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Beiträge zur Theorie  










Gerd Fittkau

Es gibt keine Versöhnung mit der Natur!

Einige Problemstellungen zur Entwicklung eines historisch-materialistischen Naturbegriffes.

1. Intro

Neuerdings wird der Ökologiediskurs rechts verortet. In der "Jungen Welt" zieht Herr Elsässer über die Anti-Atomkraftbewegung her, Buchveröffentlichungen verweisen teilweise zurecht auf rechte Kategorien und Wurzeln der Öko-Bewegung und tatsächlich tummel n sich in der aktuellen Ökoszene obskure Gruppen wie die "Neu-Heiden" oder "Earths first", grundieren vielfach sich selbst als links verortende "VeganerInnen" ihre Ablehnung der fleischlichen Speisen mit einer seltsamen esoterischen Moral, indem sie die Natur beseelen. Seit nun der BUND seine Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" in die Arena geworfen hat und damit die Bibel für eine grün-rosa-schwarze Koalition der (Mehr-)Wert-Konservativen formuliert hat, ist die Konfusion in der radikalen Linken komplett. Was sind die Fundamente einer möglichen Ideologiekritik? Was bleibt, wenn mensch die soziale Frage und deren Verknüpfung mit der Naturzerstörung angemahnt hat? Wo steht der linke, explizit der marxistische Diskurs über das Naturverhältnis? Er ist nahez u tot und fast gleichbedeutend damit - vergessen.

Als wir in der Ökologischen Linken Berlin anfingen, eine Selbstverständnisdebatte über diesen Bestandteil unseres Namens zu entfachen, wurde klar - auch wir saßen eher aus dem Bauch heraus in dieser Gruppierung. Einen linksdefinierten Ökologiebegriff konn te niemand von uns referieren. Da fiel mal der Begriff "Destruktivkraft", irgendwer konnte sich noch an einen nicht genau zu fixierenden "Entfremdungsbegriff" erinnern. Aber ansonsten: Marx fand die Industrie doch toll, oder? Die völlige Entfaltung der Pr oduktivkräfte war doch zentrales Bestandteil seiner Theorie, hat da der Begriff Ökologie dagegen nicht etwas an Askese erinnerndes?

Vorneweg: Dieser Essay gibt nicht die Meinung der ÖkoLi Berlin oder einer anderen Gruppe wieder, sondern ist Zwischenergebnis meiner eigenen Recherche, die vor einem halben Jahr began, just als wir uns relativ ratlos gegenübersaßen. Meine persönliche Pers pektive ist, wissenschaftlich gesprochen, die des Dekonstruktivismus. Dieser Ansatz versucht geschlossene (philosophisch tradierte) Systeme aufzubrechen, um überzeugende Argumentationen oder Gedanken aus ihnen herauszulösen und im Sinne eines offeneren Sy stems neu zu interpretieren. Manfred Frank versucht das Projekt in seinem Buch "Was ist Neostrukturalismus" so einzugrenzen: "...>déconstruction< meint: Abbau des Mauerwerks, auf dem eine Gedankentradition errichtet ist, bis auf die Fundamente (und eventu ell auch: Abbau der Fundamente selbst), damit auf gleichen oder anderen Fundamenten ein neuer, ein überzeugenderer Gedanke - oder auch: derselbe Gedanke in überzeugenderer Form wieder aufgerichtet werden kann. Diese Absicht ist in dem eingeschobenen »con« indexikalisch zum Ausdruck gebracht, das die déconstruction von der einfachen destruction unterscheidet. Sie erinnern sich, daß Derrida den von ihm neugeprägten Terminus in etwa diesem Sinne erläutert."1 So möchte ich mit diesem Text zum einen fast verschollene Gedanken in Erinnerung rufen, diese auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen und dann zur Diskussion freigeben. Mein Marxstudium ist nicht allumfassend und ich denke, daß doch einige sich sicherer in den blauen Bände bewegen als ich. Dieser Essay spiegelt mein Work in Progress wieder und versteht sich als Anregung und Wiederauffrischung.

Meine momentane Arbeitsthese ist, daß das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt ein dreifach vermitteltes ist:

Es ist vermittelt

1) durch die Arbeit (Produktion),
2) durch einen kulturellen symbolischen Kommunikationsprozeß und
3) vermittelt durch die Konsumtion.

