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Beiträge zur Theorie  










Stefan Gandler

Kritische Anmerkungen zu den Begriffen Differenz und Identität

Vorbemerkungen

  • Die folgenden Thesen haben als Kontext die gegenwärtigen Versuche, dem Rassismus und Sexismus und anderen Formen von Unterdrückung von gesellschaftlichen Minderheiten oder Gruppen, die den Status von Minderheiten haben, ohne es zu sein, entgegenzutreten. Keinem gesellschaftlichen Subjekt kann das Recht zur Selbstverteidigung und das Recht, für seine Emanzipation zu kämpfen, abgesprochen werden; aber es ist angebracht, einige kritische Anmerkungen zu der Art und Weise zu machen, wie in diesem Streben nach Emanzipation argumentiert wird. Der Autor, sozial definiert als "Weißer", "Mann", "Europäer" und so weiter, formuliert diese Thesen, nicht um die gesellschaftliche Position, die er möglicherweise aufgrund dieser Attribute haben könnte, zu bestätigen, sondern, um einige Beschränkungen aufzuzeigen, welche die Begriffe Identität und Differenz im Rahmen emanzipatorischer Bestrebungen mit sich bringen können.

  • Vor zweihundert Jahren wurde versucht mit dem Begriff der Gleichheit eben das zu erreichen, was heutzutage mit dem Begriff das Differenz zu wege gebracht werden soll: die Überwindung der Unterdrückung, das Ringen um Emanzipation. Bemerkenswert ist dabei, daß diese Bedeutungsverschiebung jener Begriffe praktisch in keiner der gegenwärtigen Debatten zur Differenz behandelt wird. Was ist der Grund dafür?

  • Es gibt eine Parabel, die von einer alten Gesellschaft erzählt, in der es als Tatsache galt, daß die Welt auf dem Rücken von vier gigantischen Elefanten stünde. Alle Philosophen und Weisen sorgten sich ohne Unterlaß um eine Frage: von welcher Farbe waren die Elefanten? Einige waren überzeugt, daß sie rosafarben und andere, daß sie grau waren, während eine andere philosophische Tendenz verteidigte, daß sie entweder rosa oder bunt waren. Könnte es sein, daß die gegenwärtigen Debatten zu Gleichheit und Differenz diesen elefantischen Diskussionen ähneln?

1. Die Begriffe Differenz und Identität haben den gleichen historischen und logischen Ursprung wie der Begriff der Gleichheit, mit dem sie polemisieren (die Ideen der Aufklärung, die liberale Kultur, die bürgerliche Gesellschaft und die kapitalistischen Produktionsverhältnisse).

Der bürgerliche Individualismus entwickelte sich genau in dem Augenblick, da die realen Unterschiede zwischen Regionen, Kulturen und so weiter aufgrund der überwältigenden Vermassung aller gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer Subjekte verloren gingen.

Die kapitalistische Produktionsweise basiert notwendigerweise auf dem doppelten Spiel von Gleichheit die im Wert oder Tauschwert und dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der Produzenten zum Ausdruck kommt - einerseits, und Differenz die sich im Gebrauchswert und dem privaten Charakter der Produktion und der Produzenten realisiert - andererseits. Das heißt, der Doppelcharakter der Waren und seiner Produzenten ist die Einheit von Gleichheit und Differenz oder, in anderen Worten, die Einheit der Identität und der Nichtidentität, was die Grundlage der gesamten bestehenden gesellschaftlichen Ordnung ist.

2. Die selbsternannten "postmodernen" Positionen, die auf der Differenz und der Identität von jedem Einzelnen im Unterschied zur Identität des Anderen bestehen, sind nichts anders als eine Variante der Unfähigkeit der Moderne, sich selbst zu verstehen, das heißt, den Doppelcharakter ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse als notwendigerweise ebenso gleiche wie ungleiche (differentielle) zu begreifen. Es gibt im allgemeinen zwei Formen dieses Unverständnisses. Einerseits fordert die klassische Position das Recht zur Gleichheit oder Gleichheit vor dem Gesetz ein, aber in dieser Position wird in naiver Weise vergessen, daß die Gleichheit auch eine notwendige Grundlage der gegenwärtigen Ausbeutung und Unterdrückung ist. Andererseits vergessen die "postmodernen" Kritiker der Gleichheit, welche die Differenz feiern, daß diese Differenz auch ein unentbehrlicher Teil des gegenwärtigen repressiven und exploitativen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems ist.

