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Beiträge zur Theorie  










Hartmut Krauss:

Subjektive Widerspruchsverarbeitung und die Möglichkeit "praktisch-kritischer" Bewußtseinsentwicklung. Zur Formierung widerständiger Subjektivität in kritisch-marxistischer Perspektive - Teil II (1)

II.4. Zur objektivistischen Erstarrung der "Klassenbewußtseinstheorie"

Gramscis Erneuerung bzw. Weiterentwicklung der marxistischen Theorie manifestiert sich in der Perspektive der Aufschlüsselung der ideologischen Kämpfe und Konflikte vom Standpunkt des "inneren Beobachters". D.h. Gramsci betrachtet das Terrain der hegemonialen Praxen und der in sie "eingelagerten" geistig-kulturellen Auseinandersetzungen aus der subjektiven Sinnperspektive der gesellschaftlichen Individuen in ihren widersprüchlichen Lebensverhältnissen und reproduktiven Tätigkeitsformen. Seine übergreifende methodische Leitfrage lautet: Wie läßt sich aus der Kritik der historisch gewordenen geistig-kulturellen Hegemonialverhältnisse ein handlungspraktischer Ansatz für die "intellektuell-moralische Reform" (Subjektwerdung) der Volksmassen gewinnen?

Dieses theoretische Vermächtnis, das "organisch" die Ausarbeitung einer materialistisch-dialektischen Subjektivitätskonzeption impliziert, ist im kommunistischen "Parteimarxismus" weitestgehend ignoriert bzw. verworfen worden. Angesichts der Dominanz ökonomistischer und politizistischer "Lesarten"/Interpretationsvarianten (vgl. Teil I, S.18f.) verfestigte sich vielmehr die reduktionistische Auffassung, der Marxismus sei lediglich "eine Theorie objektiver Strukturen aber in keinem Sinne eine Theorie zur Erfassung menschlicher Subjektivität als selbständiger Größe" (Holzkamp 1977, S.55). Aus dieser Sichtweise ergaben sich nun zwei theoriegeschichtlich folgenschwere Konsequenzen: Zum einen die Linie eines orthodoxen Objektivismus, der die eigenständige Erfassung der menschlichen Subjektivität im Rahmen der marxistischen Theorieentwicklung als unnötig, irrelevant, zweitrangig etc. abwertet bzw. mißachtet und per se unter "Idealismus- oder Subjektivismusverdacht" stellt. Zum anderen die Linie einer "revisionistischen" Ergänzung des Marxismus durch außerhalb der marxistischen Theorieentwicklung entstandene individualwissenschaftliche, sozialpsychologische, kommunikationstheoretische etc. Konzeptionen (Psychoanalyse, symbolischer Interaktionismus, Sozialisationstheorie etc.). Der klassische Modellfall des Aufeinanderprallens dieser beiden konträren Schlußfolgerungen aus einer grundsätzlich einheitlichen (reduktionistischen) Marxismusinterpretation findet sich in der Kontroverse zwischen Repräsentanten der stalinistischen Ideologie und Vertretern des Freudomarxismus (vgl. Bernfeld u.a. 1971, Gente 1970, Schneider 1973). Angesichts dieser "Einstellungkonstellation" hat die Ausarbeitung einer eigenständigen subjektwissenschaftlichen bzw. psychologischen Konzeption im Rahmen des Marxismus, wie sie in der Sowjetunion ausgehend von Wygotski und der "kulturhistorischen Schule" (Leontjew, Lurija, Galperin, Dawydow etc.) unter komplizierten wissenschaftlichen und politischen Bedingungen in Angriff genommen wurde, in der marxistischen Theoriedebatte - jenseits von relativ eng begrenzten Expertenkreisen - nur eine relativ geringe Beachtung gefunden (2).

Infolge der fordistischen Umgestaltung der lohnarbeitstypischen Reproduktions- und Lebensweise, der Überwindung des proletarischen "Notwendigkeitshabitus" in breiten Schichten der "metropolitanen" Lohnabhängigen, der sozialstaatlichen Regulierung und "Pufferung" der Klassenbeziehungen in den entwickelten kapitalistischen Ländern etc. (vgl. HINTERGRUND II/94, S.16ff.) vertieft sich nach dem zweiten Weltkrieg zunehmend die Kluft zwischen dem empirischen Bewußtsein der "Klasse der Lohnabhängigen" und dem Postulat (bzw. dem "Desiderat") des revolutionären Klassenbewußtseins. Klassenbewußtsein "als die Bejahung und das Sich-zu-eigen-machen der entscheidenden Schlußfolgerungen des wissenschaftlichen Sozialismus" (von Heiseler, Schleifstein 1974, S.36) wird dem empirischem Bewußtsein der Arbeiterklasse im Sinne der objektivistischen Linie des marxistischen Theorieverständnisses unvermittelt als abstrakte Norm entgegengesetzt. Klassenbewußtsein "ist nicht das vorherrschende 'Durchschnittsbewußtsein' der verschiedenen Gruppen der Arbeiterklasse über ihre soziale Lage, ihre Stellung im kapitalistischen Produktionsprozeß und über die politischen Verhältnisse. Von Klassenbewußtsein kann im marxistischen Sinne nur gesprochen werden, wenn und insoweit die grundlegenden Gegenwarts- und Zukunftsinteressen der Klasse erkannt werden" (ebenda). Zu kritisieren ist hier nicht die inhaltliche Bestimmung des Klassenbewußtseins als objektive Denkmöglichkeit/Gedankenform, sondern die vollständige Ausklammerung der Frage nach den subjektiven Voraussetzungen und Möglichkeitsbedingungen der Aneignung von Klassenbewußtsein. Die Reflexion der "revolutionären Bewußtwerdung" der Lohnabhängigen erfolgt im traditionellen Klassenbewußtseinskonzept nicht aus der subjektiven (individuell-konkreten) Selbstperspektive der in die kapitalistischen Systemwidersprüche auf je spezifische Weise verstrickten Menschen, sondern vom Standpunkt des "äußeren Beobachters", der lediglich die objektiven Voraussetzungen bzw. Blockierungsmechanismen der Entwicklung von Klassenbewußtsein betrachtet (3). Im Rahmen dieser deterministischen, auf äußere Einflußfaktoren fixierten Betrachtungsweise ist nicht erfaßbar, wie "revolutionäres, praktisch-kritisches" Denken, Fühlen und Handeln aus systemimmannenten Bewußtseins- und Habitusformen hervorgehen könnte. Vielmehr wird die Bewußtseinsentwicklung der LohnarbeiterInnen implizit als "black box" bzw. als passives Projektionsfeld äußerer Einwirkung aufgefaßt. Damit gerät aber der Begriff/Diskurs des Klassenbewußtseins unversehens zum Surrogat für das Fehlen einer eigenständigen materialistisch-dialektischen Subjektivitätskonzeption.

Ohne die Notwendigkeit und Möglichkeit der Ausarbeitung einer eigenständigen materialistisch-dialektischen Subjektivitätskonzeption im Rahmen der marxistischen Theorieentwicklung in Betracht zu ziehen, hat Giddens eine im wesentlichen rein terminologische Lösung des Dilemmas der Klassenbewußtseinstheorie vorgeschlagen. Er plädiert für die Unterscheidung von "Klassenbewußtheit" (awareness) und "Klassenbewußtsein" (consciousness). "Klassenbewußtheit" bezieht sich auf die "mit gemeinsamer Lebensführung verbundene gemeinsame Wahrnehmung und Anerkennung ähnlicher Einstellungen und Überzeugungen unter den Angehörigen dieser Klasse" (Giddens 1984, S.135). Klassenbewußtheit ist auch dann gegeben, wenn (a) die gemeinsam geteilten Einstellungen/Überzeugungen nicht in ihrer Klassengebundenheit erkannt werden und (b) die Erkenntnis nicht vorhanden ist, "daß es andere Klassen gibt, die durch andere Einstellungen, Überzeugungen und Lebensführung gekennzeichnet sind" (ebenda). "Klassenbewußtsein" setzt demgegenüber die reflexive Erfassung sowohl der Klassenbedingtheit der gemeinsam geteilten Werte/Einstellungen als auch deren Unterscheidung von als "gegnerisch" erkannten Klassenidealen, -vorstellungen etc. voraus. Anhand dieser Bestimmung unterscheidet Giddens drei Niveaustufen des Klassenbewußtseins:

1) "Die unentwickelste Form von Klassenbewußtsein ist die, die lediglich eine Vorstellung von Klassenidentität und daher Klassendifferenzierung einschließt" (ebenda, S.137).

2) Auf der nächst höheren Stufe wird die Wahrnehmung von Klassenidentität mit der Einsicht in einen Gegensatz zu anderen Klassen sowie mit der Bereitschaft zur Austragung von Interessenkonflikten verbunden. (Konfliktbewußtsein)

3) Die höchste Niveaustufe bezeichnet Giddens als "revolutionäres Klassenbewußtsein": "Im Gegensatz zu Konfliktbewußtsein heißt revolutionäres Klassenbewußtsein die Erkenntnis der Möglichkeit einer umfassenden Reorganisation  in der institutionellen Machtvermittlung und die Überzeugung, daß Klassenhandeln eine solche Reorganisation zustandebringen kann" (ebenda) (4).