2. Der Naturbegriff bei Marx (und Engels)

Als Einstieg ein erstes Marxzitat aus den Pariser Manuskripten, aus "Nationalökonomie und Philosophie", das als philosophischer Rahmen dienen kann: "... die Natur, abstrakt genommen, für sich, in der Trennung vom Menschen fixiert, ist für den Menschen nichts."2 Marx übernimmt vom Hegelschen Idealismus, daß die Welt eine durchs Subjekt vermittelte ist, anders als der Idealismus grundiert er diese Erke nntnis aber darüber, daß er als "Erzeuger" einer gegenständlichen Welt den gesellschaftlich-historischen Lebensprozeß der Menschen benennt und damit den Hegelschen "Weltgeist" ersetzt. Die geschichtliche Bewegung ist bei ihm eine wechselseitige Bestimmung von Menschen zu Menschen und zur Natur. Zwar umschließt das Weltmaterial Subjekt wie Objekt, wesentlich bleibt aber, daß sich historisch gegenüber der Einheit des Menschen mit der Natur ihre Unversöhntheit, letztlich die Notwendigkeit zur Arbeit, durchsetzt.3

Alfred Schmidt, ein heute kaum noch bekannter Philosoph der Frankfurter Schule, sichtete in seinem 1961 erschienen Werk "Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx" dessen Schriften von der Dissertation bis zu den "Randglossen zu Adolph Wagners Le hrbuch der politischen Ökonomie" von 1879/80. Er stellte die verschiedenen Rezeptionen und Interpretationen von Lenin, über Lukacs bis Bloch dar und destillierte Erweiterungen und bis heute reichende Verkürzungen des Marxschen Werkes heraus. Aus seinem le senswerten Werk entstammen die meisten Hinweise, wo in den blauen Bänden und anderswo Gehaltvolles zum Naturverhältnis zu finden sei.

2.1 Der "Stoffwechsel"

Zentral am Verhältnis Mensch-Mensch-Natur ist für Marx ihr Aufeinandertreffen in der Produktion. Sein dafür verwandter Begriff ist der des Stoffwechsels. Interessant an dieser Begriffswahl ist die Entlehnung aus der Naturwissenschaft, in seiner Zeit, aus der Chemie. Schmidt vermutet, daß Marx den Begriff vom Wortführer der ansonsten von ihm scharf kritisierten naturwissenschaftlichen Materialisten übernommen hat, von Jacob Moleschott. Dieser hat bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts populäre Bücher verfaßt, wie "Physiologie des Stoffwechsels in Pflanzen und Tieren" und "Der Kreislauf des Lebens". Dessen Beschreibung der Kreisläufe der verschiedenen Formen unmittelbarer Natur, ergänzt Marx dialektisch. Bei ihm ist das Stoffwechselverhältnis z wischen Mensch und Natur und zwischen den Menschen bestimmt. Wobei nur der Mensch Wille und Zweck kennt. So gibt es ein Verhältnis im Arbeitsprozeß, "worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontroll iert"4 und Gebrauchswerte erschafft. Wobei Marx klar erkennt, daß "der Mensch in seiner Produktion nur verfahren [kann], wie die Natur selbst, d.h. nur die Formen der Stoffe ändern [kann] ."5 Dieser Produktionsprozeß ist in der bürgerlichen Gesellschaft wiederum umgeben von einem gesellschaftlichen Stoffwechsel, dem Austausch der Waren, "d.h. der Austausch der besonderen Produkte der Privatindividuen, zugleich Erzeugung bestimmter gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse, welche die Individuen in diesem Stoffwechsel eingehen."6

Ersteinmal zurück in die Produktion. Den Stoff, der dem Arbeiter gegenüber steht, nennt Marx u.a. "Laboratorium", "Urinstrument", "Urbedingung der Produktion", "ursprüngliche Proviantkammer" oder "ursprüngliches Arsenal von Arbe itsmitteln" und nichtzuletzt "schlummernde Potenz". Alfred Schmidt faßt den Sinn und Zweck dieser Begriffswahl so zusammen: "Indem die Menschen die im Naturmaterial »schlummernden Potenzen« entbinden, »erlösen« sie es: das tote An-sich in ein lebendiges Für-uns verwandelnd, verlängern sie gleichsam die Reihe der von der Naturgeschichte hervorgebrachten Gegenstände und setzten sie auf einer qualitativ höheren Stufe fort. Durch menschliche Arbeit hindurch treibt die Natur ihren Schöpfungsprozeß weiter."7 und an anderem Ort: "Der Stoffwechsel hat zum Inhalt, daß die Natur humanisiert, die Menschen naturalisiert werden. Seine Form ist jeweils historisch bestimmt. Die Arbeitskraft, jener in menschlichen Organismus umgesetzter Naturstoff, betätigt sich an außer menschlichen Naturstoffen; Natur setzt sich mit Natur um. Wie die Menschen ihre Wesenskräfte den bearbeiteten Naturdingen einverleiben, so gewinnen umgekehrt die Naturdinge als im Laufe der Geschichte immer reicher werdende Gebrauchswerte eine neue gesell schaftliche Qualität."8 Natur und Mensch treten in geschichtliche und individualhistorische Wechselwirkung.

