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Beiträge zur Theorie  










Steffen Naumann

Knoten im Kopf

Notizen zur zivilen Gesellschaft (Teil 2)

Vor langer Zeit - also im launischen Mai 97 - habe ich meiner Verwunderung Ausdruck verliehen, daß die allermeisten Mitmenschen, obwohl diese Gesellschaft für sie ungesund, ungerecht und überhaupt ziemlich unbekömm- lich ist, bei genau dieser Gesellschaft mitmachen, und das anscheinend auch noch weitgehend freiwillig. Es muß dafür Gründe geben, und zwar Gründe, die jenseits von Verschwörungstheorien und zynischer Menschenverachtung liegen.

Wie alles anfing

In mainen Mei-Überlegungen (siehe RL 27) habe ich vorgeschlagen, sich in kritisch-marxistischer Anknüpfung an Antonio Gramsci (1891-1937) mit der Funktionsweise der Zivilgesellschaft zu beschäftigen. Diese ist (Theorie- HäsInnen und LUZI-LeserInnen wissen das) jener Teil der Gesellschaft, in dem der sogenannte integrale Staat den ideologischen Konsens der Unterdrückten mit den bürgerlichen Werten organisiert und so die Hegemonie der herrschenden Klasse sichert.

Diese ideologische Vorherrschaft kann, so Gramsci, durch einen klassenkämpferischen Prozeß der Unterdrückten, der die Sphäre der kulturell-politischen Überbauten miteinbezieht, gebrochen werden. Diese Emanzipation des Bewußtseins ist dabei aber notwendig an die Revo- lutionierung der Produktionsverhältnisse gebunden. So knapp, so gut.

Nun haben sich die materiellen Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion und deren ideologische Widerspiegelungen seit Gramscis Zeiten jedoch weiterentwickelt, so daß an seine Arbeiten nicht mehr bruchlos an- geschlossen werden kann.

Das bedeutet: So unverzichtbar es in Zeiten allgemeiner Verbromung ist, den Ansatz einer Analyse der bürgerlichen Hegemonieausübung weiter zu führen, so wichtig ist es auch, die historischen Grenzen Gramscis zu berücksichtigen.

Die wesentliche Grenze liegt darin, daß es sich bei Gramscis Analysegegenstand um eine vorfordistische Etappe des Kapitalismus mit ihren spezifischen Vergesellschaftungs- und Regulationsformen gehandelt hatte, während wir es mit nachfordistischen Verhältnissen zu tun haben, deren krisenhafte Herausbildung noch nicht einmal abgeschlossen ist. Dies hat entscheidende Konsequenzen für die Sozialisierung und die komplexen Bewußt- seinsformen der potentiell revolutionären Subjekte, aber auch für den politisch-ökonomischen Rahmen, in dem diese agieren.

Über das Mitmachen

Wenn wir davon ausgehen, daß die Bevölkerung ungeachtet aller systembedingten inneren und äußeren Blockaden grundsätzlich ihre Geschicke selbstverantwortlich in die Hände nehmen kann, dann heißt das im Umkehrschluß, daß die Unterdrückten am Fortbestand der Unterdrückungsver- hältnisse nicht unbeteiligt sind: Sie machen buchstäblich mit. Trotz dieser prinzipiellen Feststellung dürfen wir aber nicht voreilig zu moralisierenden Schlußfolgerungen kommen. Es muß beispielsweise bedacht werden, daß kapitalistisch vergesellschaftete Menschen die sozialen Verhältnisse, unter denen sie leiden, mehr oder minder unbewußt reproduzieren, weil sie innerhalb des Kapitalismus spontan ein falsches Bewußtsein über ihre gesellschaftliche Position entwickeln. Andererseits würden wir es uns zu einfach machen, sähen wir die Bevölkerung ausschließ- lich als manipuliert an. Schließlich arrangieren sich Menschen nicht selten offensiv mit der Macht, anstatt die objektiv vorhandenen und subjektiv er- kennbaren Möglichkeiten, Herrschaft zu unterlaufen, zu ergreifen. Sie reproduzieren aktiv den gesellschaftlichen Konsens, weil dies in ihrem alltäglichen Leben sinnvoll ist und sich auf der gesellschaftlichen Er- scheinungsebene die Kausalkette von vorgefundenem strukturellen Zwang und individuell-pragmatischem Handeln als 'wahr' erweist.