Zwar hebt Giddens zutreffend hervor, daß die "Rückgewinnung subjektiver Fähigkeit, Verdinglichung von Objektivierung zu trennen,...(Marx zufolge) als Prämisse für die Transformation des Kapitalismus betrachtet werden <sollte>" (ebenda, S.138). Aber diese Einsicht bleibt letztendlich folgenlos für sein linear-deterministisches Erklärungsschema, das "Bewußtseinsbildung" lediglich als passiven (nachvollziehenden) Reflex auf unterschiedliche äußere Grundkonstellationen "konstruiert": "Die paradigmatische Situation revolutionären Bewußtseins ist der Zusammenprall einer rückständigen Agrarordnung mit der ungezügelten Dynamik industrieller Technik, und die hauptsächliche 'Trägergruppe' sind Bauern als Gruppierung an der Peripherie der Gesellschaft im industriellen Modernisierungsprozeß. Konfliktbewußtsein ist eine Folge der Reife des entwickelten Kapitalismus, zielt aber in seiner Konfliktdynamik auf politische Partizipation und Reformen, nicht auf die Tabula rasa der Revolution" (so die prägnante Zusammenfassung der Giddensschen Position bei Müller 1992, S.214).

Aus interaktionstheoretischer Perspektive gelangt Paris zu der Schlußfolgerung, daß der Klassenbewußtseinsbegriff eine adäquate Rekonstruktion der subjektiven Realitätsverarbeitung der gesellschaftlichen (Klassen-)Individuen nachhaltig behindert und blockiert, indem er gewissermaßen als universelle Kompensationskategorie fungiert und "im Rahmen des marxistischen Geschichts- und Revolutionsverständnisses immer schon zugleich philosophische, politische und psychologische Funktionen übernimmt und in problematischer Weise miteinander verquickt. Die systematischen Mängel und Fehlerquellen des Klassenbewußtseinskonzepts liegen nach dieser Aufgliederung darin, daß es auf geschichtsphilosophischer Ebene einen konsensunabhängingen Begriff des Klasseninteresses postuliert, der sich auf politischer Ebene in einem zentralistischen Organisationsmodell der Partei und der Klassenbewegung insgesamt niederschlägt; auf psychologischer Ebene schließlich transportiert der Klassenbewußtseinsbegriff ein kognitivistisch verengtes, trivialpsychologisches Verständnis von Radikalisierungsprozessen, das die komplexe Motivationsdynamik und die Eigenperspektive der Klassenindividuen gerade nicht hinreichend berücksichtigt" (Paris 1985, S.133).

Die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit der "kritischen Aufhebung"/Reinterpretation des traditionellen Klassenbewußtseinskonzepts im Rahmen einer "ganzheitlichen" materialistisch-dialektischen Konzeption der subjektiven Widerspruchsverarbeitung, die jene angesprochenen ökonomistischen, objektivistischen und kognitivistischen Verkürzungen vermeidet, wird aber auch in Paris' interaktionstheoretischer Sichtweise, die weder das kategorial-methodische Arsenal der "Kulturhistorischen Schule" noch der "Kritischen Psychologie" zur Kenntnis nimmt, letztlich verfehlt.

III. Psychische Tätigkeit und subjektive Widerspruchsverarbeitung

Der Versuch, die Möglichkeitsbedingungen und -voraussetzungen praktisch-kritischer Subjektentwicklung im "modernen" Gegenwartskapitalismus vom "Standpunkt des inneren Beobachters" ein Stück weit zu rekonstruieren, setzt zunächst in kategorial-methodischer Hinsicht eine problemadäquate Erfassung des Psychischen und darauf aufbauend der spezifisch-menschlichen Subjektivität voraus. Ohne im vorliegenden Kontext einen systematischen Überblick über die wesentlichen Forschungsergebnisse der "kulturhistorischen" Tätigkeitspsychologie sowie der "Kritischen Psychologie" als den wichtigsten Ausarbeitungsvarianten marxistisch orientierter Subjektwissenschaft geben zu können, möchte ich doch im folgenden meine Auffassung von (psychisch regulierter) Tätigkeit als Prozeß subjektiver Widerspruchsverarbeitung  anhand einiger m.E. fundamentaler Einsichten der materialistisch-dialektischen Tätigkeitspsychologie knapp skizzieren.

III.1. Elementare Positionen der materialistischen Tätigkeitspsychologie

III.1.1. Tätigkeit und Widerspiegelung als dialektische Einheit

Der zentrale Ausgangspunkt der materialistischen Psychologie, die den Tätigkeitsbegriff (5) als Schlüsselkategorie in den Mittelpunkt rückt, besteht in folgendem: Jedes lebendige materielle System, jeder Organismus (gleich welcher Entwicklungshöhe) muß sich zum Zweck seiner Selbsterhaltung aktiv gegenüber der objektiven Lebensumwelt verhalten, also in aktive Wechselwirkung mit der (biotisch relevanten) belebten und unbelebten Umwelt treten. Die Tätigkeit - verstanden als Ensemble lebenserhaltender umweltbezogener Aktivitäten - ist folglich als vermittelndes Bindeglied der Wechselwirkungsrelation Organismus - Umwelt anzusehen und damit zugleich als notwendiges Selbsterhaltungsprinzip aller belebten Materie.

Wie läßt sich die Notwendigkeit der Tätigkeit als lebenserhaltendes Prinzip der organischen Materie näher bestimmen? Wie ist der tätigkeitsvermittelte Wechselwirkungsprozeß zwischen Organismus und Umwelt genauer zu charakterisieren?

Während Wechselwirkungsprozesse zwischen anorganischen Körpern dadurch charakterisiert sind, daß die beteiligten anorganischen Substanzen zerstört werden, also ihre Qualität einbüßen ("Der Fels, der verwittert, ist kein Fels mehr; das Metall, das oxydiert, geht in Rost über", Engels 1978, S. 76), ist die Wechselwirkung für lebende Körper eine notwendige Voraussetzung ihres Daseins bzw. ist hier dadurch gekennzeichnet, daß der lebendige Organismus in der und durch die Wechselwirkung seine strukturelle Identität (Qualität) aufrecht erhält. Während folglich in Wechselwirkungsprozessen zwischen anorganischen Körpern a) keine aktive Seite hervorgehoben werden kann und b) die beteiligten Körper ihre Qualität verändern, ist es bei Wechselwirkungsprozessen zwischen lebendigen Systemen und spezifischen Umweltkonstellationen genau umgekehrt:

a) In der gegebenen Wechselwirkungsrelation ist der lebendige Organismus, der nach Engels über selbständige Reaktionskraft verfügt, als aktives (tätiges) Subjekt und der Umwelttatbestand als Objekt zu differenzieren.

b) Im Verlauf und Ausgang des Wechselwirkungsprozesses bewahrt der lebendige Organismus seine strukturelle Identität. "Wird dagegen die Wechselwirkung der Organismen mit anderen Körpern ihrer Umwelt unterbrochen oder gestört, dann sind sie dem Untergang und Verfall ausgeliefert" (Leontjew 1980, S.27).

'Leben', das auf dem dialektischen Prinzip der Selbsterhaltung durch Selbstveränderung basiert, muß demgemäß als widerspruchsvoll- tätige Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt begriffen werden, wobei der Organismus als Subjekt (aktiver Pol) der Wechselwirkungsrelation auftritt.

Bei näherer Betrachtung läßt sich der Wechselwirkungsprozeß zwischen Organismus und Umwelt als Stoffwechselprozeß beschreiben, als (vom lebendigen Subjekt aus betrachtet) gleichgewichtsorientieter Energieaustauschprozeß.

"Dieser ist generell zu charakterisieren als Fließgleichgewicht zwischen Assimilation äußerer Stoffe, als Umsetzung in Energie und Dissimilation, als Verbrauch dieser Energie in den vitalen Leistungen des Organismus, der somit ... ein offenes System darstellt, das sich durch Einfuhr und Ausfuhr von Energie erhält, dabei trotz laufenden Austauschs der materiellen Elemente in seiner Struktur identisch bleibt. Der Organismus ist mithin insofern eine gegenüber einer 'passiven' Umwelt 'aktive' Lebenseinheit, als er durch aktive Umsetzungs- und Gleichgewichtsprozesse sich selbst gegenüber wechselnden Umweltbedingungen konstant hält" (Holzkamp 1983, S.60).

Die lebenserhaltende tätige Wechselwirkung zwischen lebendigem Subjekt und Umwelt ist folglich kein zufallsgesteuerter Prozeß, sondern gegenständlich-gerichtete Tätigkeit, die in dem Aufsuchen lebenserhaltender Umweltgegebenheiten (z.B. Nahrungssuche) und dem Vermeiden lebensbedrohlicher Gegebenheiten (z.B. Flucht vor Raubfeinden) zum Ausdruck kommt. Anders formuliert: Die Lebenstätigkeit des Organismus ist gegenständlich-gerichtete Tätigkeit zum Zwecke der Aufrechterhaltung/Wiederherstellung einer positiven Energiebilanz bzw. aktive Verarbeitung energetischer Ungleichgewichtsbeziehungen (Störungen) zwischen Subjekt und Lebensumwelt.