Der interne Widerspruch oder der Doppelcharakter der kapitalistischen Moderne können weder durch das Begraben der Gleichheit noch durch das Verschmähen der Differenz, sondern nur durch die kritische Analyse des dialektischen Verhältnisses, das zwischen ihnen besteht, überwunden werden. Das heißt, die Überwindung der Limitationen der herrschenden Moderne gelingt nicht im angeblichen Auszug aus ihr (begleitet von der ausufernden Benutzung der Vorsilbe "post"), sondern es ist vielmehr von Nöten, innerhalb der existierenden Moderne so tiefgehend wie möglich die falschen Grundlagen der aktuellen kapitalistischen Moderne zu analysieren.

Der Mehrwert kann in den gegenwärtigen ökonomischen Verhältnissen nur auf Grundlage des, gleichzeitig realen wie fiktiven, Äquivalententauschs im Moment des Kaufs/Verkaufs der grundlegenden Ware des Kapitalismus, d.i. die Arbeitskraft, geschaffen werden. Dieser Tausch ist einerseits einer von Äquivalenten in dem Sinne, daß dem Arbeiter - im allgemeinen - der Wert der Ware, die er verkaufen muß, d.i. seine Arbeitskraft, gezahlt wird. Gleichzeitig ist dieser Austausch keiner von Äquivalenten, weil die Arbeitskraft eine Eigenschaft hat, die keine andere Ware, mit der sie getauscht wird, aufweist: die Fähigkeit, Wert zu schaffen.

Das komplizierte Spiel von Gleichheit und Differenz ist auch das Geheimnis der gegenwärtigen internationalen Verhältnisse , insbesondere zwischen den Ländern der sogenannten ersten Welt einerseits und der Länder der sogenannten dritten Welt andererseits. Die Gleichheit, die in internationalen Verträgen wie NAFTA ihren Ort hat, garantiert den freien Fluß von Waren und Werten. Währenddessen garantiert die Differenz, z.B. bezüglich der Ausbildungsniveaus und der technologischen Entwicklung, die sich in den unterschiedlichen Lohnhöhen widerspiegelt, einen Ausbeutungsgrad, der in jedem unterschiedlichen und einzigartigen Fall sein Maximum erreicht und durch keinerlei irgendwie geartete Gleichheit, z.B. im Arbeitsrecht, eingeschränkt wird. Die gesetzliche Unterbindung des Aufbaus von binationalen (oder multinationalen) Gewerkschaften ist das differentiale Gegenstücke zur Gleichheit der Bedingungen für die Investoren der NAFTA-Länder. Nur diese fein entwickelte Kombination von Gleichheit und Differenz verwirklicht den ehernen Traum gewisser sozialer Klassen: maximale Gewinne. Der Begriff der Differenz schreckt sie nicht, sondern gefällt ihnen sogar, so wie ihre bürgerlichen Vorgänger vor zweihundert Jahren auch nicht die Gleichheit fürchteten, sondern für sie als conditio sine qua non der kapitalistischen Produktionsweise kämpften. Es konnte sogar gefragt werden, ob der Begriff der Differenz nicht in einer bestimmten Weise mit dem gegenwärtigen bürgerlichen Zynismus harmoniert, der sich nicht mehr an die historische Versprechung des Glücks für alle erinnern möchte; eine Versprechung, mit der große Bevölkerungsteile für den revolutionär-bürgerlichen Kampf mobilisiert werden konnten. Da diese Versprechungen im kollektiven Gedächtnis vor allem mit dem Begriff der Gleichheit verbunden sind, könnte das Verwerfen dieses Begriffs sowie das Einklagen der Differenz, und sei es mit emanzipatorischen Absichten, aus bürgerlicher Perspektive mit Genugtuung betrachtet werden.

