Start

Buchveröffentlichungen  









Bruno Mander

Rezension

Jürgen Hinzer/Helmut Schauer/Franz Segbers (Hrsg.): Perspektiven der Linken. Ein kämpferisches Leben im Zeitalter der Extreme.


    Die Schrift birgt Materialien, die für eine Konferenz im November 1999 in Oberreifenberg aus Anlaß des 85. Geburtstags von Jakob Moneta, dem vielfältig verdienten linken Sozialisten und Gewerkschafter, erarbeitet wurden. Ihre Autoren sind teils Marxisten, teils Verfechter der Befreiungstheologie. Segbers, Dozent an der Evangelischen Sozialakademie Friedewald, geht im Vorwort auf das Streben der neoliberalen "Sieger der Geschichte" ein, der Menschheit den angeblich unaufhaltsamen Kapitalismus als Religion zu oktroyieren. Helmut Schauer, einst SDS-Vorsitzender und Sekretär des Kuratoriums "Notstand der Demokratie", heute Gewerkschaftssekretär in der Vorstandsverwaltung der IG Metall, stellt in seinem Referat den nach dem Niedergang des Fordismus erfolgreichen Shareholder-Kapitalismus mit seinen Auswirkungen dar. Vitalität gewinne dieser offenbar durch fortschreitende Entwertung der Lohnarbeit, verbunden mit brutalster Naturausbeutung und einer gigantischen Ausdehnung der Rolle des spekulativen Kapitals gemessen am produktiven. Derzeit werde die neoliberale "Modernisierung" mit Hilfe sozialdemokratisch geführter Regierungen forciert. Der Zerfall linker Politik werde vom Niedergang sozialer Bewegungen begleitet. Die Linke muß sich Schauer zufolge von der Illusion befreien, daß vergangene reformistische Erfolge  gerettet oder Vollbeschäftigung im alten Sinn wiederhergestellt werden kann. Existieren könne sie nur dann, "wenn sie sich als Medium der Selbstaufklärung versteht, als Bildungsprozess und Bildungsorganisation, die darauf abzielt, das Universum der etablierten Begriffswelt aufzubrechen und zu überschreiten." (S. 30)
 
    Der Marburger Politologe Frank Deppe referiert über die Linke in der Geschichte der BRD. Wichtige Entwicklungsetappen waren die Niederlage im Kampf um antifaschistisch-demokratische Neuordnung, Aktionen zur Eindämmung bzw. Überwindung der kapitalistischen Restauration, die Zeit der APO und der sozialliberalen Regierungen, der Siegeszug des Neoliberalismus auf Grund der Beherrschung neuer Produktivkräfte, der Niedergang und Zusammenbruch des "Realsozialismus". Nie zuvor seit den Jahren vor 1914, so Deppe, habe der Kapitalismus seine Gesetzmäßigkeiten so ungeniert entfalten können wie heute. (S. 53) Das stimmt deshalb nicht, weil ihm vor und nach dem ersten Weltkrieg eine starke Arbeiterbewegung gegenüberstand. Die Schilderung der Vorgänge nach 1945 durch den Referenten krankt daran, daß er die indirekten Einwirkungen des Stalinismus im Osten  nicht oder ungenügend berücksichtigt.

    PDS-Europaabgeordneter André Brie erörtert "Möglichkeiten und Inhalte sozialistischer Politik nach dem sozialistischen Scheitern". Er verlangt, was zweifellos korrekt ist, bei der notwendigen Radikalisierung der theoretischen und politischen Kritik am entfesselten Kapitalismus keine "Verklärung des vergangenen Staatssozialismus zuzulassen oder die erforderliche Alternative in irgendeiner Weise in ihm zu sehen". (S. 64) Das von ihm entworfene Bild einer nach 1989/90 erreichten Erneuerung sozialistischen Denkens und der sozialistischen Bewegung in Europa sowie des erfolgreichen Wirkens der PDS ist in dieser Pauschalität geschönt. Vorschläge seiner Partei aufgreifend fordert Brie einen Kampf um Repolitisierung und Demokratisierung der Gesellschaft, Schritte zur Regelung des Weltfinanzmarkts und Besteuerung kurzfristiger Kapitaltransaktionen, zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit und zu einer ernstzunehmenden ökologischen Steuerreform.

    Der französische Hochschullehrer Michael Löwy verweist darauf, daß die Geschichte in der Vergangenheit schon öfter für beendet, der Marxismus für tot erklärt wurden, ohne daß das Gewünschte dann eintrat. Angesichts der gescheiterten sozialdemokratischen wie  stalinistischen "Realpolitik" sollte seiner Meinung nach der revolutionär-utopische Geist des Marxismus zu neuem Leben erweckt werden.

    Jubilar Moneta ist durch ein informatives Gespräch über seine Biographie und einen Beitrag zur Konferenz vertreten. Biographische Meilensteine waren die Jahre in Ostgalizien und Deutschland, die Hinwendung zur sozialistischen Linken, Palästinaemigration und Abkehr vom Zionismus, Gewerkschaftsarbeit an der Seite des IG-Metall-Vorsitzenden Otto Brenner und Journalistentätigkeit. Kurzzeitig war Moneta Sozialreferent an der deutschen Botschaft in Paris. Er unterstützte algerische Freiheitskämpfer. Der Konferenzbeitrag schließt mit dem Appell, den Kampf um die Köpfe jener Menschen zu beginnen, die von der kapitalistischen Wettbewerbsideologie benebelt sind. "Unsere Losung muß sein: 'Die Menschen sind nicht für die Wirtschaft da. Die Wirtschaft ist für die Menschen da.'" (S. 131)

Bruno Mander (Cottbus)

Aus: Hintergrund, Osnabrück, IV-2000, S. 65-66

Jürgen Hinzer/Helmut Schauer/Franz Segbers (Hrsg.): Perspektiven der Linken. Ein kämpferisches Leben im Zeitalter der Extreme. VSA-Verlag, Hamburg 2000. ISBN 3-87975ö770-4, 131 Seiten
bestellen ?








 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2017