Gerichtete Tätigkeit im und gegenüber dem äußeren Milieu, die sich in konkreten Handlungen ausdrückt, setzt aber ihrerseits - und zwar auf jeder Entwicklungsstufe der lebenden Materie - ein niveauspezifisches internes Steuerungsvermögen der äußeren Tätigkeit voraus. D.h. der energetische Stoffwechsel zwischen Organismus und niveauspezifischer Lebensumwelt impliziert notwendig einen Informationsaustausch zwischen lebendigem Subjekt und Umwelt. Energieaustausch und Informationsaustausch bilden eine untrennbare funktionelle Einheit. Um zu einer adäquaten Tätigkeit im und gegenüber dem äußeren Milieu zu gelangen, muß das lebendige Subjekt zwischen lebensrelevanten und irrelevanten Umweltgegebenheiten differenzieren können, muß es raum-zeitliche Strukturen in der Umwelt berücksichtigen (wie elementar auch immer), d.h. es muß Informationen aus der Umwelt in bezug auf seinen eigenen Zustand adäquat auswerten. Auf die Frage: "Was schafft die Notwendigkeit, die objektive Realität im Psychischen widerzuspiegeln?", läßt sich folglich - in Bezug auf den Menschen - mit Leontjew antworten: "Die Notwendigkeit der Empfindung, und zwar einer Empfindung, die die Wirklichkeit getreu widerspiegelt, ergibt sich ... aus den Bedingungen und Anforderungen des Lebens, das heißt aus den Prozessen, die den Menschen mit seiner Umwelt real verbinden" (Leontjew 1980, S.20f.).

Den Qualitätssprung zur psychischen Entwicklungsstufe der Widerspiegelung (Informationsverarbeitung) charakterisiert Leontjew als Übergang von der einfachen Reizbarkeit zur Sensibilität: Während die ersten lebensfähigen Organismen (im Wasser lebende Protoplasmakörper) zum Zwecke ihrer Selbstreproduktion nur auf solche objektiven Einwirkungen aktiv reagieren müssen, die unmittelbar (über-)lebensrelevant sind (einfache Reizbarkeit = Fähigkeit zur Reaktion auf direkt lebenswichtige Umwelteinwirkungen), komplizieren sich im Fortgang der progressiven Evolution die Wechselwirkungsprozesse zwischen Organismus und Umwelt. Der Organismus wird - aufgrund stammesgeschichtlich abgesicherter Anpassungsleistungen - fähig, einerseits immer neue Umweltaspekte informationell 'auszuwerten', um sein Leben zu erhalten, und andererseits auch gegenüber jenen Einwirkungen reizbar, "die von sich aus seine Assimilationstätigkeit und seinen Stoffwechsel weder positiv noch negativ bestimmen" (Leontjew 1980, S.35). Diese neue Form der Reizbarkeit gegenüber Prozessen, die 'an sich' biotisch neural sind, aber hinsichtlich stoffwechselrelevanter Gegebenheiten Signalcharakter besitzen, kennzeichnet Leontjew als 'Sensibilität'(6).

"Diese veränderte Form der Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt läßt sich schematisch wie folgt ausdrücken: Auf einer bestimmten Stufe der biologischen Evolution tritt der Organismus auch zu Einwirkungen in aktive Beziehungen (wir wollen sie als Einwirkungen des Typs & bezeichnen), deren biologische Rolle durch ihre objektive und beständige Verbindung mit biologischen Einwirkungen von unmittelbarer Lebensbedeutung (die wir Einwirkungen des Typs a nennen wollen) bestimmt wird. Mit anderen Worten: Es entsteht eine Tätigkeit, deren Gegenstand nicht durch dessen eigentliche Beziehung zum Leben des Organismus, sondern durch sein objektives Verhältnis zu anderen Eigenschaften und zu anderen Einwirkungen, das heißt durch das Verhältnis &:a bestimmt wird" (Leontjew 1980, S.36).

Als konstitutive Grundlage des Übergangs zur 'Sensibilität' ist die von Anochin umrissene Phylogenese der 'vorgreifenden Widerspiegelung' anzusehen, d.h. die Evolution der organismischen Fähigkeit zur 'vorauseilenden Vorwegnahme' der wiederholt aufeinanderfolgenden Erscheinungen der Außenwelt. Auf der Basis der ersten protoplasmatischen chemischen Reaktionsketten wurde demnach im naturevolutionären Prozeß ein solcher Apparat geschaffen,

"der eine tausendfache Beschleunigung der Widerspiegelung der Wirklichkeit erlaubt, die dem anschließenden Ablauf der realen Umweltereignisse um ein Vielfaches voraneilt. Gerade diese Unterschiede in der Ablaufgeschwindigkeit der Erscheinungen in der natürlichen Wirklichkeit und in der Nervensubstanz des Gehirns der Tiere schaffen die Voraussetzungen für die Ausbreitung dieser vorauseilenden Erregung" (Anochin 1978, S.71).

Die Fähigkeit, adäquate Tätigkeiten im und gegenüber dem äußeren Milieu auszuführen, setzt somit notwendig die Fähigkeit zur Widerspiegelung der objektiven Realität in ihren raum-zeitlichen Zusammenhängen und Beziehungen voraus; wobei die Entwicklungshöhe der Widerspiegelungs- oder Abbildfähigkeit vom Komplexitätsgrad der lebensrelevanten Umweltbeziehungen und den sich daraus ergebenden Tätigkeitsanforderungen abhängt. Die psychische Widerspiegelung wird auf diese Weise zu einem untrennbaren Moment der Lebenstätigkeit des Subjekts: Einerseits entsteht die psychische Widerspiegelung im Prozeß der tätigen Auseinandersetzung des Subjekts mit der Umwelt; andererseits ist die Tätigkeit als ein Prozeß zu begreifen, der selbst durch die psychische Widerspiegelung gesteuert wird. Äußere Tätigkeit als konkret-praktische Auseinandersetzung des Subjekts mit der Umwelt und innere (psychische) Tätigkeit verdichten sich zu einer funktionell-komplementären Ganzheit, wobei innere Tätigkeit aus äußerer Tätigkeit infolge von Interiorisationsprozessen hervorgeht und andererseits sich die innere psychische Tätigkeit in der äußeren Tätigkeit vergegenständlicht.

III.1.2. Innere psychische Tätigkeit als Abbild- und Orientierungstätigkeit

In seiner Abhandlung "Zu Grundfragen der Psychologie" geht es Galperin vornehmlich darum, zu einer begründeten Bestimmung des Gegenstandes der wissenschaftlichen Psychologie auf der Basis des dialektischen und historischen Materialismus zu gelangen. Eng verknüpft mit diesem Anliegen, ja elementare Voraussetzung für die wissenschaftliche Gegenstandsbestimmung der Psychologie, ist die Aufdeckung des Wesens des Psychischen, seiner grundlegenden Funktionen und genetischen Zusammenhänge. Galperins Ausführungen dienen somit dem uns interessierenden Zweck, die grundlegenden Wesensmerkmale der inneren psychischen Tätigkeit näher zu erhellen.

Als ein Ausgangspunkt für die Analyse der Wesensmerkmale des Psychischen dient Galperin die Betrachtung der spezifischen Anforderungen, die sich aus der mobilen Lebensweise der Tiere ergeben:

1.) Für die mobile Lebensweise ist charakteristisch, daß sie in einer kompliziert gegliederten, gegenständlichen Umwelt mit komplexen raum-zeitlichen Strukturen (Leontjew spricht diesbezüglich vom 'heterogenen Milieu') vollzogen werden muß. In dieser so strukturierten Umwelt sind die lebensrelevanten Gegebenheiten, Tatbestände, Konstellationen nicht einfach vorhanden, so daß mit ihnen ohne weiteres in eine biologisch sinnvolle Wechselwirkung getreten werden könnte, sondern die lebensrelevanten Umwelttatbestände müssen vom tierischen Organismus vermittels gerichteter Tätigkeit erst aufgesucht, herbeigeführt oder 'hergestellt' werden. Das Tier ist folglich zum Zwecke seiner Lebenserhaltung auf gerichtete Aktivitäten gegenüber dem heterogenen Milieu angewiesen.

2.) In dieser kompliziert-gegenständlich geprägten Umwelt sind folglich Situationen zwangsläufig, die sich dadurch auszeichnen, daß sie 'Neues' enthalten, daß sie den Charakter der 'Einmaligkeit' und 'Unveränderlichkeit' aufweisen und insofern eine unaufschiebbare und nur einmalige Handlung erfordern, die gelingen, aber auch mißlingen kann (wie das Beispiel des Eisbären zeigt, der sich beim Beutefang 'verschätzte' und über die Robbe sprang, vgl. hierzu Galperin 1980, S.137f.). Unter diesen Lebensbedingungen kann folglich die Tätigkeit ohne Regulierung der Tätigkeitsvollzüge aufgrund ihrer Abschätzung im Feld der Dinge, die sich auf der Ebene des Abbilds eröffnet, nicht erfolgreich sein. "Nur aufgrund einer solchen Abschätzung der Handlung auf der Ebene des Abbilds ... ist ihre Anpassung an die einzelnen einmaligen Besonderheiten der Verhaltensbedingungen möglich" (Galperin 1980, S.142). Galperins Resümee lautet folglich:

"Bei mobiler Lebensweise, den dabei unvermeidlich entstehenden einmalig veränderlichen Situationen und der Notwendigkeit individueller und exakter Anpassung der Handlungen an diese Besonderheiten wird die psychische Orientierung zum unabdingbaren und wichtigsten Faktor für den Erfolg des Verhaltens. Darin besteht die objektive Notwendigkeit des Psychischen, die Notwendigkeit der Orientierung auf der Grundlage des Abbilds der Situation und der Handlungen auf der Ebene dieses Abbilds" (ebenda, S.142f.).

