theorie solcher Widersprüche; sie ist nicht das Regierungsinstrument herrschender Gruppen, um den Konsens herzustellen und die Hegemonie über subalterne Klasse auszuüben; sie ist Ausdruck dieser subalternen Klassen, alle Wahrheiten, auch die unbequemen, kennenzulernen, um den ...Selbstbetrug der oberen Klasse und, mehr noch, den eigenen Selbstbetrug zu vermeiden" (Gramsci 1967, S.280).

Die Bedeutung Gramscis für die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie besteht insbesondere darin, daß er die Instanzen (hegemoniale Apparate/Organisationen) und Akteure (Intellektuelle), die zwischen der Bewußtseinsbildung der Beherrschten und der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion der Kapitalherrschaft vermitteln, ins Zentrum der Analyse rückt und damit das vorherrschende "kausal-mechanische", ökonomistische Denken innerhalb der marxistischen Bewegung aufbricht. Indem er die Persönlichkeitsentwicklung konkret-historischer Individuen, auch in ihren scheinbar unpolitischen Erscheinungsweisen, im Spannungsfeld konkurrierender hegemonialer Praxen und ihrer ideologischen Äußerungsformen verortet, vertieft und erweitert Gramsci das marxistische Ideologie- und Subjektverständnis. Grundlegend für die aktive Wirklichkeits- und Selbstveränderung ist nämlich der Umstand, daß der Mensch nicht 'einfach-linear' durch die äußeren Verhältnisse determiniert ist, sondern im Rahmen eines konkret-historisch bestimmten Möglichkeitsraumes frei wählen und entscheiden kann: "Das Maß der Freiheit geht in den Begriff vom Menschen ein" (ebenda, S.160). In diesem Sinne schafft man die eigene Persönlichkeit durch freie Zielsetzung, Mittelfestlegung und -anwendung sowie durch kooperative Zielverwirklichung im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn die eigene Individualität die ausschnitthafte Aneignung und Realisierung des Ensembles dieser Verhältnisse ist, "so bedeutet sich eine Persönlichkeit zu erarbeiten, daß man sich solcher Verhältnisse bewußt wird, und die Veränderung der eigenen Persönlichkeit bedeutet die Veränderung des Ensembles der Verhältnisse" (ebenda, S.154). Prägnant gefaßt lautet daher Gramscis Formel der Persönlichkeitsentwicklung: "Die äußere Welt und die allgemeinen Verhältnisse umzuformen, bedeutet, sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln...Deshalb kann man sagen, daß der Mensch wesentlich 'politisch' ist, da die bewußte Tätigkeit der Veränderung und Leitung der anderen Menschen seine 'Humanität', seine 'menschliche Natur',verwirklicht" (ebenda, S.160).

Auf diese Weise umreißt Gramsci die Verknüpfung von Persönlichkeitsentwicklung und konkret-historischer Gestaltung der ideologischen Klassenkämpfe als "Kernbereich" für die hegemonialen Initiativen der progressiven Kräfte.



© Hartmut Krauss, Osnabrück 1994





(Teil II mit kompletter Literaturliste in der nächsten Ausgabe.)

1 Individuell eingenommene "Klassenpositionen" sind je spezifisch strukturierte und limitierte (Alternativen enthaltende) Möglichkeitsfelder, in deren Rahmen sich Lebenstätigkeit in einem "eigensinnigen" Kontinuum von Alltagshandlungen vollzieht.

2 Als paradigmatisch für diesen "Antipsychologismus" kann hier der "stalinistische Schauprozeß gegen die Psychoanalyse" angeführt werden: Wie M.Schneider (1973, S.27) herausgearbeitet hat, zeigte sich die Borniertheit der stalinistischen Geistesbürokratie in der Unfähigkeit, "den revolutionären Entdecker des Unbewußten und der 'infantilen Sexualität' und den bürgerlich-dekadenten Kulturphilosophen Freud auseinanderzuhalten." Anstatt die von W.Reich konstatierte "Schere" zwischen ökonomischem Sein und Bewußtsein ernstzunehmen, ignorierten die stalinistischen Ideologen die psychischen Destruktionsmechanismen des proletarischen Klassenbewußtseins und suggerierten stattdessen einen revolutionären Aufschwung als unmittelbares Resultat der großen Krise von 1929. Die antipsychologisch-"kämpferische" Verkennung der Diskrepanz zwischen objektiver Klassenlage und subjektivem (Arbeiter-) Bewußtsein ist aber nicht nur Wesensmerkmal der stalinistischen Ideologie, sondern kennzeichnet ebenso die trotzkistische Einstellung: "Beide (Stalinisten und Trotzkisten, H.K.) unterschätzten daher die idealistisch-bürgerlichen Momente im Bewußtsein des Proletariats, seine Anfälligkeit für irrationale, klassenfremde Ideologien und Gefühlskomplexe" (ebenda, S.58).