Wie das Knäuel aus Freiwilligkeit und Zwang auflösen?
Zum Beispiel so: Menschen machen ihre Geschichte prinzipiell selbst. Sie machen diese allerdings nicht aus freien Stücken, sondern müssen sich gezwungenermaßen auf die existierenden gesellschaftlichen Produktionsver- hältnisse beziehen. (Alter Hut, wa?) Diese hängen ihrerseits nicht eben unbedeutend mit dem historisch erreichten Produktivkraftniveau zusammen. Wenn wir uns also mit den gesellschaftlichen Bewußtseinsformen auseinan- dersetzen wollen, dann sollten wir das von der materiellen Basis her aufschlüsseln.

Dabei muß beachtet werden, daß wir uns gegenwärtig in einer krisenhaften Umbruchphase innerhalb des Kapitalismus befinden, gleichzeitig jedoch das Massenbewußtsein noch 'nachhinkend' von der fordistischen Vergesellschaftung geprägt ist. Wir müssen wir uns folglich mit dem historisch entstandenen fordistischen Individuum beschäftigen, um davon ausgehend nachzuvollziehen, wie unsere ZeitgenossInnen die aktuelle Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche verarbeiten. Eine umfangreiche Studie über die historische Individualitätsentwicklung wurde von Günter Jacob (1) vorgelegt. Dieser Ansatz soll im folgenden trotz seiner partiell vorhandenen theoretischen Schwächen (2) mit tätigkeits- psychologischen Überlegungen, die Hartmut Krauss (3) zum Problem der Wechselwirkung von gesellschaftlicher Struktur und individueller Widerspruchsverarbeitung angestellt hat, kombiniert werden.

Der Schein bestimmt das Bewußtsein...

... doch gilt die Scheinrealität in den Köpfen den meisten Menschen in den kapitalistischen Metropolen deshalb als wahr, weil ihr zugrundeliegendes gesellschaftliches Sein verkehrt ist. Auf diese Weise könnte die Studie Jacobs auf einen Nenner gebracht werden. Was aber will ich den geneigten LeserInnen damit sagen?

In Zusammenhang mit unserem Thema hauptsächlich, daß sich die Unterdrückten nicht zuletzt deshalb in die gesellschaftlichen Verhältnisse einfügen, weil sich die Welt für sie infolge der zentralen Mechanismen der kapitalisti- schen Produktionsweise systematisch so darstellt, daß Subjekt und Objekt - also handelndes Individuum und durch dessen Aktivität hervorgebrachter Gegenstand - als vertauscht erscheinen (4).

Das ist abstrakt, wird aber anhand folgender Beispiele hoffentlich verständlicher.

So ist für die sinnliche Erfahrung schon die kapitalistische Ausbeutung innerhalb der Produktion (ich produziere in zwei Stunden den Gegenwert meines Arbeitslohns, darf dann aber nicht nach Hause, sondern muß noch gut sechs Stunden weiter ackern) nicht mehr erkennbar, weil ja scheinbar die gesamte Arbeitszeit bezahlt wird. Der aus dieser Ausbeutung entspringende Profit wird dann (meist) innerhalb des Marktgeschehens realisiert, so daß die Quelle des Reichtums, nämlich die Arbeit, weiter verschleiert wird und der Profit dem Handelsgeschick des Kapitals zu entspringen scheint. Es kommt aber noch toller: Investiert das Kapital den erzielten Profit zurück in den Produktionsprozeß, so daß die Produktivität der Arbeit steigt, dann ist diese Entwicklung nicht Resultat geleisteter Arbeit, sondern scheinbar wiederum ein Ausfluß des Kapitals. Wird hingegen der Profit nicht zurück investiert, sondern in die Spekulation gepumpt, so steckt hinter den Zinsen, die das spekulierende Kapital einstreicht, lediglich verpfändeter künftiger Profit. Auf der Erscheinungsebene jedoch wird aus Geld mehr Geld, es wächst offenbar aus sich selbst heraus.