Das Wesen des Psychischen als Lösungs- und Verarbeitungsmechanismus von Lebenswidersprüchen besteht demnach darin, das Subjekt in Situationen, in denen kein fertiger Mechanismus zur erfolgreichen Lösung von Tätigkeitsaufgaben vorhanden ist, auf der Ebene des Abbilds zu orientieren. Innere psychische Tätigkeit, die mit der äußeren, konkret-gegenständlichen Tätigkeit unauflöslich verbunden ist, ist demzufolge ihrem Wesen nach Abbild- und Orientierungstätigkeit:

Im Vollzug seiner konkreten Lebenstätigkeit bildet das Subjektdie tätigkeitsrelevanten Bedingungen (die raum-zeitlichen Objektstrukturen) ab, gelangt auf der Ebene der Abbilder zu orientierungsrelevanten inneren Handlungen (auf tierischer Ebene: perzeptive Handlungen; auf menschlicher Ebene: bedeutungs- bzw. sprachvermittelte geistige Handlungen) und kommt im Rahmen dieser inneren Orientierungstätigkeit zu vorgreifenden Widerspiegelungen (Antizipation), aus denen Handlungsprogramme generiert werden, die zugleich in ihrem Vollzug auf der Grundlage der Antizipation (der vorgreifenden Widerspiegelung) gesteuert, korrigiert und rückgekoppelt werden.

Nachdem somit das Wesen Psychischen als Abbild- und Orientierungstätigkeit benannt worden ist, geht es nun noch einmal um die Frage nach den Entstehungsbedingungen der Orientierungstätigkeit nach Galperin.

Situationslogisch betrachtet wird die Orientierungstätigkeit des Subjekts stets dann aktiviert, wenn in einer konkreten Situation die Bedingungen fehlen, die automatisch den Erfolg der Tätigkeit garantieren, wenn dieser Erfolg eventuell sogar entgegen den früher angeeigneten Gewohnheiten realisiert werden muß. Die Orientierungstätigkeit entsteht somit gewissermaßen als Resultat einer progressiven Lösung des Widerspruchs zwischen aktuellem Tätigkeitsrepertoire des Subjekts und aktuellen objektiv determinierten Situationsanforderungen. Auch in evolutionslogischer Betrachtungsperspektive erweist sich die Orientierungstätigkeit als Resultat einer progressiv-adaptiven 'Verarbeitung' der mit der mobilen Lebensweise verbundenen Widerspruchszusammenhänge, die in der Herausbildung und Entwicklung funktionsnotwendiger wechselwirkender Organsysteme ihr materielles Substrat besitzt.

"Somit führt der Übergang zum aktiven Leben im äußeren Milieu zu einer radikalen Umgestaltung des Organismus selbst, zur Entwicklung einer besonderen Instanz zur Gewinnung und Verarbeitung von Signalen aus dem inneren Milieu des Organismus zu Bedürfnissen, von Signalen aus dem äußeren Milieu zu Abbildern der Situation und zu verschiedenen Handlungen auf der Ebene des Abbilds, deren gemeinsame Aufgabe es ist, die Orientierung in Situationen zu gewährleisten, in denen dem automatischen Reagieren Mißerfolg droht" (ebenda, S.162).

In Auswertung der Resultate der Pawlow-Gruppe, Bernsteijns und Anochins gelangt Galperin zu einer Erklärung der neuro-physiologischen Mechanismen der Entstehung der Orientierungstätigkeit, wie sie sich aus dem 'Umschalten' der bedingt-reflektorischen auf die orientierend-untersuchende Tätigkeit ergeben: Danach werden bei Nichtübereinstimmung der in das Zentralnervensystem eingehenden Signale (Umweltinformationen) mit den dort gleichsam 'deponierten' Nervenmodellen (physiologische Widerspiegelung des bedingten Reflexes) die Mechanismen der stereotypen Ausführungsreaktionen blockiert, und die Erregung wird auf die Zentren der orientierend-untersuchenden Tätigkeit umgeschaltet.

Im Hinblick auf die Struktur und die Funktionskomponenten der Orientierungstätigkeit hebt Galperin den integrativ-ganzheitlichen (interfunktionalen) Charakter hervor: Die Orientierungstätigkeit beschränkt sich demnach nicht allein auf die intellektuellen (kognitiven) Funktionen, sondern enthält auch emotionale und willentliche Momente. "Sowohl Bedürfnisse als auch Gefühl und Wille bedürfen nicht nur der Orientierung, sondern sind, psychologisch gesehen, nichts weiter als verschiedene Formen der Orientierungstätigkeit des Subjekts ..." (ebenda, S.113). Die Orientierungsfunktion der Bedürfnisse besteht z.B. darin, daß sie die selektive Beziehung gegenüber den Umwelttatbeständen des Milieus im voraus bestimmen und die allgemeine Richtung der Tätigkeit auf das vorzeichnen, woran es dem Subjekt mangelt und wonach es ein Bedürfnis empfindet. "In diesem Sinne sind die Bedürfnisse Ausgangs- und Hauptelement der Orientierung in Situationen" (ebenda).

"Selbst bei den Tieren beschränkt sich die Orientierung nicht auf die Untersuchung der Situation; auf sie folgen die Wertung ihrer verschiedenen Objekte (hinsichtlich ihrer Bedeutung für die aktuellen Bedürfnisse des Tieres), die Klärung der möglichen Bewegungsrichtungen, das Abschätzen der eigenen Handlungen im Hinblick auf die vorgemerkten Objekte und schließlich die Steuerung der Handlungsausführung" (ebenda, S.112).

Die wissenschaftliche Aufdeckung der Gesetzmäßigkeiten der psychischen Orientierungstätigkeit erfordert somit insbesondere die Rekonstruktion der funktionalen Zusammenhänge zwischen den unterschiedenen Orientierungskomponenten.

Vor dem Hintergrund seiner Einsichten in das Wesen, die Struktur und die Entstehungsbedingungen des Psychischen als Abbild- und Orientierungstätigkeit gelangt Galperin zu folgender, die Frage die Gegenstandsbestimmung der Psychologie betreffenden Schlußfolgerung: "Wenn alle Formen des seelischen Lebens verschiedene Formen der Orientierungstätigkeit darstellen, so besagt dies gleichzeitig, daß die Psychologie in allen sogenannten psychischen Prozessen oder Funktionen gerade diese ihre Orientierungsseite untersucht"(ebenda, S. 114). Die Psychololgie ist die Wissenschaft, die die Entwicklung, die Struktur und die Dynamik der Orientierungstätigkeit erforscht. Sie ist die Hauptwissenschaft von der Orientierungstätigkeit.

Wir können somit festhalten: Die Fähigkeit des Subjekts zur Selbsterneuerung/Selbstorganisation (die sich nur aus dessen widersprüchlicher Verbundenheit mit der äußeren Realität begreifen läßt und nicht als endogene Substanz bzw. als inneres Abstraktum mißverstanden werden darf) beinhaltet als 'innere' Notwendigkeit die Fähigkeit zur progressiven Umgestaltung der Orientierungstätigkeit. Damit wird die Voraussetzung geschaffen zur aktiven Nutzung qualitativ neuer Möglichkeitsräume bzw. zur Erschließung effektiverer Zweck-Mittel-Felder als grundlegende Wesenszüge progressiver Widerspruchsverarbeitung. Naturgeschichtlich manifestiert sich die Selbsttransformation des Subjekts als Ko-Evolution von morphologischer Struktur, Widerspiegelungsfähigkeit und Tätigkeitsniveau.

III.1.3. Psychische Tätigkeitsregulierung auf spezifisch-menschlichem Entwicklungsniveau

Die naturgeschichtliche Lösung der Entwicklungswidersprüche der Hominidenevolution in Form der Herausbildung von Zweibeinigkeit, Körperaufrichtung und fortbewegungsentlastetem Handgebrauch bildet die materiell-biologische Grundlage für den Prozeß der Anthropogenese. Wie Holzkamp (1983, S.164) resümiert, "besteht beim gegenwärtigen Wissensstand Grund zu der Annahme, daß - während die im Wald verbliebenen Primaten in relativer Stagnation sich bis zu den heute lebenden Pongiden evolutionär veränderten - die aus dem Wald verdrängten Primaten im neuen Biotop der Steppen und Savannen zu eben jenen neuen Anpassungsleistungen kamen, die die evolutionäre Progression in Richtung auf die Menschwerdung einleiteten".

Der unter Selektionsdruck zustande gekommene multidimensionale Optimierungseffekt der Zweibeinigkeit, der in seiner "Gesamtleistung" als "phylogenetische Revolution" innerhalb des Tier-Mensch-Übergangsfeldes eine enorme qualitative Höherentwicklung des Tätigkeits- und Orientierungsniveaus gewährleistete, manifestiert sich

a) in der Verbesserung der visuellen Orientierungsmöglichkeiten (Um-sich-Blicken bei aufrechter Körperhaltung und Umkehrbarkeit des Hin- und Wegblickens als adäquatere Erfassung der "Dinge an ihrem Ort"; genauere Erfassung der "Gegliedertheit" der Lebensumwelt; präzisere Tiefenlokalisation der Dinge aufgrund konstanter Koordinaten wie Augenhöhe, Abstand zum Boden, vertikaler Körperachse im Verhältnis zum horizontalen Grund etc.);

b) in der Entlastung der Hände von der Fortbewegung und der dadurch ermöglichten feinmotorischen Perfektionierung des Handgebrauchs unter zunehmend ausgeprägterer cerebraler Kontrolle;

c) in der Kombinationsfähigkeit von tastend-greifender (manipulativer) und visueller Untersuchungsaktivität;

d) in der Verbesserung der Fähigkeit zur Mittelbenutzung und -herrichtung und der schließlichen Ermöglichung von zielgerichtetem Werkzeuggebrauch und geplanter Werkzeugherstellung; sowie

e) in der biologisch-gattungsgeschichtlichen Rückwirkung auf das Trägersubjekt: "Die wesentliche >Initialfunktion< der Bipedie für die weitere psychische Entwicklung höherer motorisch-kognitiver Funktionen erweist sich strukturell an der außerordentlichen Zunahme des Hirnvolumens durch Vergrößerung des Neocortex, die als Resultat der Bipedie betrachtet werden kann" (ebenda, S.165f.).

