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Beiträge zur Politik  









Willi Gettél

Der fromme Charme der Kommunistischen Plattform

Salbungsvolle Reden über "Kundschafter des Friedens" und mutigen Widerstand gegen Straßenumbenennungen wechselten mit Brandreden wider die "Siegerjustiz" und schrecklichen Texten zum Spanischen Bürgerkrieg, in denen von "anarchistischen Verschwörern" und "trotzkistischen Banditen" die Rede war. Analytisches war nicht zu hören. Die Bundeskonferenz der Kommunistischen Plattform in der PDS, die am 8. Dezember 1996 in einem Sakralbau der Stalin-Ära in Ostberlin abgehalten wurde, drohte in totaler Öde zu versinken. Am Nachmittag des trüben Wintertages kam jedoch plötzlich Leben in die Bude: Gysi war gekommen. Nach Sekunden der Überraschung erhob sich frenetischer Beifall. Der Mann, der seit Jahren die Plattform malträtiert, hatte dennoch zu ihr gefunden - spontan, aus dem Gefühl heraus, wie die meisten der Anwesenden glaubten.

Natürlich war Gysi nicht zufällig gekommen. Plattformpatriarch Marohn hatte vorher die Tagesordnung bereinigt und zur Eile gedrängt, ohne daß diesmal Anzeichen von Hunger oder Müdigkeit an ihm zu bemerken waren. Kurz vor dem für ihn so wichtigen Bundesparteitag in Schwerin benötigte Gysi die Plattform ausnahmsweise einmal nicht als Prügelknaben für die bürgerliche Presse. Mit demagogischem Judogriff brachte er die harmoniesüchtige Gemeinde schon nach 5 Minuten in seine Gewalt und verwandte die restlichen 40 darauf, ihr die Marschrichtung für den Parteitag einzublasen. So ungeheuerlich das auch war, aber Gysi hatte die Stirn, dem zutraulichen Publikum einzureden, nicht die die Plattform bedrohende Statutenänderung, sondern die soziale Frage stehe erstra ngig auf der Tagesordnung. Die Begeisterung war aber so groß, daß kaum jemand bemerkte, daß es ja Gysi selber war, der die Statutenfrage mit aller Gewalt vorangetrieben hatte. Wenn es jemals noch eines schlagenden Beweises dafür bedurft hätte, daß die von der Plattform immer wieder beschworene "Einheit und Geschlossenheit der Partei" nur um den Preis völliger Verblödung zu haben ist, so wurde er an diesem Tag geliefert. Die von übertriebenen Mythen umwobene KPF lag da wie eine nackte Leiche - alles war zu sehen.

Wie die PDS das Zerfallsprodukt der SED, so ist die KPF nur ihr integraler Bestandteil. Sie ist nicht die linke Opposition in der PDS, wie vor allem manche Westlinke glauben, sondern nur Ausdruck einer Widersprüchlichkeit, in der sich die PDS von Anfang an befindet.

Der neoreformistische Flügel um Brie und Gysi hat es nicht mit einer revolutionären Gruppierung im marxistischen Sinne zu tun, sondern mit einer aus SED-Zeiten erhalten gebliebenen Grundströmung, die lediglich von der KPF gepflegt und verwaltet wird. Das Bizarre an dieser Situation ist, daß ein großer Teil der PDS von dieser Grundströmung (Grundstimmung) getragen ist und die KPF als ihr organisatorischer Ausdruck zu einem wesentlichen Teil mit dazu beiträgt, die Partei zusammen zu halten und zu disziplinieren. Ohne diese Grundlage in Gestalt einer kritiklosen Manöveriermasse fehlte Gysi jegliche Basis für seine selbstherrliche Politik.