Wir sehen daran, daß für den kapitalistisch ausgebeuteten Menschen der gesellschaftliche Zusammenhang nicht unmittelbar erkennbar ist. Ihr/ihm erscheint die Welt nicht als gemeinsam hervorgebracht und historisch verän- derbar, sondern als fremde, verdinglichte Macht, sprich, als Sachzwang. An dieser Stelle können wir einen weiteren Zweig an den Argumentationsbaum anfügen. Eine grundsätzliche Bewegungsform des Kapitalismus ist die Konkurrenz. Will ein Individuum lohnarbeiten (was heißt 'will' - üblicher- weise muß es), so trifft es auf dem Arbeitsmarkt eine große Menge von KonkurrentInnen an. Es handelt dabei nicht als bewußtes Klassenindividuum, sondern als formal gleichberechtigteR und 'freieR' VerkäuferIn der Ware Ar- beitskraft. Auch hier sieht sich die/der ArbeiterIn nicht gesellschaftlich, sondern in einer isolierten und als bedrohlich empfundenen Konkurrenzsituation, drückt doch das Überangebot an Arbeitskraft zumindest den Lohn, wenn es nicht gar Lebenspläne vermasselt. Der lohnabhängige Mensch sieht sich vereinzelt in den Verwertungsprozeß geworfen, sie/er handelt scheinbar frei und ist doch entfremdeten und unverstandenen Struk- turen und Zwängen ausgeliefert, die sie/er permanent reproduziert. Jacob führt nun aus, daß die vermeintlich goldene Zeit des proletarischen Klassenbewußtseins eher mit der elenden materiellen und geistigen Lebenssituation zusammenhing, in der sich die ArbeiterInnen in der Zeit vor dem Fordismus befunden hatten. Ihr zeitweilig auch politisch zugespitztes Klassenbewußtsein interpretiert er als dasjenige einer Notwehrgemeinschaft, das sich folgerichtig auch aufzulösen begann, als die unmittelbare Not zurückging. Die sich in dieser Phase vollziehende Individualitätsentwicklung der Unterdrückten war nach Ansicht Jacobs wegen des Fetischcharakters der kapitalistischen Welt zwangsläufig darauf ausgerichtet, der 'nicht wirklichen', entfremdeten Produktionssphäre zu entkommen, um in der vermeintlich selbstbestimmten Sphäre der 'Nicht-Ar- beit' und des Konsums aufzugehen.

Hierin lag auch eine der Ursachen der vordergründigen historischen Überlegenheit der Sozialdemokratie gegenüber den KommunistInnen, weil erstere auf die Verbesserung der Situation im Reproduktionsbereich setzten, wo letztere 'radikale Bedürfnisse' innerhalb der Produktion befriedigen wollten.

In diesem Zusammenhang: Es sollte endlich mit dem Mythos aufgeräumt werden, das Proletariat sei als antagonistische Klasse zum Kapital per se revolu- tionär und nur durch Verrat und Manipulation zeitweilig vom rechten Weg seiner Historischen Mission abgekommen. Es waren vielmehr stets nur Teile der ArbeiterInnenbewegung, die mit dem Sturz der alten Welt eine neue auf- bauen wollten, eine andere, vielleicht sogar größere Fraktion strebte hingegen immer nur die Emanzipation in der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft an.

Nicht Dummheit oder moralische Schwäche waren dafür ausschlaggebend, sondern, wie wir gesehen haben, die in der Funktionsweise des Kapitalismus begründete Verschleierung des Wesens der bürgerlichen Gesellschaft. Mit der allmählichen Steigerung des materiellen Lebensniveaus und der Ausdehnung der Nicht-Lohnarbeitszeit im Zuge der Etablierung des Fordismus wuchsen die Möglichkeiten des einzelnen Menschen, reale Individualität zu gewinnen, sei es durch die Chance, differenziertere Hobbies zu pflegen, sei es durch die schöne bunte Welt des Konsums, die ihr/ihm eröffnet wurde. Fatalerweise waren und sind aber die Konsumchancen recht eng an die Potenzen des Geldbeutels gekoppelt. Das Individuum wird deshalb immer wieder auf den Zwang zurückgeworfen, sich verkaufen zu müssen, um über den Besitz von Dingen Befriedigung zu erlangen. Es steht dem Menschen aber nicht nur frei, zu konsumieren oder Konsumverzicht zu üben, sondern sie/er ist auch rein formal keineswegs zur Lohnarbeit gezwungen. Wenn aber alles der freien und freiwilligen Entscheidung des Individuums obliegt, so folgt, daß es sich selbst disziplinieren und die gesellschaftlichen Zwänge in sich hineinnehmen muß, wenn es dem 'unverzichtbaren' (5) Genuß frönen möchte. Leo Kofler schreibt hierzu: "Äußerlich besehen, gerät in der modernen Klas- sengesellschaft der Zwang an den Rand und die Freiheit dominiert. Aber angesichts der gleichzeitigen Tatsache, daß die Individuen auf dem Wege der (sozialpsychologisch beschreibbaren) Verinnerlichung der moralischen Vor- schriften ohnehin 'freiwillig' das tun, was die Herrschenden und die ideologisch fetischisierenden (verdinglichten) Strategien des sich über die Köpfe der Individuen hinweg durchsetzenden Prozesses ihnen abverlangen, bleibt die Unterdrückung nicht weniger gesichert. Nicht mehr das Schwert und die Strafe des Mächtigen ahnden [...] die Verstöße gegen die 'gesellschaftlichen Normen', sondern Scham-, Schuld- und Gewissensgefühle." (6)