Die gattungsgeschichtliche (Selbst-)Veränderung des Menschen von einem "Subjekt der Natur" in ein "Subjekt der Gesellschaft" vollzieht sich im Prozeß der Herausbildung elementarer Formen der gesellschaftlichen Arbeit (7) (zum Marxschen allgemeinen Arbeitsbegriff vgl. Teil 1, S.22ff.). Grundlegend für die psychische Tätigkeitsregulierung auf spezifisch menschlichem Entwicklungsniveau ist hierbei nun der Doppelcharakter der gesellschaftlichen Arbeit als a) Verhältnis zur Natur und b) zwischenmenschlich-kooperatives Verhältnis. D.h.: "Nur über die Beziehungen zu anderen Menschen tritt der Mensch in Beziehung zur Natur" (Leontjew 1980, S.202) (8). Menschliche Lebenstätigkeit ist demnach sowohl werkzeugvermittelte, produktantizipatorisch regulierte als auch zugleich sprachvermittelte, kooperativ-kommunikativ "ausgerichtete" und gesteuerte Aktivität. Indem die Menschen in kooperativer (funktionsteilig koordinierter) Weise und in werkzeugvermittelter Form auf die äußere Natur einwirken und in diesem existenznotwendig-kontinuierlichen Arbeits- und Reproduktionsprozeß bedürfnisadäquate Tätigkeitsresultate/Produkte erzeugen, schaffen sie eine gattungsspezifische Lebensumwelt in Gestalt eines sich fortlaufend "ausdifferenzierenden" Systems vergegenständlichter menschlicher Zwecksetzungen. Dabei sind die in gesellschaftlicher Arbeit hervorgebrachten Vergegenständlichungen - in ihrer Eigenschaft als Kristallisationen allgemeiner menschlicher Zwecke - Träger von Bedeutungen. Dieses Charakteristikum der "Bedeutungshaftigkeit" der menschlich produzierten Gegenstände bezieht sich sowohl auf den "vergegenständlichten" Gebrauchsaspekt (verallgemeinerter Verwendungszweck) als auch auf den im Gegenstand gleichsam geronnenen Erfahrungs- und Wissensaspekt. Am Beispiel der Gegenstandsbedeutung 'Axt' veranschaulicht Leontjew (1980, S.209) dieses "dimensionsstrukturelle" Wesensmerkmal des Bedeutungsbegriffs: "Betrachten wir beispielsweise die Axt als Werkzeug und nicht nur als physikalischen Körper, dann haben wir in ihr mehr zu sehen als die Vereinigung zweier Teile - des Stiels und der Schneide. In ihr sind gleichsam das gesellschaftlich erworbene Arbeitsverfahren und die gegenständlich geformten Arbeitsoperationen kristallisiert. Ein Werkzeug zu gebrauchen erfordert deshalb nicht nur, es einfach zu handhaben, sondern auch das entsprechende Arbeitsverfahren zu beherrschen."

Die subjektive Erfassung der objektiven, gesellschaftlich erarbeiteten Gegenstandsbedeutungen bzw. das sich Orientieren-Können und Tätigsein im Feld der Bedeutungen wird damit zu einem zentralen Charakteristikum der spezifisch-menschlichen Regulierung der Lebenstätigkeit (9). Wie Holzkamp unter wahrnehmungspsychologischem Blickwinkel festgestellt hat, wird erst mit der Herausbildung der Bedeutungsbezogenheit der Orientierung die organismische Perzeption zur menschlichen Wahrnehmung, wobei die Gegenstandsbedeutungen den orientierungsrelevanten Aspekt der menschlichen Arbeit bilden. "Die Gegenstandsbedeutungen als Ausdruck der Erfordernisse der gesellschaftlichen Produktion müssen von den Mitgliedern einer Gesellungseinheit modal, im Durchschnitt gesehen, richtig erfaßt worden sein, wenn die gesellschaftliche Lebenserhaltung der Gesellungseinheit als möglich verständlich sein soll" (Holzkamp 1973, S.121).

Wesentlich ist nun, daß mit der Herausbildung der Sprache die Möglichkeit der symbolischen Verdoppelung des gegenständlichen Bedeutungssystems gegeben ist und damit a) die gesellschaftliche Erfahrungstradierung, b) die zwischenmenschliche (intersubjektive) Tätigkeitskoordinierung und c) die psychische (intrasubjektive) Tätigkeitsregulierung auf ein qualitativ höheres Niveau gehoben werden. Als ein System bedeutungstragender Zeichen (Wortbedeutungen) wird die Sprache zu einem Träger der bewußten Verallgemeinerung der Wirklichkeit und gleichzeitig zu einem zentralen "Werkzeug" der psychischen Tätigkeit. Die grundlegende Idee Wygotskis als des Begründers der kulturhistorischen Schule der sowjetischen Psychologie besteht gerade in der Hervorhebung dieser Vermittlung der psychischen Funktionen durch die soziokulturell erarbeiteten "Zeichen", die zugleich die überindividuell-kulturelle Ebene und das Fundament der individuellen menschlichen Psyche bilden. Die Interiorisation der "Zeichen" in der Ontogenese als "Hineinwachsen" von "außen" nach "innen" vollzieht sich nach Wygotski von der interaktiven zur intrapsychischen Ebene: "Jede Funktion tritt in der kulturellen Entwicklung zweimal auf, auf zwei Ebenen, zuerst auf sozialer, dann auf psychologischer Ebene, zuerst zwischen den Menschen, als interpsychische Kategorie ... dann als intrapsychische Kategorie" (Wygotski, zit.n. Radsichowski 1983, S.565). Das "Leistungsspektrum" der zeichen- bzw. sprachvermittelten psychischen Tätigkeit hat Lurija folgendermaßen umrissen: "Dank der Existenz der Sprache ist der Mensch imstande, das Abbild des entsprechenden Gegenstandes hervorzurufen und mit dem Abbild an Stelle des Gegenstandes zu operieren. Zugleich ermöglicht es das Wort, durch die Ausgliederung der wesentlichen Merkmale und die Verallgemeinerung der von ihm bezeichneten Gegenstände oder Erscheinungen tiefer in die Umwelt einzudringen. Alles das hebt die psychischen Prozesse des Menschen auf eine höhere Stufe, bietet die Möglichkeit, sie neu zu organisieren, und erlaubt dem Menschen, die psychischen Prozesse zu steuern. Die Umstrukturierung der psychischen Tätigkeit vermittels der Sprache, die Einbeziehung eines Systems von verbalen Verbindungen in zahlreiche Prozesse, die vorher unmittelbaren Charakter hatten, ist der wichtigste Faktor für die Formierung jener höheren psychischen Funktionen, durch die sich der Mensch vom Tier unterscheidet und die dadurch den Charakter der Bewußtheit und Willkürlichkeit bekommen. Der Anteil des verbalen Systems an der Struktur der höheren psychischen Funktionen ist ihr wichtigster Zug" (Lurija 1970, S.51).

Aufgrund des werkzeug-, bedeutungs- und zeichen- (bzw. sprach-) vermittelten Charakters der spezifisch-menschlichen Tätigkeit wird die zirkuläre Unmittelbarkeit der tierischen Lebensvollzüge und damit das "adaptive" Aktivitätsniveau überwunden. Die vergesellschafteten Menschen passen sich im Vollzug ihrer Lebenstätigkeit nicht einfach den vorgefundenen situativ-gegenständlichen Umweltbedingungen an, sondern transzendieren fortwährend - vermittels der neugewonnenen widerspruchslösenden Tätigkeitsmittel (Werkzeuge, Bedeutungen, Zeichen) - die situativen Handlungsbedingungen sowie die subjektiven Handlungsgrenzen. Dieser "nichtadaptive", besser: kreative Charakter des menschlichen Tätigkeitsniveaus ist bedürfnisstrukturell als Streben nach Selbstverwirklichung/Selbstvervollkommnung im Kontext der konkret-historisch gegebenen Tätigkeitsbedingungen (Grad der Umweltkontrolle; erreichter Entwicklungsstand des gesellschaftlich produzierten materiellen Reichtums; Niveau der gesellschaftlichen Wissens- und Denkformen etc.) verankert. Michailow (1983, S.245) bestimmt das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung als ein "Gattungsbedürfnis des Menschen" und betont dessen widersprüchliche Wesensnatur: "Wie jedes andere Bedürfnis kann es als Widerspruch betrachtet werden zwischen dem, was das Subjekt hat, und dem, was es entbehrt, zwischen Vorhandenem und Fehlendem. Es ist ein Widerspruch zwischen den Wesenskräften der Persönlichkeit (ihren Fähigkeiten und Anlagen) und den Möglichkeiten ihrer Objektivierung in realer konkreter Tätigkeit."