3. Der Begriff der Differenz hat noch einen weiteren Mangel. Im allgemeinen wird davon ausgegangen, daß der Haß auf den Anderen, wie er sich zum Beispiel im Rassismus, im Antisemitismus oder im Sexismus ausdrückt, ein Haß auf das Unbekannte, das Fremde, das nicht Vertraute, das heißt, auf das "Andere" im weitesten Sinne des Wortes sei.

Diese Lesart tappt in die Falle, dem Rassisten, Antisemiten oder Sexisten Glauben zu schenken. Doch die Wörter und andere Äußerungsformen dieser Herkunft sind nicht notwendigerweise zutreffend. Es existiert vielmehr die gebieterische Notwendigkeit einer tiefgehenden Analyse der zentralen Gründe für den Haß auf den sogenannten Anderen.

Wenn ein Rassist sagt, daß diejenigen anderer Hautfarbe faul sind und nicht arbeiten wollen, um zu rechtfertigen, daß jemand anderer Hautfarbe die schmutzige und schwere Arbeit anstelle von ihm erledigt, ist dies dann tatsächlich ein Haß auf das Andere? Wenn ein Antisemit sagt, daß Juden nur an Geld denken, um zu rechtfertigen, daß er mittels der "Arisierung" zu schnellem Reichtum kam, haßt dann er Antisemit tatsächlich das Andere? Wenn ein Sexist sagt, daß Frauen schwach und irrational sind, als Rechtfertigung für die Tatsache, daß eine Frau ihm das ganze Leben organisieren muß, weil er nicht fähig ist, die einfachste alltägliche rationale Organisation in seine Hände zu nehmen, haßt dann der Sexist tatsächlich das Andere?

Unsere These, die wir von Horkheimer und Adorno übernehmen, ist, daß der sogenannte Haß auf das Andere (oder den Anderen / die Andere) eher ein Haß auf das allzu Bekannte in einem selbst ist.(1)

Da es in der gegenwärtigen Gesellschaft praktisch keinen Platz für Selbstkritik oder Selbstfreflexion gibt, wird der Haß, den man auf diejenigen Teile von einem selbst hat, die -zum Beispiel aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Normen - von einem selbst nicht akzeptiert werden, als Haß auf den auserkorenen Anderen, der in der Wirklichkeit der allzu Bekannte ist, projiziert. Was am Anderen gehaßt wird, ist nicht das Unbekannte, sondern vielmehr das allzu Bekannte; das was man, entsprechend der herrschenden Logik, in einem selbst zu hassen hat, wird im Anderen gehaßt.

Ein herausstechendes historisches Beispiel ist die Vernichtung der europäischen Juden, organisiert vom nationalsozialistischen Deutschland. Es gibt wenige Kulturen in Europa, die derartig eng miteinander verbunden und gegenseitig beeinflußt sind, wie die deutsche (im allgemeinen) und die jüdische. Die gesamte deutsche Kultur ist voller Einflüsse der jüdischen Tradition und zudem sprechen oder sprachen die Juden Osteuropas Jiddisch, eine Sprache, die eine ihrer stärksten Wurzeln in der deutschen Sprache hat. Die deutsche Kultur (im allgemeinen) von der jüdischen in Europa zu unterscheiden ist schwierig (dies war so mindestens vor dem Nationalsozialismus, das Nazis tat alles, um das vergessen zu machen.)

Es war nicht der Abstand zwischen den deutschen Juden und den anderen Deutschen oder den Deutschen und den europäischen Juden, der den am perfektesten realisierten Genozid der Geschichte ermöglichte, sondern vielmehr die Nähe zwischen deutscher und jüdischer Kultur. Die Deutschen, die sich für die Norm hielten, haßten nicht die deutschen Juden und die weiteren europäischen Juden, weil sie anders waren, sondern vielmehr, weil sie zu ähnlich waren.