2.2 Die produktive Konsumtion

Die Individualisierung des Menschen bedeutet für Marx die Aneignung von Natur im Arbeitsprozeß auf immer höherem Niveau. Wie sehr Marx gerade in diesem Zusammenhang teilweise klingt wie ein moderner Ökologe, also jemand, der in Arbeits-Stoffwechsel-Kreisl äufen denkt und von deren Notwendigkeit überzeugt ist, hat mich bei der Rezeption positiv beeindruckt: "Die formgebende Tätigkeit verzehrt den Gegenstand und verzehrt sich selbst, aber sie verzehrt nur die gegebne Form des Gegenstands, um ihn in neuer geg enständlicher Form zu setzen, und sie verzehrt sich selbst nur in ihrer subjektiven Form als Tätigkeit."9 Was sich von den in diesem Arbeitsprozeß hergestellten Gebrauchswerten in der Konsumtion nicht bewährt, fällt bei Marx dem "natürlichen Stoffwechsel" 10 anheim. Womit er das Problem doch sehr verkürzte. Aber weiter: Verzehrt die individuelle Konsumtion die Gebrauchswerte als Lebensmittel des lebendigen Individuums, so verzehrt die produktive Konsumtion die Natur als "Lebensmittel der Arbeit, seiner sich betätigender Arbeitskraft"11. Der Naturstoff wie der Arbeiter bleiben nicht der alte. Der Naturstoff wird humanisiert, der Arbeiter naturalisiert. Eine etwas längere relativ unbekannte Textstelle, die und das möchte ich betonen, Marx auch als Psychologe n kennzeichnet, möchte ich präsentieren. Er kritisiert Adolph Wagners "Lehrbuch der politischen Ökonomie": "... bei einem Professoralschulmeister sind die Verhältnisse der Menschen zur Natur von vornherein nicht praktische, also durch die Tat begründete Verhältnisse, sondern theoretische ... (Der) Mensch steht im Verhältnis zu den Dingen der Außenwelt als Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Aber die Menschen beginnen keineswegs damit, >in diesem theoretischen Verhältnis zu Dingen der Außenwelt zu stehen<. Sie fangen an, wie jedes Tier, damit an, zu essen, zu trinken etc., also nicht in einem Verhältnis zu >stehen<, sondern sich aktiv zu verhalten, sich gewisser Dinge der Außenwelt zu bemächtigen durch die Tat, und so ihr Bedürfnis zu befriedigen. (Sie beginnen also mit der Produktion.)Durch die Wiederholung dieses Prozesses prägt sich die Eigenschaft dieser Dinge, ihre >Bedürfnisse zu befriedigen<, ihrem Hirn ein, die Menschen wie Tiere lernen auch >theoretisch< die äußern Dinge, die zur Befriedig ung ihrer Bedürfnisse dienen, vor allen andern unterscheiden. Auf gewissem Grad der Fortentwicklung, nachdem unterdes auch ihre Bedürfnisse und die Tätigkeiten, wodurch sie befriedigt werden, sich vermehrt und weiterentwickelt haben, werden sie auch bei d er ganzen Klasse diese erfahrungsmäßig von der übrigen Außenwelt unterschiednen Dinge sprachlich taufen. Dies tritt notwendig ein, da sie im Produktionsprozeß - i.e. Aneignungsprozeß dieser Dinge - fortdauernd in einem werktätigen Umgang unter sich und mit diesen Dingen stehn und bald auch im Kampf mit andern um diese Dinge zu ringen haben. Aber diese sprachliche Bezeichnung drückt durchaus nur aus als Vorstellung, was wiederholte Bestätigung zur Erfahrung gemacht hat, nämlich daß den in einem gewissen ge sellschaftlichen Zusammenhang bereits lebenden Menschen - dies der Sprache wegen notwendige Voraussetzung - gewisse äußere Dinge zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse dienen."12

Dieses Zitat verweist auf die über die reine Produktion hinausgehenden Sphären d er gesellschaftlichen Kommunikation und der gemeinsamen oder darin historisch eingebundene individuelle Konsumtion. Inwieweit das klassische Basis-Überbau-Modell stimmig ist - wird in diesem Referat keiner genaueren Untersuchung unterzogen.

2.3 Der Wille zur Macht

An die Entfaltung der Produktivkräfte sieht Marx ganz klar die Emanzipation der Menschheit gekoppelt, nichts geringeres als das: "Die Natur wird ... rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf als Macht für sich anerkannt zu we rden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es, als Mittel der Produktion zu unterwerfen."13 Die Naturbeherrschung ist Grundl age der materiellen Versorgung der Bevölkerung. Je mehr es der Menschheit gelingt, der "schlummernden Potenz" ihre stillen Gesetzesmäßigkeiten zu entreißen, umso unabhängiger wird der Mensch von den milden Gaben, die er passiv entgegennahm, als Anhängsel der Welt. Und das ist auch heute kaum von der Hand zu weisen, selbst, wenn man nicht ganz so pathetisch wie Marx die industrielle Organisation der Produktion über den grünen Klee lobt und in ihr die per Werkzeug vermittelte Einheit von Mensch und Natur zu erkennen glaubt.14 Voraussetzungslos ist diese postulierte Einheit auf neuem Niveau aber nicht und so läßt es sich m.E. auch auflösen: Marx geht von der bewußten Produktion aus, zweckgerichtet für die menschliche Bedürfnisbefriedigung. Im Kapitalismus ist aber die Erzeugung von Tauschwert der Zweck der industriellen Produktion, von einem gesellschaftlichen Bedürfnisfindungsprozeß und einem kommunikativen Austausch über die verschiedenen Befindlichkeiten ist keine Rede. Genau diese Diskrepanz beschreibt j a den Zusammenhang für das, was Marx als Entfremdung bezeichnet. So kommt Schmidt zu dem Schluß, daß bei Marx die Aufhebung der Entfremdung im Sozialismus erst möglich ist, als der höchsten Gestalt realer Vermittlung von Mensch und Natur, "wobei deren Geg enständlichkeit nicht einfach verschwindet, sondern das Äußerliche, Anzueignende bleibt, auch wenn es den Menschen adäquat wird."15 2.4 Ein Marxist ist ein Utopist oder Zyniker?