Das Streben nach Selbstverwirklichung/Selbstvervollkommnung als "fokussierendes" Bedürfnis der sich selbst reflektierenden Persönlichkeit im Spannungsverhältnis zum multistrukturellen Sozium (Gruppe, Gemeinschaft, Klasse, Gesellschaft etc.) beruht seinerseits auf der Integration folgender elementarer Bedürfnisebenen bzw. -aspekte:

a) Zunächst ist hier mit Jantzen (1990, S.240) an Marx' und Engels' "Bedürfnis nach Arbeit" zu erinnern. "Dabei darf das 'Bedürfnis nach Arbeit' nicht verkürzt nur im Sinne von körperlicher Arbeit erfaßt werden, sondern ist seinem Wesen nach das Bedürfnis nach geistiger Durchdringung der eigenen Tätigkeit, der eigenen menschlichen Existenz, nach geistiger und praktischer Aneignung der Welt".

b) Holzkamp-Osterkamp gelangt im Rahmen ihrer materialreichen naturgeschichtlichen Rekonstruktion der Besonderheit menschlicher Bedürfnisse zum Begriff der "produktiven" Bedürfnisse als "emotionaler Grundlage" für die Integration des individuellen Subjekts in die gesellschaftlich-arbeitsteiligen Kooperationsstrukturen: "Die 'produktiven' Bedürfnisse sind auf den Erwerb der Kontrolle über die relevanten Lebensbedingungen gerichtet und umfassen alle Tendenzen zur Ausdehnung bestehender Umweltbeziehungen, somit also auch der sozialen Beziehungen, und zwar in ihrem Doppelaspekt: als Teil der zu erkundenden Umwelt, aber auch als über die Kooperationsbeziehung ermöglichte Erweiterung der Basis dieser Umweltbegegnung und Erhöhung der damit verbundenen Erlebnisfähigkeit" (Holzkamp-Osterkamp 1978, S.23).

c) Wie Simonov betont, ist das Streben des Menschen nach Selbstverwirklichung, nach tätiger Entwicklung und Entfaltung seiner schöperischen Möglichkeiten in der menschlichen Natur als Bedürfnis nach Information mit ungeklärter pragmatischer Bedeutung materialisiert. "Das Informationsbedürfnis wird vom Menschen hauptsächlich auf zwei Wegen befriedigt. Einmal durch die Suche nach dem Neuen in der Umwelt, einschließlich anderer Menschen als Quellen der Information, die im Kontakt mit ihnen gewonnen wird. Zum anderen durch eine Neuheit, die auf dem Wege der Rekombination früher erhaltener Eindrücke entsteht, d.h. im kreativen Prozeß" (Simonov 1982, S.44). Hervozuheben ist hier außerdem, daß aufgrund des "bedeutungs- und zeichenvermittelten" Charakters der menschlichen Informationsaufnahme und -verarbeitung die Möglichkeit der Informationsspeicherung "für alle Fälle" - also noch bevor diese Informationen eine unmittelbar pragmatische Bedeutung erlangen - erheblich erweitert wird.

Das Einbezogensein in den arbeitsteilig strukturierten gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozeß erfordert vom individuellen Subjekt die adäqute Erfassung des (funktionalen) Verhältnisses zwischen individuellem Teilbeitrag und überindividuellem Tätigkeitsziel im Rahmen kooperativer Handlungsstrukturen. Während auf dem "instinktiven" Entwicklungsniveau der Tiere jede Tätigkeit einem unmittelbar biologischen Bedürfnis entspricht und darum Gegenstand und Motiv der Tätigkeit stets zusammenfallen, kommt es auf dem menschlich-gesellschaftlichem Entwicklungsniveau der Tätigkeitkoordinierung zu einer Trennung zwischen Tätigkeitsziel und Tätigkeitsmotiv. Leontjew (1980, S.204) bezeichnet "solche Prozesse, deren Ziel und Motiv nicht zusammenfallen, als Handlungen... Die Tätigkeit eines Treibers, der das Wild erschreckt und es den Jägern zutreibt, wäre dann eine Handlung." Spezifisch-menschliche Handlungsfähigkeit setzt demnach die psychische Widerspiegelung des objektiven Verhältnisses zwischen Motiv und Ziel der Tätigkeit voraus. "Mit der Handlung, der 'Haupteinheit'' der menschlichen Tätigkeit, bildet sich demnach auch die Grundlage und ihrem Wesen nach gesellschaftliche 'Einheit' der menschlichen Psyche: der vernünftige Sinn dessen, worauf sich die Aktivität des Menschen richtet" (ebenda, S.206).

Neben der angemessenen Erfassung/Aneignung der sachlichen Gegenstandsbedeutungen sowie dem Erkennen des Verhältnisses zwischen individuellem Teilbeitrag und überindividuellem Tätigkeitsziel erfordert die individuelle Teilnahme am Prozeß der gesellschaftlichen Arbeit zudem die subjektive Realisierung der personalen Bedeutungsmomente der Kooperationspartner als Träger spezifischer handlungsrelevanter Eigenschaften. Holzkamp hat diese (interpersonelle) Bedeutungsebene als "personale Gegenstandsbedeutungen" herausgehoben und deren funktionalen Stellenwert folgendermaßen bestimmt: "Ich muß aus Bedeutungscharakteristika der anderen Person ersehen können, welches Moment an den objektiven Kooperationsstrukturen diese Person in ihrer Tätigkeit realisiert, damit ich ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben (in welcher Größenordnung auch immer) angemessen einschätzen und meine 'Erwartungen', 'Forderungen' etc. gegenüber der Person und ggf. meinen eigenen ergänzenden oder komplementären Beitrag danach einrichten kann" (Holzkamp 1973, S.143; alle Sperrungen entfernt, H.K.).

Die Spezifik der menschlichen Daseinsweise besteht nach Marx darin, daß der Mensch "nicht nur ein geselliges Tier <ist>, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann" (MEW 13, S.616). Die damit prägnant zum Ausdruck gebrachte Dialektik von Individuation und Sozialisation des konkret-historischen individuellen Menschen vollzieht sich im Prozeß der aktiv-tätigen "Hineinentwicklung" in die vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Dabei ist das Individuum als ganzheitliches, "poly-tätiges" Subjekt zu begreifen, das "als aktives Element im System der gesellschaftlichen Beziehungen in den gesamten Fächer der sozialen Untersysteme und der in jedem von ihnen erfüllten Tätigkeiten einbezogen ist" (Asmolov, Velickovskij 1988, S.32). Wesentliche Bestimmung des Individuums als ganzheitliches Subjekt seiner Lebenstätigkeit ist deshalb die Ausbalancierung und (subjektiv sinnvolle) Integration der (zumindest potentiell) widersprüchlichen Tätigkeitsformen, -inhalte, Beziehungsebenen, Anforderungszusammenhänge etc.im Rahmen einer sowohl identitätswahrenden als auch "realitätstüchtigen" Lebensführung. Angesichts dieser a) widersprüchlichen Beziehung von Individuation und Sozialisation und b) der "poly-tätigen" Ganzheitlichkeit des Individuums als essentielle Merkmale der menschlichen Existenzweise bildet sich das Psychische auf menschlichem Entwicklungsniveau als spezifischer Abstimmungs- und Regulierungsmechanismus, "dessen Entstehung mit der Spaltung des Seins in eine allgemeine Form und in individuelle Formen und mit der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der qualitativen Eigenart der individuellen Form zusammenhängt" (Abulchanowa-Slawskaja 1976, S.71). Die psychische Tätigkeit ist folglich in dieser funktionsbezogenen Perspektive als integrale Verarbeitungs- und Regulationsinstanz der mit dem gesellschaftlich-individuellen Doppelcharakter der Tätigkeit gesetzten "allgemeinhistorischen"  Wechselbeziehung zwischen Individuum und Sozium zu begreifen: Sie ist "Koordinationsorgan" des spezifisch-menschlichen individuellen Lebens in der Gemeinschaft. Einerseits ist das individuelle Subjekt auf zwischenmenschlichen Verkehr in konkreten dyadischen oder gruppenförmigen Tätigkeitskeits- und Kommunikationsbeziehungen "ausgerichtet", andererseits benötigt es eine relative (reflexive) Autonomie und (identitätsbezogene) Distanz gegenüber den kollektiven "Einbindungen" (10). Diligenski (1978, S.56) beschreibt dieses "regulationsbedürftige" Widerspruchsverhältnis des einzelnen Menschen - als zugleich "individuelles Gemeinwesen" (Marx) und gesellschaftliches Einzelwesen - als innerpsychischen Kampf ("Basisspannung") zweier entgegengesetzter Tendenzen: "Die eine kann als Tendenz zur Verschmelzung mit dem Sozium bezeichnet werden." Neben der Aneignung der gesellschaftlichen Handlungverfahren, Bedeutungen, kulturellen Standards etc. ist hierunter die informationelle und handlungsbezogene Selbstintegration des Individuums in den Gruppenzusammenhang zu subsumieren. "Die zweite Tendenz besteht in der Herausforderung des "Ichs" als autonome Einheit". Als Äußerungsformen sind hier die Eigeninitiative der Persönlichkeit, die Selbsterarbeitung von Handlungzielen, -verfahren, Kenntnissen und Werten, aktives Informationsverhalten, gezielte Einflußnahme auf Interaktionspartner sowie allgemein das Streben zur Selbstbehauptung anzusehen. (11)