3 Die Eliminierung des praktisch-tätigen Subjekts aus dem gesellschaftlich-historischen Prozeß ist das einigende Band zwischen scheinbar so gegensätzlichen "Lehrgebäuden" wie der stalinistischen Ideologie, dem "Strukturalistischen Marxismus" (Althusser-Schule) und der Luhmannschen Systemtheorie.

4 Dem Lohnfetisch liegt der wesensverkehrende Oberflächenschein zugrunde, "als ob ihm (dem Arbeiter, H.K.) sein Produkt gezahlt werde und nicht seine Arbeitskraft" (Marx 1976, S.582). D.h. das Ausbeutungsverhältnis erscheint in der mystifizierten Form des "gerechten" Tauschs.

5 Sorg (1976, S.46) hat prägnant den Doppelcharakter des Warenfetischismus hervorgehoben: "Er ist in Einheit eine reale ökonomische Beziehung zwischen Menschen, eine gesellschaftliche Form der materiellen Tätigkeit, die zugleich notwendig mit einer bestimmten Bewußtseinsform, einer "objektiven Denkform" verbunden ist". Als Denkform ist er eine verehrte Vorstellung. "Die Verkehrtheit rührt daher, daß diese Denkform die Erscheinungsweise der realen ökonomischen Beziehungen spontan, unmittelbar widerspiegelt, eine Erscheinungsweise, die das Wesen, den wirklichen Zusammenhang, gerade verhüllt, die Verhältnisse auf den Kopf stellt."

6 Bezeichnenderweise wird von Vertretern der Luhmannschen Systemtheorie gemäß ihrer formal-strukturellen "Assimilierung" des Marxismus das folgende "strukturtheoretische" Lob ausgesprochen: "Das berühmteste und in mancher Hinsicht immer noch vorbildliche Modell für einen derartigen "strukturtheoretischen" Ansatz ist die Theorie des Historischen Materialismus von Marx und seine Kritik der politischen Ökonomie" (Klüver/Marx 1990, S.13).

7 Wie Leontjew (1982, S.26) hervorhebt, "besteht die philosophische Entdeckung von Marx nicht in der Identifizierung von Praxis und Bewußtsein, sondern darin, daß die Erkenntnis nicht außerhalb des Lebensprozesses existiert, der seiner Natur nach ein materieller, ein praktischer ist. Die Widerspiegelung der Wirklichkeit entsteht und entwickelt sich im Prozeß der Entwicklung der realen Zusammenhänge der erkennenden Menschen mit der menschlichen Umwelt, sie wird durch diese Zusammenhänge bestimmt und wirkt ihrerseits auf deren Entwicklung zurück."

8 In Anlehnung an Sagatowski (1979, S.84) läßt sich die widersprüchliche Konstellation (Problemsituation) der Sozioanthropogenese durch folgende Hauptfaktoren charakterisieren:

"a) Die Mittel der biologischen Lebenstätigkeit erwiesen sich als unzureichend für die Selbsterhaltung und die Befriedigung der Bedürfnisse der Vorfahren des Menschen; b) es entstand die objektive Notwendigkeit der Entwicklung neuer, nichtbiologischer Mittel; c) in der biologischen Beschaffenheit der Primaten existierten die Voraussetzungen (entwickeltes Gehirn, Bau und Funktion der Extremitäten, Bau des Kehlkopfs, entwickelte biologische Kommunikation usw.) für die Entwicklung solcher neuer Mittel. Eine analoge Situation reproduziert sich in jeder menschlichen Tätigkeit: Die biologischen Potenzen werden ergänzt und modifiziert durch die soziokulturellen Mittel und andererseits funktionieren letztere in der Tätigkeit der Individuen immer auf einer bestimmten biologischen Grundlage. Es entsteht die Alternative: Untergang (in der Phylogenese) und Unmöglichkeit der Sozialisation (in der Ontogenese) oder Entwicklung (Aneignung) neuer, nichtbiologischer Mittel und Arten des Verhaltens zur Natur und untereinander."