Das was Schmidt "die geheime Naturspekulation bei Marx" nennt, entspricht ungefähr dem Terminus "Naturalisierung des Menschen". Schmidt ist insofern ein klarer Vertreter der Frankfurter Schule, als das er ebenfalls die Drohung der Massenmaschinerie aus de r "Dialektik der Aufklärung" und dem sich selbst widersprechenden Marx im Kapital als wahrscheinlicher verortet - der Mensch wird Anhängsel der entmenschlichten und undurschaubaren Maschinerie. Es verbleibt bei ihm nicht mehr als eine "vage Hoffnung, daß die mit sich versöhnten Menschen im Sinne der Schopenhauerschen Philosophie in höherem Maße als bisher Solidarität zu üben lernen mit der bedrängten Kreatur, faß der Tierschutz in der richtigen Gesellschaft nicht länger als eine Art privater Schrulle gilt ."16

Marx war trotz seines Scharfsinns, ziemlich blauäugig was die Selbstregulationsfähigkeit des Kapitalismus bezüglich seines industriellen Abfalls anging. Als wiederverwertbare Ressource bei Verknappung dieses Stoffes würde die Industrie für einen Krei slauf sorgen, so seine Sicht. Mag sein, daß sie das hier und dort auch leistet, aber solange die imperialistische Karte billiger zu spielen ist, spielt sie lieber Müllentsorgung auf dem Papier und streicht Subventionen ein. Durch die Erschaffung giftiger künstlicher Stoffe für uns und andere Lebensformen, die nicht mal eben durch den "natürlichen Stoffwechsel" renaturalisiert werden können, ist der ökologische Diskurs überhaupt erst so heiß geworden. Dennoch, den Kulturpessimismus eines Adorno teile ich nicht: Wenn er behauptet, es gebe einen direkten Weg von der Steinschleuder zur Atombombe, so ist das eine böse Verkürzung der Produktivkraftgeschichte und steht einer differenzierteren Herrschaftsanal yse im Weg. Macht und Erkenntnis sind nicht synonym zu setzen. Erkenntnis ist wiederum eine "schlummernde Potenz", die über die Verwendung zu Herrschaft oder Emanzipation führt. Machtausübung ist von Ethik nicht zu trennen. Erkenntnisse können auch Anerke nnungsverhältnisse grundieren und eine ethische Debatte einleiten.

2.5 Die Destruktivkräfte

Was Marx zwar durchaus zu sehen vermag, daß das An-sich-sein der Natur sich nicht nur in ein Für-uns zu verwandeln vermag, sondern in ein Gegen-uns, ist nur sehr unzureichend bei ihm ausgearbeitet. Er sieht in der Industrie gar eine Versöhnung mit der Nat ur, da diese die Natur zu unserem Zwecke in Gebrauchswerte zu verwandeln weiß. Ein gern in meiner Organisation verwandtes Zitat aus den Pariser Manuskripten, daß jedoch auf dem bereits gezeigten Hintergrund relativ qualitätslos daherkommt ist nicht geeign et eine konkrete ökologische Utopie zu formulieren. Es beschreibt nur negativ, bei Strafe der eigenen Vernichtung, daß nicht sein kann, was nicht sein darf: "Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß b leiben muß, um nicht zu sterben. Daß das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als daß die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur."17