Gysi und seine Neoreformisten führen seit je her ein Scheingefecht gegen die KPF. Um die Tatsache zu vertuschen, daß eine Staats- und Machtpartei über Nacht weder ihre Ideologie noch ihr Wesen ändert, haben sie der Optik halber die SED nicht nur in PDS um getauft. Um nach außen Taten sehen zu lassen, quälen sie daher die Plattform mit gepolsterten Folterwerkzeugen, während diese übertriebene Schmerzensschreie ausstößt und moralische Empörung verlauten läßt, ohne sich ebenfalls dagegen ernsthaft zu wehren. Beide Flügel entstammen einer stalinistischen Partei und haben nur zusammen eine Chance, politisch zu überleben. So ist die KPF im Grunde nichts anderes als der Flügelstabilisator, der fälschlicherweise für links und revolutionär gehalten wird. Daß sie ab er dafür gehalten wird, ist unerläßlich für die Erfüllung ihrer Funktion. Aus diesem Grund zeigt sie ein angeblich kommunistisches Gebaren, das sich bei näherem Betrachten allerdings eher als groteskes Treiben erweist.

Bisher haben beide Flügel in wesentlichen theoretischen Fragen keine unterschiedlichen Positionen entwickelt. Sie sind sich darin einig, daß die DDR sozialistische Systemqualität hatte. Unterschiedlich ist jeweils nur die moralische Bewertung. Um "im Westen anzukommen", fällt die moralische Bewertung des angeblichen Sozialismus durch die Neoreformisten negativ und andererseits durch die KPF positiv aus, um zu verhindern, daß auf diesem Weg die Basis samt Grundstimmung wegplatzt. Und damit der fragile Mechanismus nicht gestört wird, unterdrücken beide Flügel in seltener Eintracht die Diskussion über theoretische Grundfragen in der Partei. Beide Seiten wissen, daß jede tiefergehende Analyse des Realsozialismus die Gefahr in sich birgt, die PDS auseinander zu sprengen. Weniger dadurch, daß diese Diskussion außerhalb geführt wird, sondern vielmehr, daß sie in die PDS dringt. Denn was außerhalb geschieht, interessiert diesen Harmonieverein nicht. Dafür taugen die alten Feindbilder immer noch. Daß derartige Mechanismen überhaupt wirken, hat allerdings nichts mit Marxismus zu tun, sondern mit dem religiösen Gehalt des Stalinismus. Es ist daher an der Zeit, die Plattform auch unter diesem Aspekt zu betrachten.

Sie kennt sich aus und führt ein aktuelles Verzeichnis über sämtliche Standbilder, Heldengräber, Trauer- und Kultstätten sowie Resten und Spuren ehemals heroischen Wirkens. Wenn die Ziegenhalsfahrer zur Festigung ihres Glaubens nach Ziegenhals pilgern, um dort in einer Wirtshausstube andachtsvoll die heilsbringende Kraft eines Stuhls auf sich einwirken zu lassen, auf dem einstmals Ernst Thälmann gesessen hat, ist die Kommunistische Plattform nicht nur dabei. Sie organisiert und leitet die zahlreichen Pilgerfahrten, stellt Rednerinnen und Redner und kümmert sich nach Kräften um das Seelenheil "ihrer Menschen".

Sie ist auch dabei, wenn es gilt, die Alten, die Schwachen und die Verzagten aufzurichten. Es war zu der Zeit, als sich Gysi des Parteivermögens wegen einer leichten Hungerkur unterzog, als in einem katakombenähnlichen Gelaß des ehemaligen "ND"-Gebäudes am Mehringplatz eine gemeinsame Messe von KPF und DKP stattfand. In urchristlicher Atmosphäre hatte sich der gebrechliche Teil der Auferstehungsbewegung zusammengefunden, um Zuspruch zu empfangen. Parteiveteranen, uralte Generäle und Obristen der ehemaligen NVA warteten geduldig auf Ellen Brombacher. Als sie dann zu ihnen sprach, eilten ihr schon nach kurzer Zeit die Gefühle entgegen. Sie sprach vom verlorenen Paradies, von der Kälte und Bitternis der Gegenwart, der Ungewißheit der Zukunft, von Leid und Kampf und allem, was Herzen bewegt. Auf dem Höhepunkt ihrer Rede hob sie beschwörend die Hände und verdammte die Satansmacht des Antikommunismus. Als dann endlich aus greisen Kehlen das erlösende "Trotz Alledem!" erklang, rannen Tränenflüsse durch die unzähligen Furchen steinalter Gesichter.