Wegen dieser Nähe waren die Juden diejenige Gruppe, die (allein aufgrund ihrer puren Existenz) am meisten die nationalsozialistische Doktrin der "reinen Rassen" und der angeblichen "unüberwindbaren rassischen Unterschiede" in Frage stellten. Zugleich erleichterte diese Nähe die vorher erwähnte falsche Projektion. Diese sind zwei der Faktoren, die als Erklärungshinweise darauf dienen könnten, warum die europäischen Juden das Hauptziel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik waren.

4. Die Anerkennung des Anderen besteht somit, in letzter Instanz, in der Selbstanerkennung. Das heißt: der Haß auf den Anderen kann nicht durch die Akzeptierung der Differenz des Anderen im Vergleich zu einem selbst verschwinden gemacht werden, sondern dies wird vielmehr durch die Anerkennung der internen Widersprüche, die jeder hat, und somit durch die Überwindung der Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Normen, die uns alle unterdrücken, erreicht.

5. Der Begriff der Identität, der heute in zentraler Art und Weise in Theorien verwendet wird, die bestimmte repressive Züge der gegenwärtigen modernen Gesellschaft (Rassismus, Sexismus ... ) kritisieren, impliziert nicht so sehr die Möglichkeit, die eigenen inneren Differenzen zu retten, sondern vielmehr ein Wiederaufleben der Negation dieser internen Widersprüche. Die Identitäten, wie sie im allgemeinen gedacht und versucht werden zu realisieren, neigen dazu, die internen Widersprüchen, im persönlichen wie im gruppalen auszulöschen. Ein starker Begriff der Identität führt daher nicht zur Anerkennung des Anderen als andere Identität, sondern vielmehr zur Unterdrückung der inneren Widersprüche, und somit zum Wunsch, die eigenen unterdrückten Wünsche auf den äußeren Anderen zu projizieren und damit zum Haß auf den auserkorenen Repräsentanten des internen Anderen, welches durch einen starken Begriff der Identität verboten ist.

Der Mensch ist nur als Toter mit sich selbst identisch. Solange er lebt, bewirken alle seine Erfahrungen, äußeren Einflüsse, Phantasien und Träume, Erfüllungen und Enttäuschungen, selbst der biologische Prozeß des Wachstums der Kinder, der Entwicklung und des Altems, daß er in keinem Moment mit dem vorhergegangenen identisch ist. Aber das Problem liegt noch tiefer, sogar in ein und demselben Moment gibt es unleugbare innere Widersprüche. Jemand kann beispielsweise im allgemeinen heterosexuell orientiert sein und sich plötzlich seiner homosexuelle Wünsche gewahr werden oder umgekehrt. Aber im allgemeinen akzeptiert keine Gruppe ohne weiteres diese Extravaganzen. Auch Minoritäten oder unterdrückte soziale Gruppen, wie Homosexuelle, sind im allgemeinen nicht damit einverstanden, wenn plötzlich einer von ihnen die Definition seiner Gruppenidentität verläßt.

Aber gemeinhin erlaubt nicht einmal einer sich selbst solche Identitätsbrüche. Obgleich alle wissen, daß sie an einem Tag aufwachen können und sich zum Beispiel wünschen, mit einer bestimmten Frau zu schlafen und an einem anderen Tag stehen sie mit ganz anderen Wünschen auf, zum Beispiel mit einem Mann Liebe zu machen, erlaubt sich fast niemand den Luxus, jedem Morgens mit der zuvor mühevoll etablierten Identität zu brechen. Fast jeden Morgen wachen wir als jemand anderes auf, aber nur in sehr wenigen Fällen akzeptieren wir dies im Augenblick des Öffnens unserer Augen.