Marx hat die Maßlosigkeitdes kapitalistischen Wachstums diagnostiziert und aus dieser lassen sich auch vielfach die Zerstörungen des uns umgebenden "Leibes" erklären. Die Gleichgültigkeit des Kapitalismus gegenüber den Lebensbedingungen der Menschen, setzt sich fort in seinem Um gang mit unseren Lebensgrundlagen. Dem "real-existierende Sozialismus" waren die materiellen Lebensbedingungen seiner Bürger vielleicht tatsächlich nicht so egal, dafür aber umso mehr, was mittelfristig aus den Flüssen und Seen, aus den Wäldern wird. Bedü rfnisse, geschweige denn ökologische Vorbehalte, wurden auch im "real-existierenden Sozialismus" nicht verhandelt, da hätten die Herrschenden schon Planungsdemokratie wagen müssen. Auf die Marxsche ökonomistische und utilitaristische Verkürzung sind viele reingefallen: "Das bloße Naturmaterial, soweit keine menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht ist, soweit es daher bloße Materie ist, unabhängig von der menschlichen Arbeit exi stiert, hat keinen Wert, da Wert nur vergegenständlichte Arbeit ist ..."18. Die Naturdefinition wird letztendlich bei Marx der Produktion entnommen. Im "Argument Nr. 93"(1975) versucht ein Ulrich Hampicke die Formel für die kapitalistische Expansion und U mweltzerstörung zu finden und findet am Ende das P = Funktion des Integral t-t* R (t) dt. Trampert/Ebermann finden für die Destruktivkraft Chemische Industrie noch die Formel: 250 Arbeiter erwirtschaften 250 Millionen Profit, 90 Millionen Löhne und verurs achen 20 Milliarden Schaden. Wobei sich die 20 Milliarden Schaden aus einer imaginären Altlastensanierungskostentabelle herleiten. Anders ausgedrückt: Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt läßt sich durch die bloße Vermehrung der Erkenntnisse über Naturgesetze noch nicht als eine Naturstoffverwandlung Für-uns setzen. Trampert/Ebermann führen das in meinen Augen ganz gut vor Augen: "Die Charakterisierung der gegenwärtigen ökologischen Krise als Problem für das Überleben der Menschheit verdeckt keine swegs die Tatsache, daß die kapitalistische Gesellschaftsformation überwunden werden muß." und: "Nur die Befreiung der Arbeit von der Herrschaft des Kapitals ermöglicht - und nicht etwa garantiert - insofern auch die Befreiung der Natur, als sie nur so vo n ihrer gesellschaftlichen Eigenschaft befreit werden kann, bloßes verschwindendes Moment im Verwertungsprozeß des Kapitals zu sein."19 Produktivkraft ist nicht gleich Produktivkraft, diese Einebnung verstellt den Blick. Und wer die Destruktivkraft errech net - hat'nen Schaden. Eine Produktivkraft wird zu einer Destruktivkraft, wenn ein Minus bei der Rechnung herauskommt. Bäh! Ein gesellschaftlicher Verständigungsprozeß muß an die Stelle des kapitalistischen Wildwuchses treten. Die Heiligung jeglicher Prod uktivkraftentfaltung kann angesichts der ökologischen Krise nur noch als historische Dummheit betrachtet werden. Die auch bei Trampert/Ebermann zu findende These, daß wir Abschied zu nehmen haben von vielen netten Konsumgewohnheiten, die uns der Kapitalis mus bietet, ist in meinen Augen ebenfalls nicht als Naturnotwendigkeit zu betrachten, geschweige denn, daß ich ihrer Romantisierung der Arbeit eines Mühlenbauers folgen kann. Eine Forcierung relativ unschädlicher Produktivkräfte zur Versorgung der Weltbev ölkerung, eine Umkehr in der Energieherstellung muß nicht notwendigerweise "Askese" bedeuten oder Mangelsozialismus a la Harich. Dennoch ist eine Kritik der Bedürfnisse angebracht, "[w]enn wir millionenfachen Hungertod und Elend in der Dritten Welt als Er gebnis ökologischer Zerstörung und weltweiter Arbeitsteilung zugunsten der Metropolen unerträglich finden und zur Überwindung beitragen wollen, dann hat auch das den Preis einer zumindest vorübergehenden Veränderung der konsumtiven Verhaltensweisen und Mö glichkeiten hier, z. B. bezogen auf Genußmittel, Fleisch sowie auf billige und scheinbar unbegrenzte Rohstoffe."20 Dennoch muß das Reich der Notwendigkeit, der Arbeit, in konkreten Produktivkraftsteigerungen weiter verringert werden, damit das Reich der Freiheit erblickt werden kann. Dieses marxistische Axiom ist für mich in keiner Weise außer Kraft gesetzt. Aus dem Verbrauch muß Nutzen werden, in diesem Sinne sind einige Ansätze des "sustainable Developement" durchaus richtig. Nur unter kapitalistischen Vorzeichen sehe ich die Alternative "Ökomodernisierungsdiktatur" und/oder "Verelendung". Eine halbherzige Automation oder eine neue Heiligung extensiver Arbeit, - diesmal aber sinnvolle, ey - kann tatsächlich nicht der Weg heraus sein. Dezentralisierung hat so seine Voraussetzungen. Ziel muß die bessere Effizienz, bei besserer Kontrollierbarkeit sein und das sage ich im Namen des Müßiggangs. Arbeit muß auch nicht immer ein Fluch sein, wie Marx bereits in seiner Antwort auf Adam Smith darstellt: "Daß das Individuum >in seinem normalen Zustand von Gesundheit, Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, Gewandtheit< auch das Bedürfnis einer normalen Portion von Arbeit hat, und von Aufhebung der Ruhe, scheint A. Smith ganz fernzuliegen. Allerdings erscheint das Maß der Arbeit selbst äußerlich gegeben, durch den zu erreichenden Zweck und die Hindernisse, die zu seiner Erreichung durch die Arbeit zu überwinden. Daß aber diese Überwindung von Hindernissen an sich Betätigung der Freiheit - und ferner die äußeren Zwecke den Schein bloß äußerer Naturnotwendigkeit abgestreift erhalten und als Zwecke, die das Individuum selbst erst setzt, gesetzt werden - also als Selbstverwirklichung, Vergegenständlichung des Subjekts, daher reale Freiheit, deren Aktion eben die Arbeit, ah nt A. Smith ebensowenig. Allerdings hat er Recht, daß in den historischen Formen der Arbeit als Sklaven, Fronde-. Lohnarbeit die Arbeit stets repulsiv, stets als äußre Zwangsarbeit erscheint und ihr gegenüber die Nichtarbeit als >Freiheit und Glück<"21 Marx glorifiziert die lebendige Arbeit auch gerne als erstes Lebensziel und widerspricht sich selbst, wenn er dieses Glück dem Reich der Freiheit gegenüberstellt. Ein weiteres Mysterium bei Marx.