Wir habenmit diesen psychosozialen Zusammenhängen schon ein Zipfelchen der möglichen Antworten auf die Frage erhaschen können, weshalb die Ausgebeuteten nicht dem ganzen Spuk ein Ende bereiten, sondern so eifrig den Konsens mit den Werten der bürgerlichen Gesellschaft erneuern. Bevor wir jedoch die Figur des fordistischen Individuums stehen lassen, erteilen wir noch einmal dem Genossen Jacob das Wort: "Es wird zwar ein Individuum entwickelt, sogar ein reicheres als je zuvor, aber es wird nicht als gesellschaftliches Individuum entwickelt. Dieses Individuum ist daher reicher und zugleich bornierter als jedes andere. Weil seine Schöpfung mit einer sich stets erweiternden Verkehrung von Subjekt und Objekt einhergeht - als Subjekt der Geschichte erscheinen das die Produktion revolutionierende Kapital und der alles lenkende Staat - ist es irritierend, gesellschaftlich unwissend, ideologisch, voller Tugenden, pflegt alle möglichen Weltbilder und Geschichtsbilder, moralisiert gegen sich und andere, sucht und findet überall einen 'Sinn', interpretiert seine sich mehr oder weniger lohnende Praxis der freiwilligen Selbstkontrolle als Charakter und hält sich selbst bei alledem für furchtbar individuell." (7)

Arbeit, Kommunikation, Sinn

Leider geht Jacob irgendwann seiner profunden Kenntnis modisch-(post- )moderner Gesellschaftstheorien selbst auf den Leim: Nachdem sich sein zeitgenössischer Mensch zunächst nur selbst für 'furchtbar individuell' hält, gelingt es diesem Wesen im Verlauf des Textes offenbar, Jacob doch noch von ihrer/seiner frei schwebenden Einzigartigkeit zu überzeugen (8). Tatsächlich kann natürlich von einem Bedeutungsrückgang der (Klassen- )Vergesellschaftung für die Individualitätsentwicklung keine Rede sein. Wichtig für das Verständnis dieser Entwicklung ist es vielmehr, die Ände- rung der Vergesellschaftungsbedingungen zu analysieren.

Hier ist die Arbeit von Krauss fruchtbar, der sich dabei unter anderem auf Ansätze der 'Kulturhistorischen Schule' (Wygotski, Leontjew u.a.) und der 'Kritischen Psychologie' (Holzkamp, Osterkamp u.a) gestützt hat. Krauss beschreibt, daß der Mensch als Mangelwesen in seiner historischen Entwicklung darauf angewiesen war, eine komplexe psychische Aktivität zu entwickeln, die es ihm ermöglichte, sowohl in praktischer Wechselwirkung mit Umweltbedingungen, aber auch gerade in deren geistiger Vorwegnahme das Überleben zu sichern. Diese menschliche Überlebenstätigkeit war jedoch stets eine gemeinsame; nur in kooperativ-kommunikativem Wirken konnte der Lebensprozeß gesichert werden. Damit verbunden war die gemeinsame psychische Verarbeitung der gewonnenen Erfahrungen, so daß besonders aufgrund des Symbolcharakters von Sprache die Entstehung von Kultur ermöglicht wurde.