Das Nichtvorhandensein einer konstanten Identität wird in unserer Gesellschaft als Verrücktheit oder zumindest als Mangel an Kohärenz betrachtet. Dieses entspricht der Logik der sozialen Kontrolle, in der nicht definierbare Haltungen oder Handlungen das am wenigsten Erlaubte sind. Ein Ehepaar kann in den staatlichen Statistiken genauso leicht eingeordnet werden wie ein homosexuelles Paar, aber eine Person, die sich nicht definiert und immer weniger vorhersehbare Dinge macht, ist eine wirkliche Bedrohung für das klinisch-soziologische Auge, das die herrschenden Klassen benötigen, um zu wissen, was die da unten machen.

Aber auch die Gesellschaft selbst verlangt nach Kontrolle der fixen Identitäten. Wenn schon nicht mehr von der Möglichkeit einer freien Gesellschaft geträumt wird, so wird doch Gerechtigkeit zumindest in irgendeiner anderen Weise verlangt. "Niemand soll weniger unterdrückt werden als die Mehrheit", dies ist das neue Motto unserer Gesellschaft, ein Motto, das eines seiner Manifestationen in der Zwangsidentität hat.(2)

6. Die Überwindung des Rassismus, Antisemitismus und Sexismus besteht nicht so sehr in der Anerkennung des (äußeren) Anderen und dem Aufbau einer eigenen Identität, wie uns die sogenannten postmodern Theoretiker glauben machen wollen. Sie bedarf vielmehr einer Analyse des intimen Verhältnisses, das die Begriffe Gleichheit, Differenz und Identität in unserer Gesellschaft haben, und somit einer Analyse der Züge unserer Gesellschaft, die zu einer erhöhten Aggressivität führen, die in letzter Instanz keine Aggressivität gegen den Anderen, sondern vielmehr eine selbstzerstörerische Tendenz ist, welche notwendigerweise mit unserer irrationalen und destruktiven gesellschaftlichen Ordnung einhergeht.

7. Der Verherrlichung der Differenz und Identität, weit entfernt davon, sich jenseits (im "post") der kapitalistischen Moderne zu befinden, macht vielmehr objektiv den Begriffsnebel dichter und verhindert, die internen Widersprüche der gegenwärtigen Gesellschaft zu sehen. Sie recycelt noch einmal die absurde Phantasie, daß die selbstzerstörerische Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft innerhalb deren Schranken aufgehoben werden könnte.

[Die Postmodernen sind für die Moderne, was das Jesuiten für die katholische Kirche waren: sie sind augenscheinlich radikal, aber auf der Ebene des Konzeptuellen und Wesentlich lau. Sie retten das, was zu verschwinden hat, durch ihre pseudo-radikale Kritik, welche die kompromißlose Kritik, die das Fortbestehen der unterdrückerischen Realität in Bedrängnis bringt, unwirksam macht. Dies kann in bestimmten Fällen problemlos einhergehen mit dem subjektiven Willen, die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, was aber nichts an den in letzter Instanz negativen Auswirkungen für die Emanzipation ändert.]

8. Die Debatte, ob die Gleichheit oder die Differenz, die nationale oder "ethnische" oder gar (warum nicht?) die individuelle Identität, das Geheimnis einer weniger abstoßenden Gesellschaft, als diejenige der wir angehören, ist, ist eine scholastische Debatte, weil sie in Wirklichkeit nichts anders ist, als eine Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen begrenzten Perspektiven auf das gleiche Gesamtphänomen, die bürgerliche Gesellschaft, die als notwendige Grundlage hat: Zwangsgleichheit, Zwangsdifferenz und Zwangsidentität.

Das Individuum als einzigartiges, differentes wird historisch ab demjenigen Augenblick überhöht, da die Vermassung der Gesellschaft anfängt, die persönliche Identität wird gerade dann gefeiert, wenn es sie immer weniger gibt. Die Einsamkeit jedes, in Abgrenzung zu den anderen, unterschiedlichen und mit sich selbst identischen Individuums ist die notwendige Grundlage der Massengesellschaft, das heißt, die Zwangsgleichheit basiert auf der Zwangsdifferenz.