3. Jenseits der Produktion

Jenseits der Produktion kann nicht bedeuten "Losgelöst von den Produktionsverhältnissen". Die Bedürfnisstruktur und da folge ich Marx, ist in erster Linie eine Spiegelung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse und steht mit dem Arbeitsprozeß in di rekter Wechselbeziehung. Doch: Was ist dem Menschen adäquat? Also Marx meint z. B. die Selbstverwirklichung in der Arbeit, was noch? Was ist jenseits dieser an Homöostatischen Ruhevorstellungen bei Freud erinnernden Sphäre der Ruhe, Teil menschlicher Bedü rfnisse, wie wäre es hiermit: "Der eigentliche Genuß, in einer sauberen Elbe zu baden, statt in Autokolonnen eine andere Erholungsregion suchen zu müssen, eine blumenreiche Wiese, die Artenvielfalt in einem Erholungsraum Wattenmeer oder eine erotisch span nungsreiche Liebesbeziehung, statt des patriarchalisch zwanghaften Austausches sexueller Dienstleistungen, das sind Qualitäten, die man nicht kaufen kann, mit denen kein Geschäft gemacht werden kann, also verkommen sie. Alle qualitativen Bedürfnisse, die nicht quantifizierbar, also nicht mit Geld käuflich sind, werden unterbunden und aus dem gesellschaftlichen Bedürfnissystem verdrängt."22 Zentral an dieser Argumentation und auch Ansatz, der ökonomistischen Verkürzung der menschlichen Umwelterfahrung zu e ntgehen, ist die Kritik der Bedürfnisse und Deutungsmuster. Trampert/Ebermann, von denen dieses Zitat stammt, berufen sich auf Agnes Heller, einer Schülerin Lukásc. Die Bedürfnisse, die sich aus dem Lohnsystem ergeben, können polemisch der Kategor ie "Haben" zugeordnet werden: Die Lohnknechte, also ich nehme an, das sind wir hier fast alle Lesenden, mit wenigen Ausnahmen, ackern eine große Anzahl an Jahren in unterschiedlich intensiv an die Substanz gehenden Arbeitsverhältnissen und die Bedürfnisva rianten sind insofern seltsam normiert, daß wir mit den milden Gaben des Kapitals nur wenig anzufangen wissen: Im Durchschnitt rackern wir zwei Jahrzehnte für einen Mittelklassewagen, für eine geringfügig modernisierte Küchenaustattung, ein Eigenheim und die Möglichkeit, mehrere tausend Kilometer sich vom regionalen Elend entfernen zu dürfen. Häufig reduziert sich das Erleben dieser Eroberungen auf die dem Schlafen verwandte Tätigkeit des Fernsehens, mehr bleibt da oft nicht. Agnes Heller verbessert die M arxsche Trennung in richtige und falsche Bedürfnisse, indem sie von historisch bestimmten Bedürfnisse spricht, aber die Möglichkeit einräumt, von manipulierten Bedürfnisse sprechen zu können. Marx hat als Richtschnur, in der modernen Soziologie/Pädagogik würde man es Leitbild nennen, die Aufhebung der "Entfremdung" so beschrieben: "Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wen n du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein, wenn du Einfluß auf andere Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Mensch en - und zu der Natur - muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung deines wirklichen Individuellen Lebens sein."23

Schöne Worte. Die in der sozialistischen Bewegung verbreiteten Annahmen, daß sich die menschlichen Bedürfnis se über eine Massenproduktion materieller Gebrauchsgüter quasi befriedigen lassen verkürzen selbst die Marxschen Annahmen. Bedürfnisse, Naturerfahrung und symbolische Bewältigung sind historisch bestimmt und an Kulturen gebunden. Ohne esoterisch die große n Leistungen der ostasiatischen "Innerlichkeit und Askese" preisen, oder als neue Parameter einer von uns noch zu entwickelnden neuen Bedürfniskultur, darstellen zu wollen - der ethnographische Schritt heraus aus der abendländisch/angelsächsischen Kultur birgt noch einige Erkenntnisse.

