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Beiträge zur Politik  









Willi Géttel

Zirkus Krenz im Kreuzbüro

"Hereinspaziert, meine Damen und Herren, hereinspaziert...", glaubte ich zu hören, als ich mich durch dicht gedrängte Reihen zwängte, um einen Stehplatz zu ergattern. Die Werbung war selbstverständlich seriöser als meine Einbildung, aber nachdem ich dem unmißverständlichen Hinweis nachgekommen war und drei Mark Eintritt in die gut plazierte Kasse gespendet hatte, meinte ich mir ein wenig innere Freiheit leisten zu dürfen. Geboten wurde Egon Krenz. In drei Akten und drei verschiedenen Rollen entfaltete er sein Können: als Staatsmann, als Anwalt des Volkes und als Zeuge.

Nun gut, Elefanten, Eisbären und vieles andere fehlten. Auch schien mir die Manege zu knapp bemessen. Aber als es dann losging und seinen Lauf nahm, zeigte sich, daß einer wie er alles andere ersetzen kann.

Die Zeit war schon überschritten, die Stube gerammelt voll. Krenz saß mit eingezogenem Kopf an der Stirnseite und verfolgte mit mißtrauischen Blicken die immer noch wachsende Menschentraube, die ihn an die Wand zu quetschen drohte. Einige auf dem Boden lagernde Personen waren so dicht an seine Füße gerückt, daß sie während seiner Darbietungen an seinen Schnürsenkeln hätten herumspielen können.

Ich betrachtete ihn ein Weilchen. Noch war von seinen Zähnen nichts zu sehen. Sein Gesicht entspannte sich, als der Gastgeber sich anschickte, endlich zu beginnen und damit für ihn die Gefahr gebannt schien, mit der Traube vollen Kontakt aufnehmen zu müssen. Im nächsten Augenblick bleckte er die Zähne und ließ erst einmal das bekannteste seinner Gesichter kurz auf die Menge einwirken.

Bilder triumphaler Posen schossen durch meinen Kopf. Unvergessen die Tage seines Wirkens als Oberhaupt der DDR. Nichts ließ er sich entgehen. Wie er da schritt, die Front der Ehrenkompanie abnahm - als spannte sich immer noch das blaue Tuch der Freien Deutschen Jugend übers ewig junge Herz! Pomp und Prunk verblaßten schnell. Bevor noch das Staatswesen in die Geschichte sank, ereilte ihn der Bannfluch in skurriler Weise. Die Genossen Antistalinisten griffen der Eile wegen noch einmal auf alte Verfahrensweisen zurück, als sie ihm rechtliches Gehör verweigerten und ihn kurzerhand exkommunizierten. Diese eklatante Unechtheit vermochte aber nur einen halbseidenen Bannstrahl hervorzubringen, der niemlas seine Seele traf. Als Kenner byzantinischer Sitten und Gebräuche konnte er nur darüber lachen. Es war soweit, der Blaue Montag begann. Der Gastgeber stellte den Gast vor und ließ sich neben ihm nieder. Drei Runden wurden angekündigt, nach deren Ablauf Fragen gestellte werden konnten. Ein kleiner Streit schob sich aber dazwischen. Während der Gast jede Frage einzeln beantworten wollte, bestand der Gastgeber darauf, sie erst einmal zu sammeln. Der Gast wollte das nicht, fügte sich aber versteinerten Gesichts. Sekundenlang erfüllte Peinlichkeit den Raum. Schon bald aber zeigte sich, wie unnütz das war - Egon Krenz beantwortete souverän überhaupt keine Fragen, ob sie nun einzeln oder gesammelt an ihn herangetragen wurden. Denn was zu fragen war, fragte er sich selbst. Er war nicht gekommen, um zu diskutieren, sondern um sein Comeback in die Politik einzuleiten.