9 "Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht, daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwiklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen illen unterordnen muß" (Marx 1976, S.193).

10 Marx (1976, S.193) akzentuiert selbst ausdrücklich die zweckmäßige Willensanstrengung: "Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen nhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung mit sich fortreißt, je weniger sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt."

11 "Kultur ist ein Mittel zur Produktion der Individuen als historisch sich verändernde gesellschaftliche Individuen. Sie umfaßt alle diejenigen Verhältnisse, in denen sich die Individuen vergesellschaften, in denen sie ihr Leben äußern, sich und ihre Nachkommen reproduzieren. Diese Mittel zur Produktion und Reproduktion der Individuen als gesellschaftliche werden als objektive Kultur bezeichnet. Zur Kultur zählen selbstverständlich auch die subjektiven Resultate des Vergesellschaftungsprozesses in 'Gestalt der ausgeübten Verhaltensweisen'. Sie machen die subjektive Kultur aus" (Dölling 1986, S.40).

12 "Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" (MEW 3, S.534).

13 Die individuell-konkrete Aneignung des "außermittigen" menschlichen Wesens setzt freilich die naturhistorisch gewordene spezifisch-menschliche "Aneignungsfähigkeit" als Lern- und Entwicklungspotenz zur individuellen Vergesellschaftung voraus. "Menschlichkeit" muß demnach, wie Ute Holzkamp-Osterkamp (1975, S.332) betont, "als ein notwendig aufeinander bezogenes Zueinander von 'menschlicher Natur' als Inbegriff spezifisch-menschlicher biologischer Entwicklungsmöglichkeiten des konkreten Individuums und 'menschlichem Wesen' als Inbegriff der gesellschaftlichen Verhältnisse, in die hinein sich diese Entwicklungsmöglichkeiten allein realisieren können, aufgefaßt werden."

14 "Die Formen Zweiter Kultur sind ...als eine historische Vielfalt von Gestalten und Gestaltungen des Widerstands zu interpretieren. Trotz dieser Vielfalt läßt sich logisch und historisch von einer Stufenfolge solcher Formen sprechen..., beginnend mit Formen der alltagspraktischen Bestätigung der Humanität unter Bedingungen der Repression über eine Vielfalt von vorwissenschaftlichen Widerstandsformen (häufig religiöser und religiös-künstlerischer Art) bis hin zu (unbewußten und bewußten) ästhetischen Gestaltungen des Widerstands, zu den rationalen und wissenschaftlichen Ideologien des Demokratismus und Sozialismus. Diese Stufen sind als Stufenfolge eines Lernprozesses rekonstruierbar, der zwar angeleitet, doch nie von oben 'diktiert' werden kann. Zweite Kultur ist stets ein Prozeß 'von unten nach oben', der dem der Ersten Kultur...diametral entgegengesetzt ist" (Metscher 1982, S.126).

15 Die 'historische Mission der Arbeiterklasse' ist demnach kein 'erteilter Auftrag der Geschichte', sondern der materialistisch begründete Nachweis des Bestehens einer progressiven Handlungsmöglichkeit zur Lösung der proletarischen Lebenswidersprüche.