3.1 Ich bin nicht, was ich esse!

Von Ethik war kurz die Rede und dieses Referat kann in seiner Kürze nicht leisten, sämtliche interessante Ableitungen der Ethik oder die Begründungen ethischen Verhaltens zu untersuchen. Dennoch möchte ich die carnivor-dominierte Kultur unserer Breiten al s etwas kenntlich machen, das älter ist als die Kapitalverwertung, denn Kultur leitet sich noch vielfach von Kult ab. Die alten Strukturalisten, wie Claude Levi-Strauß, waren auf der Suche nach für den Menschen gültige Universalien. Sie suchten nach dem a nthropologisch Gleichen, sich überall Wiederholenden und fanden außer den physiologischen Grunddaseinsbedingungen - nichts. Der Mensch ist polymorph (vielgestaltig), mit Freud gesprochen "polymorph pervers". Jeglicher Objektivismus, die Lehren von der Naturgesetzmäßigkeit menschlicher Gesellschaft, ist m.E. abzulehnen. Klaus Eder ist in seinem Buch "Die Vergesellschaftung der Natur" den Spuren nachgegangen, wie und warum welche Kultur ein bestimmtes Naturbild herausbildete. Zentral und darin folgte er Levi-Strauß, sei dabei die verschiedene Eßkultur als ursprünglichstes Naturverhältnis. Seine Kategorien sind oft der strukturalen Lehre entnommen, vor allem die Kategorie der Konstruktion des Fremden und die ihr gegenüberstehende Kategorie des dem Menschen Ä hnlichen. Vielleicht das kognitivistische Überbleibsel des Strukturalismus, denn in diesen Kategorien teilen die Menschen auf der ganzen Hemisphäre ihre Beziehungen ein - so zumindest der meines Wissens derzeitige Stand der anthropologischen Forschung. Selbstverständlich kommen die verschiedenen Kulturen dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, was der semitischen Religion nicht koscher ist, verspeißt der abendländische Christ und Atheist mit Wonne. Ein Schaubild liegt vor, was dem durchschnittlichen Mitteleuropäer als eßbar erscheint. Doch die Kategorisierung in dem Menschen ähnlich und ihm fremd ist ihnen gleich. Die einen essen nur das, was sie dem Menschen als ähnlich zuordnen, die anderen essen nur das, was dem Menschen scheinbar nicht ähnelt. Die Vergesellschaftung, der Stoffwechsel mit der Natur ist kulturell angewiesen auf Projektionen, was denn dem Menschen adäquat erscheint. Der carnivoren Kultur, es gab und gibt auch andere, ist es nie leicht gefallen, den "lebendigen Leib seiner Natur" zu jagen und zu töten. Es waren zu allen Zeiten Rituale nötig, die eine Versöhnung mit der Natur zum Inhalt hatten, bei der vegetarischen war das in geringerem Maß, aber nicht anders (Erntedankfest). Ein kulturell-religiöser Habitus, der, so meint Eder, in unseren Breiten mit dem griechischen Opfermahl beginnt und bei der industriellen Organisation bei McDonalds endet, die die eigentliche Tierquälerei in dem Menschen unsichtbare Zonen verschließt und unsichtbar macht als scheinbare Erlösung - nach dem Motto aus dem Blick, aus dem Sinn. Das Sehen bestimmt das Bewußtsein. Eine Privatschrulle, wie Horkheimer den Tierschutz noch nennt, war dieser nie. Es gab bereits zu den Zeiten des griechischen Opfermahls (in Delphi) eine vegetarische Gegenbewegung um Pythagoras. Wichtig ist mir bei diesem Zusammenhang, daß eine Welt der Menschen darüber bestimmt, was schützenswert ist und was nicht. Niemand käme in unseren Breiten auf die Idee, das Recht der Moskitos auf menschliches Blut einzufordern. So mancher sich Tiersc hützer nennender Mensch empfindet kalten Haß, wenn er die achte Mücke an seinem Urlaubsort an die Wand detscht. Die Definitionsmacht, was für-uns ist, uns ähnlich ist, was der Mensch braucht oder für-sich nötig hält, grundiert oft unsichtbar Moral. Die Na turalisierung der Moral, die Subjektivierung der Natur, oder religiöse Schöpfungsmythen sind reine "Herrschaftstechnik" und sollten mit marxistischer Ideologiekritik leicht aus dem Felde zu schlagen sein. Für genauere Bestimmungen empfehle ich Klaus Eders Buch (trotz einiger heftiger Schwächen bei der historischen Bestimmung, was denn in der carnivoren Kultur nun patriarchal ist.)