Gleichzeitig erregt die sich verbreitende Massengesellschaft den Wunsch und den gesellschaftlichen Zwang, in derartig zentralen Aspekten anders zu werden, wie zum Beispiel die Marke des benutzten Autos, das bevorzugte Fußballteam, das verwendete Parfüm, die Lieblingsfernsehserie oder das gewählte Hobby. Auf internationaler Ebene werden immer mehr die nationalen Unterschiede besungen, während es offenkundig ist, daß diese tatsächlich auf beschleunigte Art und Weise verschwinden. Die Zwangsgleichheit provoziert die Zwangsdifferenz.

9. Die Lösung einer bestimmten Form der Abwesenheit von Freiheit kann nicht eine andere Form der Abwesenheit von Freiheit sein. Die Unterdrückung, die notwendigerweise die Zwangsgleichheit beinhaltet, kann nicht durch die Zwangsdifferenz überwunden werden. Der Mangel an Freiheit, den die erzwungenen nationale Identität beinhaltet, hat sein Gegengift nicht in der erzwungenen "ethnischen" Identität und nicht einmal in der Individualidentität, die, trotz ihrer im Vergleich zu den anderen Identitäten, größeren Nähe zur Emanzipation, in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht ohne ein Element des Zwangs existieren kann.

Aber: in der bürgerlichen Gesellschaft provoziert das Einklagen oder Vorstellen einer Freiheit - selbst der begrenztesten und flüchtigsten notwendigerweise den Verlust einer anderen Freiheit.

10. Die Freiheit wird nicht erreicht, indem man sie aufgibt. Das klingt, als ob es eine Binsenweisheit sei, ist es aber nicht. Freiheit wird nur erreicht, indem ihre heutige prinzipielle Beschränkung überwunden wird, das ist die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft. Gleichheit, Differenz und Identität können sich nur in einer freien Gesellschaft frei entwickeln.

Das Geheimnis der Emanzipation der Indígenas, Frauen, Homosexuellen, Lesben und aller von der Mehrheitsgesellschaft als "Andere" Bezeichneter, ist die Emanzipation der Gesellschaft als solcher. Alles sonst ist nichts andres als der perverse Versuch, eine Unterdrückung mit einer neuen zu überwinden. Davon ist menschliche Geschichte voll, und es hat keinen Sinn, dies noch einmal zu wiederholen.


© Stefan Gandler, 1998


Anmerkungen

1 Siehe: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften, Band 5: >Dialektik der Aufklärung< und Schriften 1940-1950. Hrsg. v. Alfred Schmidt und Gunzelin Schmidt Noerr. Frankfurt am Main, 1987: Fischer, 461 S., insb. das Kapitel: "Elemente des Antisemitismus", S. 197-238, hier: S. 211: "Was als Fremdes abstößt, ist nur allzu vertraut".

(Horkheimer und Adorno beziehen sich hier auf Sigmund Freud, "Das Unheimliche", in: Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Frankfurt am Main, 1968, Band XII, S, 254, 259 u.a.)

2 Siehe zum Problem der Identität auch: Bolívar Echeverría, La identidad evanescente, in: Bolívar Echeverría, Las Ilusiones de la Modemidad, México, D.F. UNAM / EL Equilibrista, 1995, S. 55-74. Echeverría macht in diesem Text, von der Theorie von Wilhelm von Humboldt ausgehend, den Vorschlag, "die Universalität des Menschen auf eine konkrete Weise zu begreifen" (s. 58), womit, in unserer Begrifflichkeit ausgedrückt, die Gleichheit und zugleich die Differenz gerettet werden könnten. (Im Original: "concebir la universalidad de lo humano de manera concreta", S. 58).


Quelle: HINTERGRUND II-98, S.6-13


Der Autor lehrt an der Universidad Autonóma de Querétaro, México. Publikation: Peripherer Marxismus. Kritische Theorie in México. Erschienen im Argument-Verlag, Oktober 1999, Hamburg.
Email: gast@sunserver.uap.mx












 

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