Dieser Schritt ist in Zusammenhang mit den uns interessierenden Fragen wichtig, bildet sich doch im Rahmen der jeweiligen Kulturentwicklung ein sprachlich vermitteltes System von Bedeutungen heraus, in dem die komplexen Lebensbedingungen der Gesellschaft reflektiert sind. Die individuelle Aneignung (und - aufgepaßt! - hier sind wir schon fast in der Gegenwart angekommen) dieses gesellschaftlich vorgegebenen Bedeutungssystems ist ihrerseits unverzichtbar, damit das Individuum im Rahmen der Gesellschaft existieren kann.

Kompliziert wird dieses Modell dadurch, daß die menschlichen Gesellschaften im Laufe ihrer historischen Entwicklung zu Klassengesellschaften geworden sind. Das hat zur Folge, daß die gesellschaftlichen Bedeutungssysteme (mensch könnte ab hier auch von 'herrschenden Ideologien' sprechen) zwar den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß zum Inhalt haben, die konkrete Ausformung der Ideologien aber vom spezifischen Interesse der jeweilig herrschenden Klasse dominiert ist. Es kommt somit zwangsläufig zu Widersprüchen, wenn sich ein Individuum den gesellschaftlich vorgegebenen Wertekanon aneignet und anschließend in einen subjektiv 'vernünftigen' Sinn transformieren will, weil äußerer Zwang und individuelle Lebensrealität nicht deckungsgleich sind.

Krauss spricht hier von einem antagonistischen Entwicklungswiderspruch, der in der Einbindung in Herrschaftsverhältnisse begründet liegt und dazu führt, daß das Individuum ihr/sein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung - konkreter diejenigen nach (I) geistiger und praktischer Aneignung der Welt, (II) Kontrolle über die Lebensbedingungen sowie (III) Information - nicht befriedigen kann. Das Individuum will jedoch, so Krauss, diesen Widerspruch aufheben, wobei es dazu über einen relativ breiten Möglichkeitsraum verfügt.

Dabei können zwei Hauptkategorien unterschieden werden. Es existieren immer progressive Möglichkeiten der gesellschaftlichen Widerspruchsverarbeitung. Diese sind dadurch geprägt, daß sich das suchende Individuum mit seinesgleichen zusammenschließt, um dann die materiellen Bedingungen, die dem Ensemble der gesellschaftlichen Bedeutungen zugrundeliegen, in ihrem/seinem Sinne zu verändern.

Daneben gibt es allerdings auch eine Vielfalt stagnativ-regressiver Handlungsoptionen. Hier duckt sich das Individuum vor den gegebenen Machtverhältnissen; es sucht sich einen herrschaftskompatiblen Sinn, der das subjektive Widerspruchsempfinden dämpft.

Für die permanente und massenhafte Selbsteinbindung der Unterdrückten sieht Krauss drei Voraussetzungen. Er nennt die kindliche Sozialisierung, die den heranwachsenden Menschen frühzeitig in die Herrschaftsverhältnisse zwängt und als 'soziale Vererbung unbewußter Unterdrückungsanpassung' wirkt. Kofler zitierend bemerkt hierzu Werner Seppmann: "Durch Jahrtausende die Geschichte der Klassengesellschaft begleitend, wird ... [es] (das repressive Menschenbild, St.N.) immer stärker zur ideologischen 'Gewohnheit' und dringt immer tiefer in den subjektiven Erlebnis- und Gefühlsbereich, um schließlich archaische Bedeutung zu erlangen." und fährt fort "Dieser Bewußtseinsmodus 'fundiert' die [...] Unterdrückungserfahrung vieler Generationen und repräsentiert eine der Wurzeln des resignativen Gegenwartsbewußtseins." (9)