Die Eröffnung war holprig, die Wahl der Anrede geriet zum Problem. Egon wollte zunächst die Versammelten als Genossen anreden, dachte dabei wohl aber an seine Exkommunikation und lauerte auf ein Entgegenkommen aus dem Publikum. Nichts geschah, Schweigen. Nun verfiel er auf "liebe Freunde" - betonteres Schweigen. Dann griff er zu "Kollegen" und prüfte mit verhangenen Augen die Wirkung seines offenkundig zu dürren Angebots. Als unwilliges Geraune aufkam, schloß er ein Auge, bleckte leicht und offerierte "liebe Versammlungsteilnehmer". Ermüdet willigten die lieben Teilnehmer ein. Minuten später erwies sich das auch als unnütz, sollte er doch nach Nehmen der ersten Hürde beliebig verfahren.

Egon Krenz kommt zum Theme, beschreibt den Untergang der DDR. Es hört sich an, als lese er aus einem Buch vor, in dem er die Rolle des Helden einnimmt. Dem selbsternannten Maueröffner Schabowski entwindet er den Ruhm und läßt ihm nur die Entdeckung des Grünen Pfeils als einziges Vermächtnis der DDR. Schabowski ein armer Tropf, der nicht wußte, was er tat und von dem Inhalt der Mitteilung erst erfuhr, als er sie verlas. Krenz richtet noch ein paar Fragen an sich selbst und läßt in den Antworten durchblicken, daß er selber die Mauer geöffnet hat. Ja und geschossen wurde deswegen nicht, weil er, Krenz, eine solche (chinesische) Lösung ablehnte. Das alles ist starker Tobak. Er erzählt, als hätte er Kinder vor sich, die nicht wüßten, daß er diese Befehlsgewalt gar nicht hatte.

Die erste Runde nähert sich ihrem Ende. Krenz hatte angekündigt, etwa zwanzig Minuten sprechen zu wollen, "um möglichst viel Zeit zum Diskutieren zu haben". Tatsächlich sprach er dreimal so lange. Und so sollte es auch in den folgenden Runden bleiben. Diese Rednerschule war mir nicht mehr neu, aber an Krenz ließ sich die Technik der scheinbaren Kürze und realen Überlänge besonders gut studieren. Das geht in etwa so vonstatten, daß beispielsweise sieben Punkte abgehandelt werden, wobei dem vermeintlich letzten Punkt eine letzte Bemerkung folgt, die wiederum in Punkte untergliedert ist und die eine Zwischenbemerkung in sich trägt, die selbstredend auch geglieder ist. Die dann unweigerlich folgende allerletzte Bemerkung faßt das bisher Gesagte zu einem Hauptpunkt zusammen, der seinerseits nun wieder auf weitere hinweist.

Zum Schluß der ersten Runde verlangt er Ehrlichkeit. Und als suche er sie droben im Himmel, legt er den Kopf in den Nacken und starrt versehentlich an die Decke. Den Mund hält er bei dieser Demonstration ehrlichen Suchens züchtig verschlossen, als hielte er es für obszön, in solchen Momenten mit den Zähnen zu locken. Sein Gesicht ist wieder auf Höhe und leuchtet. Er scheint das Richtige gefunden zu haben. "Um ehrlich zu sein", verblüfft er das Auditorium, "ich..., wir... hatten kein Konzept zur Rettung der DDR."

"Was soll man dazu sagen!" höre ich neben mir eine Stimme. Das ist wirklich faustdick, denke ich selber. Damals tat er ja so, als hätte er eins. Anders ließen sich seine grotesken Aktivitäten als Nachfolger Honeckers nicht erklären. Sein Konzept bestand doch offensichtlich darin, mit ausgetauschten Figuren auf alter Linie weiter zu fahren. Das klappte nicht und war auch nicht sonderlich geistreich.

Jetzt sind Fragen erlaubt. Weil Egon bisher nur über seine subjektiven Eindrücke, nicht aber über objektive Ursachen geredet hat, frage ich ihn, wie er die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation der DDR, insbesondere die Vereinigung von Wirtschafts- und Sozialpolitik mit ihren Folgen beurteilt. Andere fragen nach dem Leistungsprinzip, dem Wertgesetz, Demokratie. Alles berechtigte Fragen. Daß Fehler gemacht wurden, ließ er nicht unerwähnt, lieferte bisher jedoch nur nichtssagende Beschreibungen. In dieser Zwischenrunde kommt es aber nicht zu der erhofften Diskussion, sondern nur zum schieren Weiterreden Egons.