16 Die im Kontext der Stalinschen Konstruktion des "Leninismus" vollzogene verfälschende Dogmatisierung der Leninschen Parteitheorie und deren Verunstaltung zu einer apologetischen Lehre der nachrevolutionären Machtausübung der kommunistischen Partei ist m.E. strikt zu trennen von Lenins authentischer Konzeption, die den Wechselwirkungsprozeß von revolutionärer Parteitätigkeit und proletarischer Bewußtseinsentwicklung unter epochenspezifischen kapitalistischen Bedingungen zum zentralen Inhalt hat. Gegenüber Rosa Luxemburgs "Ultrazentralismus"-Vorwurf hat Mandel folgenden m.E. zutreffenden Einwand vorgebracht: "Der zentrale strategische Plan, den Lenin in Was tun? aufstellt, ist der einer die elementaren, spontanen, zersprengten und 'nur' lokalen oder sektoralen Widerstandsbewegungen, Proteste und Revolten zusammenfassenden Partei-Agitation. Der Nachdruck der Zentralisation liegt eindeutig auf dem politischen und nicht auf dem organisatorischen Gebiet. Die formal-organisatorische Zentralisation hat nur zum Zweck, die Verwirklichung dieses strategischen Plans zu ermöglichen" (Mandel 1970, S.167).

Zur Stalinschen Verfälschung der Leninschen Konzeption vgl. auch Sauermann 1993.

17 Aufgrund ihrer Selbstbehauptung als herrschende Klasse ist die Bourgeoisie an der Aufdeckung des historisch-transitorischen Charakters der kapitalistischen Gesellschaftsform prinzipiell desinteressiert. Ausgangspunkt des bürgerlichen Denkens ist deshalb, "wenn auch nicht immer bewußt, die Apologie der bestehenden Ordnung der Dinge oder wenigstens der Nachweis ihrer Unwandelbarkeit" (Lukacs 1970, S.121). Als ökonomisch unmittelbar tätige Klasse betrachtet die Bourgeoisie "das ökonomische Leben stets und wesensnotwendig vom Standpunkt des Einzelkapitalisten, von wo aus dieses scharfe Gegenüberstehen des Einzelnen und des übermächtigen, überpersönlichen 'Naturgesetzes', das alles Gesellschafliche bewegt, sich von selbst ergibt" (ebenda, S.145). Lukacs gelangt deshalb zu folgender Einschätzung: "Die ideologische Geschichte der Bourgeoisie ist nun...nichts anderes, als ein verzweifelter Kampf gegen die Einsicht in das wahre Wesen der von ihr geschaffenen Gesellschaft, gegen das wirkliche Bewußtsein ihrer Klassenlage" (ebenda, S.149.

18 Der Aspekt der "Unmittelbarkeitsüberschreitung" als wesentliches Moment der Luk csschen Konzeption des proletarischen Klassenbewußtseins ist von Klaus Holzkamp implizit aufgegriffen und auf "kritisch-psychologischer" Grundlage weiter ausgearbeitet worden. So im Rahmen der Darstellung des Übergangs vom "orientierenden" zum "begreifenden" Erkennen (Holzkamp 1973) und der Verhältnisbestimmung des "Begreifens" und "Deutens" als Denkweisen verallgemeinerter bzw. restriktiver Handlungsfähigkeit (Holzkamp 1983).

19 "Die Kategorie der Vermittlung als methodischer Hebel zur Überwindung der bloßen Unmittelbarkeit der Empirie ist also nichts von außen (subjektiv) in die Gegenstände Hineingetragenes, ist kein Werturteil oder Sollen, das ihrem Sein gegenüberstände, sondern ist das Offenbarwerden ihrer eigentlichen, objektiven, gegenständlichen Struktur selbst" (Lukacs 1970, S.286f.).

20 Diese "individualwissenschaftliche" Ignoranz teilt Luk cs mit der überwiegenden Mehrheit der zeitgenössischen marxistischen Theoretiker. In Anbetracht der Erfahrung des 1. Weltkriegs, der Evidenz der kapitalistischen Systemkrise, dem Massenelend und der spontanen Protestbereitschaft der Werktätigen sowie der relativen Lagehomogenität der LohnarbeiterInnen liegt die "Abstrahierung vom Einzelnen" offenbar im Trend des Zeitgeistes. "Subjektivität" wird entsprechend nur auf der Ebene des (Klassen-)Kollektivs thematisiert.

Quelle: HINTERGRUND. Marxistische Zeitschrift fuer Gesellschafts- theorie und Politik. Einschaetzungen, Analysen, Informationen, III/94, S. 17-38.


Fortsetzung Teil II









 

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