Als zweiten Punkt - hier geht Krauss mit Jacob konform - führt er an, daß schon die individuelle Reproduktion des Menschen erfordert, daß sie/er sich materiell und psychologisch bis zu einem bestimmten Grad in die gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen einfügt. Zentral für die funktionierende Reproduktion des gesellschaftlichen Konsenses ist außerdem, daß die bürgerliche Ideologie ihre Hegemoniefähigkeit aus ihrer immensen Vielgestalt als "Lerninhalt, Rechtsnorm, warenästhetisches 'Zeichen', 'Nachricht', 'Kommentar', Zeitungsartikel, politische Rede, Theaterstück, Fernsehspiel, Sportübertragung etc. mitsamt den darin enthaltenen 'impliziten Moralen' (verborgene Anordnung von Lebensregeln/Handlungsaufforderungen/Denknormen/Wertungen etc.)" (10) bezieht. Krauss kommt zu dem Schluß, daß die Allgegenwart und Scheinplausibilität der bürgerlichen Ideologie dafür sorgt, daß das Individuum im Bestreben, die Lücke zwischen gesellschaftlicher Bedeutung und persönlichem Sinn zu schließen, Bedeutungssysteme übernimmt, die die Wirklichkeit falsch abbilden. Als Beispiele solcher Ideologien sollen hier die verschiedenen Spielarten der Esoterik oder der sich ausbreitende Rassismus genügen. Die beschriebene Sinnkrise wird so indessen nicht wirklich gelöst, sondern nur für den Moment erträglich gemacht. Das Individuum versucht, seine psychische Stabilität auf der Rückzugslinie der Selbstunterwerfung wieder zu erlangen. Die Realität der Verhältnisse muß jedoch selbst bei kunstvollster Verdrängung oder Uminterpretation dem Individuum wieder zu Bewußtsein kommen, und sei es auch nur verzerrter und unbegriffener Form; Agressivität nach innen oder außen ist die Konsequenz. Ob es neben der Alternative 'isolierteR PsychopathIn' oder 'volksgemeinschaftlich totschlagender Mob' noch etwas Drittes geben kann, soll Gegenstand des letzten Abschnitts sein.

Den gesunden Menschenverstand abschaffen!

Besser kann ein linkes Programm nicht auf den Punkt gebracht werden. Wenn es den Last Exit gibt, dann dürfte er im 'Kampf gegen den Sachzwang' zu finden sein. Wir haben gesehen, daß diese Sachzwänge nicht wirklich existieren, sondern nur das Produkt einer mystifizierten Anschauung der Realität sich, die sich ihrerseits aus dem verkehrten, weil entfremdeten materiellen Sein in der kapitalistischen Klassengesellschaft ergibt. Dabei sollte sich allerdings niemand dem Irrglauben hingeben, es genüge, das Wissen um die gesellschaftlichen Zusammenhänge 'den Massen' in einer Schulungskampagne beizubringen.

Eine Renaissance der Aneignung von kritischem Wissen ist sicher eine Voraussetzung, um den gesellschaftlichen Rollback wenigstens stoppen zu können. Zentral - und viel schwieriger - wird es indessen sein, den Prozeß einer fortschrittlichen Änderung des Alltagsverstands der Bevölkerung anzuregen, zu begleiten und voranzutreiben. Das Hauptproblem liegt vor allem darin, daß die krude Mischung von Ideologiefragmenten, die dem All- tagsverstand zugrunde liegt, ja nicht durch passives Nachdenken über die Welt entsteht und veränderbar ist, sondern im Gegenteil durch die alltägliche Lebenspraxis der Individuen bestätigt und reproduziert wird. Wir können uns die Schwierigkeit, von links in die Verschränkung von systemkonformer Ideologie und Praxis einzugreifen, am Beispiel der kapitalistischen Leistungsideologie veranschaulichen. Im Rahmen der allgegenwärtigen Konkurrenz ist es für das Individuum 'sinnvoll', zu glauben und vor allem danach zu handeln, 'daß jeder seines Glückes Schmied' sei und daß sich 'Leistung wieder lohnen' müsse (11). Die Folge eines derart 'wahren', aber auf der gesellschaftlichen Erscheinungsebene verharrenden Denkens und Handelns ist jedoch eine allgemeine Entsolidarisierung, und Rassismus bzw. Wohlstandschauvinismus wird in diesem Denken anscheinend legitim.

Die Kehrseite der aggressiv Leistungsfähigen sind die gesellschaftlichen Loser, die sich vor Scham wegen ihres individuellen Versagens nicht mehr aus dem Haus trauen.

Mit anderen Worten: Durch ihr Mit-Tun zerstören die Unterdrückten die subjektiven Möglichkeiten der Gegenwehr.

Wir sehen, es ist im Wortsinne notwendig, die ideologischen Verschleierungen der Welt zu zerreißen, und doch bleibt die Frage stehen, mit welcher Praxis den entsprechenden Mechanismen Paroli geboten werden kann.

