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Beiträge zur Theorie  










Hans-Jürgen Schönamsgruber

Das revolutionäre Subjekt in den Metropolen

Wenn nach unserer These der Sozialismus nur von den Metropolen ausgehen kann, drängt sich die Frage auf: Wer ist das revolutionäre Subjekt, in welchem Bewußtseinszustand befindet es sich?

Je nach politischer Richtung erhalten wir unterschiedliche Antworten. Diese reichen von der Auffassung, daß das revolutionäre Subjekt eine radikale Elite, die Volksmassen, die Arbeiterklasse, das Proletariat, die Werktätigen, die Arbeiter, die Lohnabhängigen seien, bis zu der Auffassung, daß es gar nicht existiere oder aber nicht revolutionär sei. Für eine klare politische Strategie ist die Klärung dieser Frage aber von grundsätzlicher Bedeutung. Wo liegen nun die Ursachen für die unterschiedlichen Definitionen? Zum einen wurde der von Marx und Engels geprägte Begriff "Proletariat"1 sowohl von Seiten der Bürgerlichen als auch von den verschiedenen linken Denkschulen - zwar aus unterschiedlichen Motiven - in gegenseitiger unbewußter Unterstützung / Übereinstimmung auf die "produktiven", an Maschinen beschäftigten Arbeiter verengt.

- Bei den Bürgerlichen wurde diese Verengung des Begriffes dazu benutzt, um a) zu beweisen, daß dieses "Proletariat" zahlenmäßig immer kleiner werde, was anhand von soziologischen Studien auch nachweisbar ist, weil dies dem Fortschreiten der Arbeitsteilung entspricht; b) daraus zu schließen, daß dieses "Proletariat" heute nicht mehr die Mehrheit in der bürgerlichen Gesellschaft stellt und folglich die Klassentheorie eine Theorie des 19. Jahrhunderts sei und c) damit zu begründen, daß es in der modernen bürgerlichen Gesellschaft keine Klassen, sondern nur noch soziologische Schichten gebe, wobei die Aufgabe der Politik nur noch darin bestehe, die unterschiedlichen Interessen dieser Schichten zu harmonisieren.

- In den realsozialistischen Ländern, in denen statt einer sozialistischen Demokratie eine Partei herrschte, mußte ein Konzept gefunden werden, um ihre Herrschaft zu begründen und zu realisieren. Dies wurde nur durch Ausspielen des einen Teils des Prolertariats gegen den anderen möglich. Deshalb erklärte man, das unterdrückte ausgebeutete Proletariat habe sich aufgehoben und in die herrschende Arbeiterklasse verwandelt. Die Arbeiterklasse2 selbst wurde wiederum auf die in der Produktion arbeitetenden Facharbeiter reduziert. Diese verengte Sichtweise ermöglichte es, von anderen lohnabhängig Beschäftigten (Künstler, Wissenschaftler, Akademiker, Ärzte, Lehrer usw.) die Unterordnung unter die angeblich herrschende Arbeiterklasse zu fordern. Diese Ideologie bildete auch die geistige Grundlage für Arbeiterfetischismus und Intellektuellenfeindlichkeit (Stichwort: proletarischer Ahnenpaß, intellektuelle Überheblichkeit usw.). Auf diese Weise wollte man die Macht mit einer soziologischen Gruppe des Proletariats erhalten, die materiell etwas priviligiert wurde, die aber nicht den politisch bewußtesten Teil der Gesellschaft darstellte.

- In den kapitalistischen Metropolen wurden von den Linken je nach politischer Richtung unterschiedliche, aber in die selbe Richtung tendierende Verengungen des Begriffs vorgenommen.

a) Die "Maoisten" im Westen, die sich vorwiegend aus Studenten rekrutierten, haben unter dem Eindruck der Kulturrevolution in China, wo Mao mit der Parole "Dem Volke dienen" die Intellektuellen (politische Gegner) zur körperlichen Arbeit aufs Land schickte, um ihre revolutionäre Umerziehung angeblich zu befördern, den Schluß gezogen, daß das revolutionäre Subjekt sich vorwiegend dadurch auszeichne, daß es körperliche Arbeit leiste. Nur so ließe sich die damalige studentische Bewunderung für jeden, der einen "Blauen Anton" trug, psychologisch erklären. Somit richtete sich das ganze maoistische Propagandagewitter auf die körperlich arbeitenden Produktionsarbeiter, die sie für das eigentliche revolutionäre Subjekt hielten, was dieses "Subjekt" bis heute relativ unbeeindruckt über sich ergehen ließ.

b) Dieser Tatbestand wiederum ließ die antiautoritären Strömungen annehmen, daß das revolutionäre Subjekt aus einer konsquenten, bewußten Minderheit oder Elite bestehe, die durch revolutionäre Aktionen die unpolitische Masse in den revolutionären Kampf hinein zwingen könnte. Aber auch diese Variante wurde von der breiten Masse der Bevölkerung in den Metropolen nicht angenommen.

c) Die Gruppierungen, die sich mehr oder weniger an den realsozialistischen Ländern orientierten, konnten diese Begriffsverengung ebenfalls nicht überwinden. Die reale Situation der "herrschenden Arbeiterklasse" in der DDR war für das westliche Proletariat ebenfalls kein Anreiz, sich revolutionär zu betätigen, da es die Parteiherrschaft nicht als eine erstrebenswerte Alternative zu seiner eigenen Situation ansah, und in der DDR die Entfaltung des Individuums noch hinter den Möglichkeiten in den kapitalistischen Metropolen zurückblieb.