An der Stirnseite der geräumigen Höhle saß mit mildtätigem Ausdruck im Gesicht der Plattformpatriarch und zählte mit den Augen seine Schafe.

Als die neuen Herrscher nach alter Sitte die Götzenbilder der Besiegten von den Sockeln stürzten, frevelhafterweise auch das mächtige Lenin-Monument zerstückelten und seine Einzelteile unter märkischem Streusand am Rande Berlins versteckten, waren es Kundschafter der Plattform, die Lenins Haupt mit bloßen Händen freikratzten und so den Stadtoberen das Geheimnis wieder entrissen. Seither zählen auch Fotoaufnahmen von diesem Fund zu den Reliquien, die sie neben vielen anderen erbaulichen Dingen feilhält und somit den Darbenden den Schmerz lindern hilft. Ein wenig erinnert das zwar an Johann Tetzel, doch von Ablaßhandel zum Vorteil eines verschwenderischen Klerus kann nicht die Rede sein. Patriarch und Plattformkardinäle gehen zwar nicht barfuß, Einnahmen je doch werden größtenteils für die Diakonie aufgewandt.

Das Schützen und Bewahren der "heiligen Grundstimmung" schließt die kritische, kontroverse Diskussion als ihr natürliches Gegenteil aus.

Die Parteipolitik der KPF stellt somit ein Konservieren eines ideologischen Zustandes dar, der aus SED-Zeiten stammt und der Gysi und seinen Leuten über das Scheingefecht hinaus tatsächlich Schwierigkeiten bereitet. Aus diesem Grunde erweckt die ständig behauptete Erneuerung - als rein verbales Moment - nur den Anschein schnellen Voranschreitens. Die reale Bewegung der PDS hingegen ist träge, schwerfällig, geistig bedeutungslos. Eine diesen Zustand dialektisch aufhebende Kraft ist nicht vorhanden. Die PDS insgesamt hat sich als unfähig erwiesen, eine qualitativ neue Ebene zu erarbeiten. Hoffnungen, sie finde zu einem marxistischen Ansatz, blieben unerfüllt. Sowohl die Neoreformisten als auch die Plattform-Dogmatiker verabreichen ihrer Gefolgschaft entweder mit Sprüchen aufgewärmte Plagiate oder Oblaten und Weihrauch.

Neben Mahron und seinem Kardinalskollegium sind es zwei Frauen, die das Bild der Plattform prägen: Sahrah Wagenknecht und Ellen Brombacher. Beide treten ständig mit Reden, Büchern und Artikeln an die Öffentlichkeit. Beide verkünden die unverrückbaren Glaubensartikel der Kommunistischen Plattform. Während S. Wagenknecht als heilige Johanna von der Plattform in den Farben der Unschuld die verheißende Botschaft voranträgt, schwingt Ellen Brombacher das rächende Schwert. Was dem weißblusigen Engel an Offenbar ungen entfährt, erlangt unmittelbare Gültigkeit, spricht aus ihm zugleich auch immer der Ratschluß der Plattformweisen. Dem Zauber dieser Ikonographie erliegen sogar die bürgerlichen Medien.