Hartmut Krauss weist darauf hin, daß sich das Individuum nicht 'frei auf dem Meinungsmarkt abwägend' für die Übernahme des einen oder des anderen Bedeutungssystems entscheidet. Diese Übernahme ist vielmehr im Rahmen der Konkurrenz antagonistischer Bedeutungssysteme massiv durch die interessengeleitete und massenmedial strukturierte 'Öffentliche Meinung' (12) beeinflußt. Er kommt zu dem Schluß, daß die progressive gedankliche und praktische Verarbeitung von Widersprüchen auch davon abhängt, ob für das suchende Individuum praktikable Bedeutungsmuster und Handlungsalternativen überhaupt zur Verfügung stehen. Wesentlich sei hierbei, daß sich im Prozeß der kollektiven Widerstandspraxis ein neues, fortschrittliches Bedeutungsensemble herausbilden kann, das wandel- und vermittelbare 'revolutionäre Sozialerbe' (Hübsch, nich?). Dieses könne den Unterdrückten als Kompaß zu ihrer Hegemoniefähigkeit dienen.

Klar sollte nach diesen Ausführungen aber auch sein: Wenn es uns darum geht, den unterdrückten Menschen wieder in das Zentrum als bewußt Geschichte machendes Subjekt zu stellen, dann wird dies nicht mit Hilfe hierarchisch-autoritärer Parteistrukturen gelingen (13). Wir wollen hier - und damit komme ich schon zum Schluß - aber nicht in unangemessen Optimismus machen. Der in begrifflicher Hilfslosigkeit so genannte 'Postfordismus' ist immerhin durch einen alle gesellschaftlichen Bereiche umfassenden Generalangriff des Kapitals gegen die LohnarbeiterInnen geprägt. Die explodierende Massenarbeitslosigkeit ist in diesem Zusammenhang keine schicksalhafte Naturkatastrophe, sondern konkretes Ziel der Kapitaloffensive, treibt sie die fordistisch vergesellschafteten Individuen doch in eine genauso irrsinnige wie mysti- fizierte Konkurrenzhetze hinein, in der es - das Kapital nämlich - anscheinend keine Gegenwehr mehr zu fürchten hat.

Wir sollten uns deshalb schleunigst darum bemühen, die Kritik des Alltagsverstandes theoretisch-propagandistisch auf den Begriff zu bringen und zugleich eine subversive und für viele Menschen ankopplungsfähige Ge- genpraxis zu entwickeln. Wir sollten raus aus der kuschligen Szene, bevor (die nächste Krise kommt bestimmt) in Deutschland Menschenjagd wieder Volksbedürfnis wird.



© Steffen Naumann, Berlin 1977



Anmerkungen:

(1) 'Zur Theorie des bürgerlichen Individuums bei Marx'. Meine Rezeption bezieht sich auf die Veröffentlichung in SPEZIAL 88-97 (1993-94).

(2) Eine fundierte Kritik an Jacob hat Robert Schlosser in SPEZIAL geliefert, der unter anderem zu Recht anmerkte, daß Jacob zwar schlüssig die moderne Figur des hedonistisch-konsumistischen Individuums aus der Struktur der kapitalistischen Produktion herleitet, die fortgesetzte Eingebundenheit des individuellen Verhaltens in die Zwänge der Produktionsweise bei seiner weiteren Analyse jedoch vernachlässigt (leider habe ich diese Kritik nur in kopierter Form, so daß ich zur Quelle nur den Jahrgang 1994 nennen kann).

(3) Hartmut Krauss: Das umkämpfte Subjekt. Widerspruchsverarbeitung im 'modernen' Kapitalismus. Herausgegeben von Hanna Behrendt in der Schriftenreihe 'Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft', trafo Verlag, Berlin, 1996.

(4) Der Fetischcharakter der kapitalistischen Gesellschaft, den Marx in seinen spezifischen Formen als Waren-, Geld- und Kapitalfetisch analysiert hat, zeigt sich daran, daß sich für die ProduzentInnen systematisch der ge- sellschaftliche Zusammenhang der Produktion verdunkelt. Dies hat zur Folge, daß die Resultate des produktiven Prozesses ihre Eigenschaften nicht mehr besitzen, weil sie Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse sind, sondern daß die Eigenschaften vielmehr den Dingen selbst anzuhaften scheinen.