All diese Definitionen und soziologischen Differenzierungen unterstellen - je nach politischer Richtung -, daß es innerhalb des Proletariats eine besondere Gruppe (Arbeiterklasse, Industriearbeiter, Produktionsarbeiter, Intellektuelle usw.) gäbe, die das eigentliche revolutionäre Subjekt sei. Diese Verengung des Begriffs führte in der Vergangenheit dazu, daß entweder für diese Gruppe ein Führungsanspruch abgeleitet, ihr eine besondere Rolle in der Gesellschaft zugedacht oder die politische Arbeit dogmatisch auf diese Gruppe beschränkt wurde.

Legt man aber die Definition von Marx und Engels zugrunde und wendet sie auf die heutige Situation in den Metropolen an, ergibt sich ein völlig anderes Bild.

Marx und Engels gingen nicht davon aus, daß das Proletariat eine soziologische Gruppe oder ein Stand im alten Sinne wie der Adel ist, dem man durch Geburt angehört, selbst wenn man mittellos ist. Sie sahen das moderne Proletariat als eine Klasse, die sich als historisches Subjekt nach ihrer Stellung zum bürgerlichen Eigentum definiert, wobei philosophisch gesehen sich (nach Marx) hinter den Eigentumsverhältnissen nur die gesellschaftlichen Verhältnisse der Produzenten verbergen.

Legt man diese Definition bei der Betrachtung des heutigen Kapitalismus zugrunde, so wird man feststellen, daß das Proletariat in den Metropolen keine soziologische Gruppe mit gleichen Merkmalen, sondern eine sehr differenzierte Menschenmasse ist, der unterschiedliche Einkommensgruppen angehören, die einen unterschiedlichen Bildungsstand besitzen, die aus einem unterschiedlichen Kulturkreis stammen, aus anderen sozialen Verhältnissen kommen, verschiedenen Geschlechtern angehören und eine sehr differenzierte sexuelle Identität besitzen usw. So vielfältig ihre Herkunft, so vielfältig sind auch ihre Berufe und ihre direkte oder indirekte Subsumierung unter die Kapitalherrschaft. So finden sich im modernen Proletariat lohnabhängige Professoren ebenso wieder wie die ganzen Lohnschreiber der bürgerlichen Presse, Wissenschaftler und Künstler, Angestellte und Arbeiter, Beamte und Staatsbedienstete, Werbeleute und Manager, Ärzte und Juristen usw.

Und so vielfältig ihre Berufe, so komplex sind auch ihre unmittelbaren sozialen Interessen: Eltern mit Kindern werden ein größeres Interesse an Kindergärten haben als Kinderlose, Autobesitzer werden den Öffentlichen Verkehr anders beurteilen als Menschen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, Frauen werden dem Paragraph 218 eine größere Bedeutung beimessen als Männer, Arbeitslose werden andere Forderungen stellen als Menschen mit einer gesicherten beruflichen Existenz, Wohnungsbesitzer werden Mietfragen weniger Aufmerksamkeit schenken als Sozialmieter usw.

Doch bei aller Differenziertheit der unmittelbaren Interessen, sozialen Stellung und persönlichen Ansprüche hat das moderne Proletariat folgendes gemeinsam:

1. Alle Lohnabhängigen müssen entfremdete Arbeit leisten, die ihre Selbstverwirklichung verhindert.
2. Sie sind von der eigentlichen (kreativen) Gestaltung der Gesellschaft ausgeschlossen, da sie nur das Recht besitzen, alle vier Jahre anzukreuzen, an wen sie dies delegieren.
3. Die soziale Unsicherheit alle nur in unterschiedlicher Form trifft. Die einen werden arbeitslos oder finden keinen Kita-Platz, die andern werden Opfer krimmineller Handlungen.
4. Alle arbeiten unter dem direkten oder indirekten Kommando des Kapitals, denn es sind nur Leistungen erwünscht, die die Kapitalakkumulation sowohl materiell als auch ideell befördern.
5. Alle sind auch von den negativen Folgen der absoluten Überproduktion wie Umweltzerstörung, Verkehrsinfarkt und Gesundheitsgefährdung betroffen.

Schlußfolgerungen für die praktische Politik

Das moderne Proletariat stellt heute eine Menschengruppe dar, die nicht nur die überwiegende Mehrheit der Menschheit stellt, sondern auch fast alle intellektuellen, produktiven und kreativen Fähigkeiten besitzt. Obwohl das moderne Proletariat in seiner historischen Entwicklung all diese Fähigkeiten erworben hat, ist es immer noch in einer Situation, in der es seine Potenzen nur durch Subsumierung unter das Kapital "entfalten" kann.