In diesem Bestimmungskontext des Psychischen als Vermittlungs- und Verarbeitungsinstanz der widersprüchlichen Beziehung von "Individuellem" und "Gesellschaftlichem" ist auch die Konstituierung menschlicher Subjektivität (verstanden als Einheit von Reflexivität, Selbstbewußtsein/Selbstidentität und subjektiver Sinnebene) zu betrachten. Leontjew hat als wesentliche Zäsuren der Ontogenese die "zweifache Geburt der Persönlichkeit herausgehoben": Auf der Grundlage elementarer Formen der Polymotiviertheit und Koordination der Handlungen kommt es im frühen Kindesalter zur Herausbildung erster Formen des "Systems des Ichs" (Boshowitsch) (12), so daß fortan die Entfaltung und qualitative Ausgestaltung der "Ich-Position" eine wesentliche Seite der Entwicklung des heranwachsenden Menschen bildet. Im Prozeß der sozial-kommunikativ und kooperativ vermittelten Aneignung der gesellschaftlich erarbeiteten Bedeutungen und Handlungsformen stellt der oder die Heranwachsende zugleich subjektive (persönliche) Beziehungen zu den angeeigneten Bedeutungen und sozialen Erfahrungen her und erfaßt allmählich die eigenen Position im sozialen (zwischenmenschlichen) Beziehungssystem. Die zweite (soziale) Geburt der Persönlichkeit in Pubertät und Adoleszenz ist schließlich gekennzeichnet durch die komplizierte Aufgabe der Selbstfindung und Selbstbestimmung im Kontext der angeigneten und bewußt reflektierten Bedeutungen sowie der subjektiv erfaßten sozialen Handlungsmöglichkeiten (13). Hier geht es also um die konfliktreiche Erarbeitung einer subjektiv sinnvollen Lebensperspektive im Rahmen der vorgefundenen (in-sich-selbst widersprüchlichen) gesellschaftlichen Verhältnisse. Ginsburg (1989, S.204) entschlüsselt das Wesen der Selbstbestimmung "als Bedürfnis, die allgemeinen Vorstellungen von der Welt und die allgemeinen Vorstellungen von sich selbst in ein einheitliches Sinnsystem zu bringen und somit den Sinn der eigenen Existenz zu bestimmen."

"Menschliche Subjektivität" bildet sich demnach im lebensgeschichtlichen Kontext der aktiven Erarbeitung einer eigenständig wertenden (parteinehmenden) Position gegenüber den konkret-historisch vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnissen (Eigentums- und Herrschaftsordnung; sozio-kulturelle Standards, "Lager" und Milieus; öffentlich artikulierte und institutionalisierte Interessen etc.); was die Ausprägung einer sinnhaften Beziehung zur Gattung ("Mensch der Menscheit"), zur vorgegebenen Gesellschaftsordnung, zu den sozialen Bezugsgemeinschaften unterschiedlicher Größenordnung (Nation, Klasse, Gruppe, Kollektiv, Familie etc.) sowie zum eigenen Selbst einschließt. So ist, wie Rubinstein (1977, S.336) betont, "der Mensch insofern Persönlichkeit, als er seine Beziehungen zur Umwelt bewußt bestimmt". Und er fährt fort: "Ein Mensch ist maximal eine Persönlichkeit, wenn er (oder sie, H.K.) ein Minimum an Neutralität, an Indifferenz, an Gleichgültigkeit und ein Maximum an 'Parteilichkeit' in bezug auf das gesellschaftlich Bedeutsame aufweist" (ebenda, S.337).

Die lebensgeschichtliche Ausprägung individueller Subjektivität ist allerdings spätstens mit der Herausbildung der "modernen" (enttraditionalisierten) bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ein im höchsten Maße "problematischer" Prozeß, der mißlingen, d.h. sich in dehumanisierender ("Unmensch der Menschheit") oder pathogenetischer Form vollziehen kann (14). Dabei ist folgende doppelte Widerspruchskonstellation als grundlegend für die Problematik der ("modernen") Subjektivitätsgenese anzusehen:

1) Die psychische Verarbeitung der Widersprüche zwischen Individuum und Sozium bzw. zwischen "Ich" und "Nicht-Ich" erfolgt seit Herausbildung der antagonistischen Zivilisation (produktionswirtschaftliche Existenzweise, Privateigentum, Klassentrennung, Staat, Patriarchat und zwischenethnischer "Eroberungskonkurrenz") - und verstärkt mit der "Komplexitätszunahme" der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft - angesichts eines in-sich-selbst widersprüchlichen Bedeutungssystems, das die Widersprüche des gesellschaftlichen (Re-)Produktionssystems in sich reflektiert bzw. artikuliert. D.h. im Prozeß der Selbstfindung/Selbstbestimmung stößt das individuelle Subjekt auf ein widersprüchlich-chaotisch strukturiertes Feld konfligierender Ideen, Theorien, Programme, Werte, Normen, Handlungaufforderungen, Prognosen etc.

Herrschende (gesellschaftlich  dominante) Gedankenformen:  Widerständig-kritische Gedankenformen:
Ideologien der ökonomischen, politischen und kulturellen Herrschaftsträger (Legitimation/Rationalisierung von Klassenherrschaft, Patriarchat, Rassismus, Naturausbeutung und Unterdrückung individueller Entwicklungsinteressen) Emanzipatorische "Bedeutungen" im Sinne der Zweiten Kultur (vgl. Teil 1, S. 26)
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orientierungs- und sinnsuchendes Subjekt

2) Wie Dubrowski und Tschernoswitow anhand der "Bidominanz" des menschlichen Bewußtseins demonstrieren, ist von einer "ontologischen" Selbstwidersprüchlichkeit des individuellen Subjekts auszugehen. "Bidominanz" bezeichnet den Vorgang der Selbstreflexion als "innere Kommunikation" (intrapsychisches Zwiegespräch), in der sich das "Ich" auf sich selbst als "Du" bezieht (15). Diese Selbstwidersprüchlichkeit  ist im Rahmen der "fließenden Gegenwart" ständig aktuell und damit baseale Selbsterfahrung des Individuums. "Mit der Reflexion des Verhältnisses zu sich selbst als Verhältnis zum eigenen Körper findet das Subjekt den Unterschied in sich selbst und die Unmöglichkeit seiner Überwindung im Rahmen seiner eigenen einzelnen Existenz" (Dubrowski/Tschernoswitow 1980, S.969). Kernmoment der Bidominanz ist die Dialektik von Sein und Sollen in Form der Selbstbewertung und "Sinnausrichtung" der Tätigkeit. Die reflexiv erfaßte und bewertete Nichtübereinstimmung von "Sein" und "Sollen" initiiert als Antriebsmoment die Selbstveränderung/Selbstvervollkommnung des Subjekts, die entweder in Gestalt des "Schöpfertums" (Höherentwicklung der Tätigkeit) gelingen, aber auch in Form psychopathologischer Zerstörung mißlingen kann. "Bei der schizophrenen Zerstörung des Bewußtseins verliert das Subjekt seinen bidominanten 'Doppelgänger' (den "anderen") und erhält einen psychopathologischen (halluzinatorischen), das heißt einen fremden 'Doppelgänger'" (ebenda, S.973). Aufgrund der Wertorientierung als kennzeichnende Dimension und der damit verbundenen Abstimmung von Fremd- und Selbsteinschätzung tritt, wie Dubrowski/Tschernoswitow (S.967) betonen, "in der Bidominanz des Bewußtseins...am deutlichsten seine soziale Natur hervor, da die Einheit von 'Ich' und 'Du' in der Struktur des individuellen Bewußtseins, ihre Gegenüberstellung , ihr Entgegenwirken und gleichzeitig ihre Unzertrennlichkeit Ausdruck der notwendigen Verbindung des Individuums mit anderen Individuen, mit dem Kollektiv und dem sozialen Ganzen sind."

Zusammenfassend lassen sich sich demnach folgende Ebenen der psychischen Tätigkeit als subjektive Widerspruchsverarbeitung (16) unterscheiden:

1) Gesellschaftliche Arbeit/gegenständliche Tätigkeit als "Lösung" des Mensch-Natur-Widerspruchs;

2) Existenzieller (Regulations-)Widerspruch zwischen Individuum und Sozium;

3) Widerspruch zwischen individuellem Streben nach Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Entwicklungsbehinderungen innerhalb der antagonistischen Zivilisationsstufen;

4) Intersubjektive Widerspruchsebene: das Individuum als aktives Element des Konfliktgeschehens zwischen sozialen Gemeinschaften, Klassen, Interessengruppen etc.;

5) Widerspruch zwischen individuellem Orientierungsbedarf und in-sich-selbst widersprüchlichem Bedeutungssystem;

6) Individueller Selbstwiderspruch ("Bidominanz").

Ausgehend von Wygotskis Bestimmung der "Dialektik des Menschen" als Gegenstand der (materialistischen) Psychologie ist der Begriff "subjektive Widerspruchsverarbeitung" als Vermittlungskategorie zwischen (gesellschaftlichem) System und Subjekt zu bestimmen, wobei das Subjekt in seiner aktiven Eigenständigkeit (relativen Autonomie), zugleich aber in seiner gesellschaftlichen (konkret-historischen) Determination begriffen wird. "Subjektive Widerspruchsverarbeitung" wäre somit als subjektwissenschaftliche Konkretisierung bzw. Präzisierung der Marxschen Thesen zu betrachten, a) wonach die Menschen ihre Geschichte selber machen, aber stets unter konkret vorgefundenen, überlieferten Umständen mit einem limitierten Möglichkeitsraum und b) "die soziale Geschichte der Menschen...stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung <ist>, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht" (MEW 27, S.453).


© Hartmut Krauss, Osnabrück 1994




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Anmerkungen:

1 Teil I ist erschienen in HINTERGRUND III/94, S. 17-38.

2 Neben dem "antipsychologischen" Einstellungssyndrom der parteimarxistisch erzogenen kommunistischen Kader ("Die Klassiker haben sich auch nicht mit Psychologie befaßt") und der interessierten bürgerlichen Vorurteilspflege eines angeblich in seiner Substanz "subjektlosen", "mechanistischen", "fatalistischen", "eschatologischen" etc. Marxismus (als abgrenzungsfähiger Popanz) dürften hier u.a. folgende Aspekte eine Rolle gespielt haben:

a) die - vordergründig betrachtet - grundlagentheoretisch-begriffliche Abstraktheit der sowjetischen Tätigkeitspsychologie bezüglich konkreter kritisch-sozialwissenschaftlicher Fragestellungen;

b) deren Themenzentrierung auf pädagogische, defektologische, lerntheoretische, neurophysiologische u.ä. Problembereiche;

c) die "Dialektik der Anpassung" zwischen stalinistisch-geistesbürokratischer Observanz und pragmatischer Selbstzurücknahme.