(5) Selbstverständlich sind die Bedürfnisse, die mit dem Warenkonsum befriedigt werden sollen, nicht einem abstrakten Wesen des Menschen innewohnend, sondern historisch entstanden und gesellschaftlich-kulturell vermittelt. Vom kompensatorischen und sozialen Charakter des Konsums soll hier gar nicht weiter die Rede sein.

(6) Zitiert nach: Sabine Kebir. Gramsci's Zivilgesellschaft. VSA-Verlag Hamburg, 1991, S. 66.

(7) Zitiert nach: SPEZIAL 91 (1993), S. 38.

(8) Jacob stellt zwar die richtige Frage, ob die analytisch nachweisbare Klassenstruktur der Gesellschaft für das Verhalten des zeitgenössischen Individuums noch relevant sei, verneint diese Frage jedoch im Verlaufe seines Textes. Er lehnt sich vielmehr an das Konzept Pierre Bourdieus an, wonach sich die heutige hierarchische Struktur der Gesellschaft an sogenannten Habitus-Klassen festmacht. Der Habitus als Ausdruck kulturellen Lebensstils sei dabei als sich selbstreproduzierendes und -veränderndes System relativ unabhängig von der Ökonomie. Zugleich ermögliche es der Habitus dem bürgerlichen Individuum, sich entlang der 'feinen Unterschiede' abzugrenzen. Immerhin gehen aber sowohl Bourdieu als auch Jacob nicht soweit, das Hereinbrechen ökonomischer Zwänge in die schöne Welt des Lifestyles auszuschließen.

(9) Zitiert nach: Zur Theorie ideologischer Herrschaftsreproduktion: Leo Kofler. In: Hintergrund II - 96, S. 38.

(10) Hartmut Krauss. A.a.O., S. 123.

(11) Zugespitzte Varianten lauten 'Der Mensch ist des Menschen Wolf' oder, ganz trendy, 'Fürchte Deinen Nächsten wie Dich selbst'.

(12) Hier von 'Massenkommunikation' zu sprechen, ist selbst schon ideologisch, denn zur Kommunikation gehört, daß Sender und Empfänger von Information wechseln und strukturell gleichberechtigt sind.

(13) Es sei an die unsterblichen Worte eines zurecht vergessenen deutschen Gewerkschaftsbürokraten erinnert, der während seiner Rede zum von oben abgewürgten Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet 1905 der empörten Basis entgegendonnerte: "Organisation heißt Unterordnung!"

Kasten: Fordismus (in den Abschnitt 'Über das Mitmachen' einfügen) Die fordistische Etappe des Kapitalismus entwickelte sich nach dem 1. Weltkrieg. Hauptmerkmale waren eine extreme Vertiefung der Arbeitsteilung und eine enorme technologisch-repressive Intensivierung des Arbeitspro- zesses; Sinnbild dessen war die namensprägende Einführung von Fließbändern in den Automobilfabriken von Henry Ford. Mit der steigenden Arbeitsproduktivität wuchs zugleich die Massenproduktion von Konsumgütern. Damit zusammenhängend stieg das Reallohnniveau der ArbeiterInnen, so daß deren Konsum für den Reproduktionsprozeß des Kapitals zunehmend relevant wurde.

Auf der politischen Ebene zeichnete sich der Fordismus dadurch aus, daß der Staat zum Zwecke der Sicherstellung der gesellschaftlichen Reproduktion immer umfassender ökonomisch (Keynesianismus) und sozialpolitisch (bürokratischer 'Wohlfahrtsstaat') intervenieren mußte. Pendant von Staat und Kapital waren bürokratische Massengewerkschaften, denen es zukam, die ArbeiterInnen passiv in den 'sozialstaatlichen Klassenkompromiß' einzubinden.

Das Ende der fordistischen Epoche wurde erreicht, als in den 60er Jahren die Intensität der Klassenkämpfe wieder zunahm und seit den 70er Jahren die fordistische Organisation des Arbeitprozesses keine ausreichenden Pro- duktivitätsfortschritte mehr zuließ. Beide Faktoren legten es den herrschenden Klassen nahe, die Produktionsverhältnisse materiell (Mikroelektronik) und politisch-ideologisch (Neoliberalismus) umzubauen.



(aus: Die Rote Luzi 28, 1997/98)









 

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