Hier kommen wir zum zweiten Teil der Fragestellung, nämlich der Frage nach unserem Bewußtseinszustand, der uns ein Leben unter der Kapitalherrschaft ertragen bzw. hinnehmen läßt. Wenn die Vorstellung von Marx richtig ist, daß der Mensch, wenn er in einem Zustand lebt, in dem er sich nicht selbst verwirklichen kann, der Illusion über sich und des Zustands bedarf, um ihn ertragen zu können, richtet sich die Frage direkt an uns: Welche Illusionen wir über uns selbst und über den Zustand haben, in dem wir leben?v

Die politischen Illusionen der Vergangenheit - bezüglich des revolutionären Subjekts - bestanden eben darin, daß das Proletariat, das sich ja im Prozeß seiner Befreiung aufheben soll, sich bereits im Prozeß der Aufhebung befindet. Im Realsozialismus wurde die Illusion genährt, daß die Aufhebung des Proletariats die Selbstverwirklichung als Arbeiterklasse sei. Im Westen wird von bürgerlicher Seite die Illusion gepflegt, daß das einzelne Individuum durch seine berufliche Karriere dem Proletariertum entkommen könne, in dem es sich aus dem Arbeitermilieau hocharbeitet. Die verschiedenen linken Gruppen haben sich selbst nicht als Teil dieses Subjektes empfunden, sondern sie haben das Proletariat als Objekt ihrer Politik betrachtet.

Aber die Aufhebung dieser Illusionen bedeutet, daß sich alle Lohnabhängen aller Nationen - egal ob Professor oder Arbeiter, Hand- oder Kopfarbeiter, priviligierter Staatsdiener oder Künstler - als sich selbst entfremdete Wesen (Proletarier) begreifen, die nur als universelle Weltbürger ihre eigentliche menschliche Idendität verwirklichen können. Für Marx war dieses Verständnis des Proletariats nicht nur eine theoretische Einsicht, sondern eine praktische Notwendigkeit. Er scheibt:

"Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als 'weltgeschichtliche' Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz der Individuen, d.h. Existenz der Induviduen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist."3

Als Aufgabe für die sozialistische Bewegung ergibt sich hieraus, daß sie sich nicht allein auf das Fordern von einzelnen, notwendigen sozialen Verbesserungen beschränken kann. Auch darf sie nicht wie die bürgerlichen Parteien die Illusion verbreiten, sie könne - vorausgesetzt sie würde gewählt - diese Forderungen realisieren. Die sozialistische Bewegung muß vielmehr ihre Forderungen als berechtigt propagieren und mit der Einsicht verbinden, daß keine "Partei" diese für sie realisieren wird, sondern, daß sie das selbst tun müssen.

Damit aber der Einzelne das Selbstvertrauen gewinnt, seine Geschicke selbst zu regeln, also von einem Objekt der Politik zu einem politischen Subjekt wird, braucht er die praktische Möglichkeit um sich als solches einzubringen, um sich so zum Weltbürger entwickeln zu können.

Aus diesem Tatbestand ergibt sich für eine sozialistische Partei oder Bewegung, daß sie keine Stellvertreterpolitik betreiben kann, sondern sich zum Ideenlieferanten, Koordinatoren und parlamentarischen Repräsentanten der Selbstorganisation des modernen Proletariats werden muß. Vor diesem Hintergrund sollte auch die Organisationsfrage neu diskutiert werden.



© Hans Jürgen Schönamsgruber, Berlin 1991



Anmerkungen:

1 "Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können." (Anmerkung von Engels zur englischen Ausgabe von 1888.) Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 6, Dietz Verlag Berlin 1958 "Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt." Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 9, Dietz Verlag Berlin 1958
"So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung." ebenda S. 16
"Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch." ebenda S. 16

2 "umfaßt die Arbeiterklasse der sozialistischen Gesellschaft diejenigen Werktätigen, die in der Industrie, im Bauwesen, ... als Arbeiter innerhalb der LPG, in den sonstigen produzierenden Bereichen, in der dienstleistenden Wirtschaft und in anderen Wirtschaftsbereichen materielle Güter oder materielle Dienste hervorbringen bzw. daran unmittelbar arbeitsteilig beteiligt sind... Haupttendenzen des weiteren qualitativen Wachstums der Arbeiterklasse und der Festigung ihrer führenden Rolle sind: die weitere Festigung der Rolle der marxistisch-leninistischen Partei bei der politischen Führung der Gesellschaft; die ständige Erhöhung der politischen, fachlichen und allgemeinen Qualifikation und Bildung, die die Ungelernten weitgehend verschwinden läßt, die Zahl der Angelernten weiter reduziert und die über hohe Allgemeinbildung verfügenden Facharbeiter zur bestimmenden Qualifikationsgruppe der Arbeiterklasse werden läßt;" (Ökonomisches Lexikon, Bd I, S. 122ff. Verlag die Wirtschaft, Berlin 1978)

3 Marx Engels: Die deutsche Ideologie in Ausgewählte Werke Bd. I, S. 227. Dietz Verlag Berlin 1975











 

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