Zweite Runde. Er hat eine sprungbereite Haltung eingenommen. Als wolle er blitzartig zu einem Pult gelangen, schnellt er kurz hoch. Doch Enttäuschung malt sich auf sein Gesicht, als ihm die elende Enge der vollgestopften Stube wieder gewahr wird. Sekunden läßt er den Blick schweifen, kneift die Augen zusammen, als hätte er nun in einer ganz anderen Entfernung die lange vermißten "nickenden Köppe" erspäht. Und als sähe er sie tatsächlich - samt pausenlos notierender Hände - , legt sich ein salbungsvoller Ausdruck auf sein Gesicht.

Warum diese Dramatik, diese Gestik, was hat er vor? Er soll doch jetzt nur ein paar Fragen zur ökonomischen Lage der DDR beantworten! Ich bin gespannt und voller Neugier. Im nächsten Augenblick wird deutlich, wie profan sich diese Fragen gegen sein eigentliches Vorhaben ausnehmen. Selbstredend befragt er sich erstmal wieder selbst. Seine Antworten sind zu Anklagen geraten. Krenz klagt an, und zwar unmißverständlich als Anwalt der annektierten und längst geschundenen DDR. Was er sagt ist richtig. Aber er sagt es so, als wäre er der erste, der zu diesen Einsichten gekommen ist und wir die ersten, die es allein aus seinem Munde erfahren.

Seine kräftige Stimme ist schärfer geworden, strebt einem Höhepunkt zu. Doch plötzlich wechselt er das Thema. Aktueller als die letzte Ausgabe des "Neuen Deutschland" waren seine letzten Sätze über das Leiden der ehemaligen DDR ohnehin nicht gewesen. Ob er das gemerkt hat?

Unvermittelt greift er schmetternd zu Dichters Worten: "Die über Nacht sich umgestellt/ und sich zu jedem Staat bekennen/ das sind die Prakti- ker der Welt/ man könnte sie auch Lumpen nennen."

Diesem Auftakt folgt ein Rundumschlag gegen eine Reihe von Schuften und Halunken, deren Namen er nicht nennen möchte, die sich aber in der PDS verborgen halten, wie er durchblicken läßt. Er selbst hat sich nicht über Nacht umgestellt, läßt er wissen. Er sei bereit, für seine Gesinnung in den Knast zu gehen. Mit diesem denkwürdigen Satz über die Unanfechtbarkeit seiner Gesinnung endet zunächst der Heldengesang in eigener Sache. Ihm selber ist das alles nicht peinlich, anderen schon. Aber das merkt er nicht. Es sieht so aus, als wolle er auf etwas Bestimmtes hinaus, was ihm noch wichtiger zu sein scheint als das bisher Dargebotene.

Er senkt seine Stimme, tastet die Stimmung ab. Als er meint,den günstigsten Punkt ihrer Wellenbewegung erfaßt zu haben, spielt er ganz zart auf den Strafprozeß gegen Hans Modrow an, in dem er bekanntlich als Zeuge auftreten muß. Er hat richtig gezielt. Im Publikum regt sich wieder Neugier. Nun kommt die Botschaft des Abends. Mit steil aufgerichtetem Kopf, als wolle er demonstrieren, wie der aufrechte Gang in seiner vollendeten Form auszusehen hat, erklärt er, er lasse sich nicht gegen Modrow ausspielen.

