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Beiträge zur Politik  








© Aargauer Zeitung / MLZ; 2002-09-19; Seite 26

Wirtschaft

Die Irak-Debatte und der Faktor Öl

USA · Wirtschaftliche Interessen im Nahen Osten

Weshalb die plötzliche Hast, Saddam Hussein aus dem Sessel zu kippen, wenn möglich unter militärischer Führung der USA? Zumindest ein Teil der Antwort lässt sich mit einem einzigen Wort umschreiben: Öl.

Luzian Caspar, washington

Jahrzehntelang war Saudi-Arabien die dominierende Macht in der Opec, der Organisation erdölexportierender Länder. Denn Saudi-Arabien ist mit Abstand der weltweit grösste Ölproduzent. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass das Land mit den zweitgrössten Ölreserven der Irak ist. Seit dem Golfkrieg von 1991 hat Irak nur einen verschwindenden Teil seiner Produktionskapazität genutzt, aber potenziell ist das Zweistromland eine führende Ölmacht. Marktexperten glauben sogar, dass der Irak unter einer neuen politischen Führung Saudi-Arabien als Opec-Anführer ablösen oder die Opec ganz entmachten könnte.

Im Jahr 2001 produzierte der Irak 2,4 Mio. Fass Rohöl pro Tag - weniger als der Iran, Venezuela und Mexiko und viel weniger als Russland (7,1 Mio. Fass), die USA (7,7 Mio.) und Saudi-Arabien (8,8 Mio. Fass). Aber potenziell ist der Ausstoss Iraks gewaltig, denn die nachgewiesenen Reserven sind mit 113 Mrd. Fass nach Saudi-Arabien die zweitgrössten der Welt. Ein neues Regime in Bagdad könnte also die Abhängigkeit der USA von den Saudis entscheidend verringern. Die USA, die 25 Prozent der weltweiten Ölproduktion konsumieren, sind heute zu über 50 Prozent von Importen abhängig. Gemildert werden könnte diese Abhängigkeit nur, wenn die US-Wirtschaft in eine länger andauernde Depression fallen würde - keine ansprechende Alternative.

«Goldrausch» nach Saddams Sturz?

Irak ist also ein wichtiger Ölproduzent. Aber dies ist nicht der einzige Grund, weshalb eine neue Situation im Irak wirtschaftlich erwünscht wäre. Ein anderer Faktor ist der gewaltige Nachholbedarf, den der Irak in der Infrastruktur hat. Die Bohranlagen des Irak sind veraltet und verrostet. Die seit zwölf Jahren in Kraft stehenden Sanktionen - und vielleicht auch die Luftangriffe in der «no-fly-zone» - haben es dem Irak verunmöglicht, seine Ölanlagen auf dem neusten Stand zu halten. Praktisch die ganze Infrastruktur muss modernisiert werden. Dies bedeutet eine gewaltige Chance für die von Halliburton und Schlumberger angeführte Ölbohrindustrie. «Ein von den USA inspirierter Sturz Saddam Husseins könnte für die amerikanischen Ölgesellschaften einen Goldrausch einläuten», schrieb die «Washington Post» diese Woche in einer Analyse.

Für die Ölgesellschaften muss es rustrierend sein, dass der Irak seit 12 Jahren unter seinem Potenzial geblieben ist, statt die Ölförderung jedes Jahr zu maximieren. Das Sanktionsregime hat sich für die amerikanischen Ölkonzerne als immer offensichtlicheres Ärgernis erwiesen. Stattdessen nützten französische, russische, chinesische und sogar indische und vietnamesische Ölgesellschaften die Chance, das Vakuum zu füllen. Lukoil (Russland), Total Fina Elf (Frankreich), Agip, Repsol und die nationale Ölgesellschaft von China sind nur einige der Konzerne, die laut einer Aufstellung der «Washington Post» für die Ausbeutung neuer Ölfelder im Irak bereits Verträge abgeschlossen haben. Diese «Deals» sind zwar vorläufig in der Schublade, weil die Sanktionen keine Entwicklung neuer Ölvorkommen zulassen, aber die Konkurrenten - namentlich die russischen - stehen in den Startlöchern. Die US-Ölkonzerne hingegen waren bisher völlig ausgeschlossen. Die USA importieren irakisches Öl, aber die US-Ölkonzerne sind aus dem Irak ausgesperrt. Die russische Ölgesellschaft Lukoil dagegen schloss bereits 1997 einen Vertrag von 4 Mrd. Dollar für die Entwicklung des Ölfelds «Qurna» im Südirak ab, und die französische Total Fina Elf hat Rechte für die Ausbeutung des riesigen Ölfelds «Majnoon» an der Grenze zum Iran. Im Fall einer amerikanischen Intervention könnte sich dies alles ändern. Man werde «alle Verträge überprüfen», wenn man an die Macht komme, erklärte der Leiter des «Iraqi National Congress», einer irakischen Oppositionspartei, gegenüber der «Washington Post».












 

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