So verkündete Sarah Wagenknecht am 7. Oktober 1996 in der Humboldt-Uni wieder einmal, die DDR sei sozialistisch gewesen. Diesmal aber verlieh die symbolische Kraft eines mit DDR-Flagge drapierten Altars ihren Worten heiligen Glanz. Daß dies einer marxistischen Analyse nicht standhält, ficht aber weder sie noch ihre Plattform an. Unberührt von dieser falschen Prämisse spult sie bei jeder Gelegenheit ihren "antiimperialistischen" Standardtext ab, wobei sie streckenweise richtige Zustandsbeschreibungen liefert, tiefergehende Analysen aber eben so sehr wie die gesamte PDS vermissen läßt. Ein wesentlicher Grund dafür mag darin liegen, daß die marxistische Analyse des Kapitalismus zwingend nahelegt, auch den gescheiterten "Realsozialismus" einmal unter dem Aspekt der Marxschen Formationstheorie zu betrachten. So wundersam aber dieser "Sozialismus" durch Stalins "Theorie vom Sozialismus in einem Land" zustande gekommen sein soll, so wundersam erklärt sie sein Verschwinden aus der Geschichte. In ihrem einer Straflektüre gleichkommenden Buch "Antisozialistische Strategien im Zeitalter der Systemauseinandersetzung" präsentiert sie daher dem verblüfften Leser eine Verratstheorie, wie sie abstruser nicht sein kann.

Der Kommunismus dieser Plattform hat neben einer Fülle von Ritualen und Glaubensübungen eine theoretische Hülle, die allerdings nicht auf Marx und Engels, sondern auf den letzten großen Religionsstifter Stalin hinweist. Insofern ist sie auch seiner idealistisch-subjektivistischen Anschauung verhaftet geblieben, die die voluntaristische Festlegung der Analyse der Realität vorzieht. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, auf welchen Kommunismus Ellen Brombacher sich eigentlich bezieht, rennt sie mit dem Eifer eines Savonarola gegen die Höllensaat des Antikommunismus an. Dies insbesondere auch im Hinblick auf ihren denkwürdigen Artikel "Aspekte des modernen Antikommunismus", der vor einiger Zeit in den "Mitteilungen" der KPF abgedruckt war. In diesem Artikel konstruiert sie eine Art Wesensverwandtschaft zwischen allen Spielarten des Antikommunismus, so daß man sich in der bis dahin nicht für möglich gehaltenen Gesellschaft von Hitler und Pinochet wiederfindet, nur weil man beispielsweise der ehemaligen DDR die sozialistische Systemqualität abspricht. Das ist mehr als hausbackene Makarenko-Pädagogik. Das ist eine echte kirchenstrenge Androhung der Hölle für den Fall ketzerischen Abweichens aus dem Arsenal des Parteistalinismus.

Auf Seite 30 der 6. Ausgabe der "Kalaschnikow" 4/96 ist Ellen Brombacher wieder einmal ihrer Leidenschaft erlegen und waltet unter dem Titel "Anti-Kommunismus und Parteienstreit" ihres Amtes. Wie üblich tritt sie in diesem Artikel dem Vorwurf des Stalinismus entgegen und erwidert ihn mit dem Vorwurf des Antikommunismus. Aus diesem Schema kommt sie offensichtlich nicht heraus, weil sie nicht einmal ansatzweise marxistisch zu analysieren versucht. Ebenso wenig stellt sie sich die Frage, woher eigentlich die Massenbasis des Antikommunismus kommt.

So genial schließlich sind die Herrschenden nun auch wieder nicht, als daß sie nicht nur eine derartige Massenstimmung erzeugen, sondern auch über Jahrzehnte aufrecht erhalten können. Diese Massenbasis aber ist durch die Herrschaft des Stalinismus selbst entstanden. Das Tragische daran ist, daß Stalinismus immer noch mit Kommunismus verwechselt wird, so daß statt Antistalinismus ungerechterweise Antikommunismus vorherrscht. Dadurch, daß Brombacher und KPF in dogmatischer Starrheit diese Gleichsetzung wie ein Heiligtum hüten, leisten sie objektiv nur einen unerfreulichen Beitrag zur Aufrechterhaltung dieses Zustandes.

Es ist ein starkes Stück, ein von einer allmächtigen Geheimpolizei getragenes System politischer Unterdrückung sozialistisch zu nennen und somit Sozialismus des Freiheitsgedankens zu berauben. Wer von Antikommunismus redet, sollte dabei nicht vergessen, sein eigenes Verhältnis zu Marxismus und Kommunismus zu klären.


© Willi Gettél, Berlin 1997








 

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