Die Zusage an den teuren Freund und Genossen ist tags darauf im "Neuen Deutschland" zu lesen und damit hinreichend verbreitet. Als ich das höre, denke ich im nächsten Augenblick an Staatsanwalt und Gericht. Was ist von einem Zeugen zu halten, der sich im Vorfeld eines Verfahrens auf raffinierte Weise öffentlich für befangen erklärt? Ich stelle mir vor, was seine Aussage noch wert ist, sollte sie geeignet sein, Modrow zu entlasten. Es ist zunächst nicht davon auszugehen, daß unwahre Aussagen zur Rettung eines früheren Genossen von ihm erwartet werden. Was aber, wenn berechtigterweise einfach nur wahre Angaben von ihm erwartet werden und diese eben gerade deswegen geeignet sind, Modrow zu entlasten? Dies aber ist der Punkt. Jede mögliche Entlastung durch ihn ist damit relativiert. Schlimmer noch: Jeder halbwegs erfahrene Staatsanwalt greift so etwas auf. Kein Gericht kann das übergehen. Von den Medien ganz zu schweigen. Führte er nämlich Tatsachen an, die Modrow entlasten könnten, provoziert er zugleich die Frage, ob er damit sein Versprechen erfüllen wolle, sich nicht gegen ihn ausspielen zu lassen, was auch so auszulegen ist, daß er ihn decken wolle. Egon ist damit als Entlastungszeuge für Modrow wertlos geworden. Und dies alles obendrein vor einer Justiz, die er selber noch vor nicht allzu langer Zeit als "westdeutsche Klassenjustiz" bezeichnet hat. "... ein zuckersüßes Brüderchen...", fällt mir eine Stelle aus Schillers "Räuber" ein.

Nach diesem Stück möchte ich eigentlich gehen, aber Egon ist inzwischen bei Karl Marx angekommen, der bekanntlich die Voraussetzungen nannte, die für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft unabdingbar sind. Er nennt zwar wieder keine Namen, aber jeder weiß, daß er von Keller redet, als er sich über dessen Behauptung lustig macht, in der DDR sei es kaum möglich gewesen, das "Kapital" zu lesen. Er selber jedenfalls könne sich nicht beklagen, er habe es ausgiebig studieren können. Ein Grund, ihn noch einmal anzusprechen.

Und gleich danach darf auch wieder gefragt werden. Ich frage also, ob er, Krenz, meine, die ehemalige DDR könne nach marxistischen Kriterien als sozialistisch bezeichnet werden. Ich möchte dazu noch etwas erklären, doch er fällt mir zornig ins Wort: " Wer solche Fragen stellt...", höre ich noch. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Ich hätte ihn ja nicht gefragt, wenn er nicht selber seine marxistischen Kenntnisse hervorgehoben hätte.

Die letzte Runde hat begonnen. Krenz ist bei Gorbatschow, dem er beste Absichten bei seinen gescheiterten Versuchen bescheinigt. Als er den recht spät entdeckten Freund noch höher feiern will, unterbricht ihn jemand, der sich als Südamerikaner vorstellt. Egon läßt sich auch tatsächlich unterbrechen, lächelt, freut sich, bleckt. Aber nicht lange. Nun unterbricht er den Mann seinerseits und läßt ihn wissen, daß er Fidel sehr gut kenne. Das sagt er so, als wäre klar, daß er einen Kubaner vor sich habe, der sich über seine Bekanntschaft mit "Fidel" freuen müßte.

Der Südamerikaner gibt jedoch zu verstehen, er sei nicht Kubaner, sondern Peruaner. Vor allem aber möchte er wissen, warum Ausländer in der DDR in Ghettos gehalten wurden, er habe das selber erlebt. Krenz, der ihn eben noch Genosse nannte und ihn mit einem strahlenden Gesicht beschenkte, sieht augenblicklich aus wie ein angeschossener Eber.

"Mein lieber Freund", fährt er den Mann aus Peru mit drohend erhobener Stimme an, "wir wollen doch gefälligst bei der Wahrheit bleiben!"

Der Blaue Montag im Kreuzberger Kreuzbüro der PDS-Kreuzberg ist zu Ende. Seit dem Scheitern der DDR sind eine Menge Bücher zu diesem Thema veröffentlicht worden. Zwei, drei Dutzend davon habe ich gelesen. Doch alle zusammen vermochten mir nicht einen Bruchteil jener Erkenntnis zu vermitteln, die ich an diesem Tag gewann.


© Willi Géttel, Berlin 1994








 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017