3 So werden z.B. "faktorenanalytisch" jene äußeren Determinanten aufgelistet, die das Entstehen und die Verbreitung von Klassenbewußtsein in Westdeutschland behindert haben, ohne allerdings die diversifizierende Eigendynamik subjektiver Verarbeitungsweisen in Rechnung zu stellen:

* die Auswirkungen der langen Herrschaft des Hitlerfaschismus;

* das Konkurrenzverhalten zwischen Einheimischen und Umsiedlern (Vertriebenen);

* Proletarisierung von Kleinbürgern;

* Etablierung des (gegenüber der Nazizeit modifizierten) Antikommunismus als Staatsdoktrin;

* relativ rasche Entwicklung des materiellen Lebenstandards im Vergleich zur DDR;

* Illegalisierung der KPD und damit die Erweiterung der Einflußmöglichkeiten der systemintegrierten SPD etc. (vgl. von Heiseler, Schleifstein 1973).

4 Gegenüber Marx hebt Giddens kritisch hervor, daß dieser nicht zwischen Klassenbewußtsein als Wahrnehmung von Interessenkonflikt und revolutionärem Klassenbewußtsein unterscheide. "In den Marxschen Texten (allerdings nicht in denen Lenins) wird angenommen, daß die Herausbildung eines revolutionären Klassenbewußtseins das unmittelbare Ergebnis eines Bewußtseins des Konflikts von Klasseninteressen ist, wenn es nicht sogar völlig damit identisch ist" (ebenda, S.137f.).

5 "Tätigkeit ist das dynamische, sich selbst entwickelnde hierarchische System von Wechselbeziehungen zwischen Subjekt und Welt, in dessen Entwicklung das psychische Abbild entsteht, seine Vergegenständlichung im Objekt und die Verwirklichung und Umgestaltung der durch das psychische Abbild vermittelten Beziehungen des Subjekts in der gegenständlichen Welt" (Asmolov und Velickovskij 1988, S.10).

6 Nuikin (1989, S.94f.) vermutet die Entstehung von Subjektivität bereits bei den Einzellern und betrachtet dabei als entscheidenden Punkt die "'Bereicherung' der Reizbarkeit durch die Eigenschaft der 'Erlebnisfähigkeit'...Für alle niederen Entwicklungsstufen des tierischen Lebens sind Erkenntnis und Anpassung praktisch ununterscheidbare Begriffe." Empfindung und Erlebnisfähigkeit waren somit ursprünglich untrennbar miteinander verwoben: "Abbild, Signal, Antrieb zur Aktivität. ... Das alles äußerte sich in einer Einteilung der Empfindungen in solche, die ein unbestimmtes Behagen (Merkmal von Nützlichkeit, von günstigen Bedingungen), und solche, die ein ebenso unbestimmtes Mißbehagen (Merkmal von Schädlichkeit, von ungünstigen Bedingungen) bereiten."

7 Als qualitativer Wendepunkt gilt hier der Übergang vom gelegentlichen Gebrauch von Gegenständen als Werkzeug (Ad-hoc-Werkzeugbenutzung und -herstellung) zur geplanten Werkzeugherstellung für eine künftige Gelegenheit. In Anlehnung an Fischer rekapituliert Holzkamp (1973, S.112) diesen Übergang folgendermaßen: Ursprünglich sei etwa der Stock nur angesichts der Frucht als Mittel aktualisiert, primitiv auf die Verwendung zugerichtet und nach Gebrauch weggeworfen worden; die Wende zur Menschheitsgeschichte liege in der Umkehrung dieses Verhältnisses, z.B. der verselbständigten Auffassung des Stockes als eines Mittels zum verallgemeinerten Zweck der Früchtebeschaffung; erst mit dem Vollzug dieser Umkehrung sei der Weg zur geplanten Herrichtung von Werkzeugen für einen bestimmten, generalisierten Gebrauch, ihre Aufbewahrung, Verbesserung etc. freigeworden. Damit seien auch die Voraussetzungen für tradierende Weitergabe und Vervollkommnung, gemeinschaftlichen Gebrauch der Werkzeuge, also die gesellschaftliche Werkzeugherstellung gegeben."

8 Neben der "Phylogenese der Zweibeinigkeit" ist hier als zweite genetische Quelle der gesellschaftlichen Arbeit die Evolution sozialer Verhaltenskoordinierung zu berücksichtigen: "Nur bei Lebewesen, die in Gruppen lebten und bei denen es verhältnismäßig hochentwickelte Formen des gemeinschaftlichen Lebens gab, obwohl diese von den primitivsten Formen des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft natürlich noch weit entfernt waren, konnte die Arbeit aufkommen" (Leontjew 1980, S.201).

9 "Der Mensch findet bereits ein fertiges, historisch entstandenes System von Bedeutungen vor und lernt es ebenso wie ein Werkzeug - dieses materielle Urbild der Bedeutung - beherrschen. Damit wird die Tatsache, ob er eine Bedeutung beherrscht oder nicht, ob er sie sich aneignet oder nicht, inwieweit er sie sich aneignet und was sie für ihn, für seine Persönlichkeit darstellt, zur eigentlichen psychologischen Tatsache seines Lebens" (Leontjew 1980, S.220). Zur Dialektik von Vergegenständlichung und Aneignung vgl. Teil 1, S. 25.

10 Die Suspendierung dieser relativen Autonomie und selbstregulativen Distanz in repressiv-autoritären Kollektivformen durch rigide bis terroristische Normierungsweisen - z.B. im Gruppenkontext von Sekten - stellt eine spezifische Form des Antihumanismus dar.

11 "Die Kollision zwischen der Tendenz zur Verschmelzung mit dem Sozium und der Tendenz zur Absonderung des "Ich" kann in bestimmten Situationen zu dem Versuch führen, die Spannung durch eine wesentliche Verstärkung der einen und eine Schwächung der anderen Tendenz zu lösen. Als Beispiel mögen ausgeprägte Typen individualistischer oder egoistischer Denk- und Verhaltensweisen dienen, bei denen die psychischen Beziehungen zu anderen Menschen nicht gänzlich zerstört werden, jedoch einen antagonistisch-negativen Charakter annehmen" (Diligenski 1978, S.60).

12 "In dieser Etappe wird sich das Kind seines 'Ichs' bewußt, es zeigt erste Tendenzen zur Selbstbehauptung ('Ich selbst'), stellt Beziehungen 'Ich und die anderen' her" (Feldstein 1987, S.56).

13 "Im Mittelpunkt dieser zweiten und sozialen Geburt der Persönlichkeit steht der Gewinn der Fähigkeit, sich nicht nur mit den Augen je einzelner anderer Menschen, also bedeutsamer Anderer, sehen zu können, sondern die bedeutsamen Anderen im Verhältnis von 'Ich' und 'Ich als Du' insgesamt zu einem verallgemeinerten Menschenbild integrieren zu können, in höchster Form sich als 'Mensch der Menschheit' (so Leontjew unter Aufgreifen eines Gedankens von Gorki) im eigenen Handeln vom Standpunkt der Menschheit her sehen zu können" (Jantzen 1987, S.38f.).

14 Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anläßlich des "Welttages für geistige Gesundheit" im Oktober 1994 mitteilte, leiden ca. 500 Millionen Menschen weltweit an irgendeiner Form von geistig-psychischer Störung. So sind über 50 Millionen Opfer schwerer geistiger Störungen wie der Schizophrenie, 155 Millionen leiden unter Neurosen, geistig behindert sind 120 Millionen, 100 Millionen haben mit schweren Depressionen zu kämpfen und weitere 100 Millionen sind von geistigen Störungen aufgrund von Verletzungen oder Infektionen betroffen. (Zur Pathogenese der psychischen Tätigkeit vgl. ausführlich Jantzen 1987 und 1990.)

15 Das "Ich" spiegelt in sich die widerprüchliche Gleichzeitigkeit von "Sozialorientierung" und "Selbstorientierung" des individuellen Subjekts. Es ist sowohl die selbstidentische Erfassung "der eigenen Persönlichkeit als eine von den 'anderen' unterschiedene Person als auch die Widerspiegelung der Vorstellungen der "anderen" von eben dieser Persönlichkeit" (Diligenski 1978, S.56). Die subjektiv "gefilterten" Fremdbewertungen gehen in die bidominante Selbstbezüglichkeit als inhaltliche Konstituenten ein.

16 Ich rekapituliere hier nicht den Verlauf der Ontogenese des individuellen Subjekts als Prozeß etappenspezifischer Lösung von widerspruchsvermittelten "Entwicklungskrisen". Vgl. hierzu Wygotski 1987, Boshowitsch 1979/80, Feldstein 1987, Petrowski 1988 (in: HINTERGRUND II/1988, S.61-70.), Holzkamp 1983 (Kapitel 8) und Jantzen 1987 (Kapitel 5).

Quelle: HINTERGRUND. Marxistische Zeitschrift fue Gesellschafts- theorie und Politik. Einschaetzungen, Analysen, Informationen. IV/94, S. 24-43









 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017