3.2 Versöhnung oder Vernichtung, ist das die Frage?

Wie könnte eine Kritik der politischen Ökologie aussehen, die die Grenzen/Vorgaben einer vernünftigen Industrialisierung beschreiben könnte, die einen globalen Diskurs über Lebensqualität und Ethik anschiebt? Eine Kritik der politischen Ökologie von links setzt aber auch eine Debatte über die eigenen Kategorien und über die eigene Begrifflichkeit voraus, die ich mit diesem Referat anregen möchte. Eins können wir uns aus dem Kopf schlagen, eine "Versöhnung mit der Natur" findet nicht statt. Sie wäre eine T autologie. Der Widerstreit zwischen Natur und Mensch, den Marx in seinen Pariser Manuskripten noch im Kommunismus aufgelöst sieht, verbleibt auch in diesem Konstrukt, da der Widerstreit über die Notwendigkeit zur Arbeit definiert ist. (Als wenn der Löwe o der die Ameise kein Tagewerk zu verrichten hätte, ist er/sie nun nur nicht entfremdet weil kein Bewußtsein darüber vorhanden ist?) Alfred Schmidt darf das andere Extrem markieren: "Bei Erwägungen dieser Art ist alles eine frage der Nuancierung. Falsch, we il übertrieben teleologisch, wird der Gedanke einer inneren Angelegtheit des Stoffs auf menschliche Formung hin, wodurch Natur zu einem »Mitproduzierenden« wird, dann, wenn man mit Bloch meint, Technik gründe schlechthin in einer »objektiven Produktionste ndenz der Welt«24. Sosehr die Beschaffenheit der Naturstoffe menschlicher Aneignung zustatten kommen mag - alle menschlichen Zwecke bedienen sich ihrer Gesetze -, sosehr halten Marx und der in dieser Frage merkwürdig materialistische Hegel an der These fe st, daß die Mitproduktion der Natur in der Arbeit immer auch einschließt, daß das, was die Menschen mit der Natur im Sinn haben, ihr zutiefst fremd und äußerlich bleibt. Auch im Sozialismus." und weiter: "Der eigenartige Gedanke, daß mit der richtigen Ges taltung der menschlichen Verhältnisse eine grundlegende Veränderung des gesamten Kosmos einhergehe, findet sich bereits bei den frühsozialistischen Autoren des Vormärz. Rührend nehmen sich die Vorstellungen Fouriers aus, an die Benjamin erinnert, daß die vernünftig eingerichtete Arbeit zur Folge haben sollte, »daß vier Monde die irdische Nacht erleuchteten, daß das Eis sich von den Polen zurückziehe, daß das Meerwasser nicht mehr salzig schmecke und die Raubtiere in den Dienst der Menschen träten.« [...] Heute, wo die technischen Möglichkeiten der Menschen um ein Vielfaches die Träume der alten Utopisten überbieten, will es eher scheinen, daß diese Möglichkeiten, negativ realisiert, in Destruktivkräfte umschlagen und so, statt des wie immer menschlich beg renzten Heils, das totale Unheil herbeiführen: gleichsam die grimmige Parodie auf die von Marx gemeinte Veränderung, bei der Subjekt und Objekt nicht versöhnt, sondern vernichtet werden."25

Die Versöhnung ist also Unsinn, die Vernichtung dreut am Horizont tatsächlich. Dennoch, lieber Schmidt, wenn, dann vernichtet sich die Menschheit und nimmt einen (kleinen) Teil der restlichen Lebewesen mit. Das wäre nicht das Ende der Natur. Aber es stimmt, wenn sich die Subjekte vernichten, dann sind die Objekte nich t mehr fixierbar. Aber jeder totalitäre Dualismus steht der Differenzierung im Wege und lähmt. Zwischen der Heilsbotschaft und der Apokalypse wählen ist ja wohl nicht die Alternative. Den Widerstreit über die Arbeit zu definieren ist mir nicht unbedingt e ingängig, eine Versöhnung eh nicht drin, da sich Natur mit der Natur nicht zu Versöhnen braucht. Oder die Reduktion macht sich die stumpfe Gleichung zu eigen Leben ist Leben und Tod ist Tod. Notwendig ist ein Erkennen, wie nötig und schrecklich schön, dam it erhaltenswert die anderen Sorten Natur sind.

4. Lust an der "Natur" und an unserer eigenen

Was Trampert/Ebermann, die Lust nennen in einer sauberen Elbe zu schwimmen, bringt mich auf die Bedürfnisfrage zurück. Was im industriellen Zeitalter zur Stadtflucht und zur religiös anmutenden Preisung der reinen, angeblich wilden Natur geführt hat, sind die Phänomene des Stoffwechsels mit der Natur, ein Für-uns wendet sich gleichzeitig gegen uns und gegen andere Öko-Kreisläufe. Gestank, Lärm, Pestizide lassen das Bedürfnis wachsen nach Harmonie, Ruhe und gesundem Essen und nach der blühenden Wiese. Zur Naturerkenntnis gehört auch die sensitive Erfahrung, welcher Sinnesreichtum im Erleben der vom Menschen kultivierten Natur liegen kann, eine andere gibt es nicht (mehr). Die Überhöhung dieses Erlebens leitet sich direkt aus dem Mangel ab und das mensch di ese Erfahrung noch gemacht hat, denn was er nicht kennt, liegt jenseits jeder Romantisierungsmöglichkeit. Wovon der Mensch nichtmal ein mediales Abbild kennt, ist ihm äußerlich und verbleibt im Nichts (siehe Harry Harrisons "Soylent green"). Es ist mir ein Bedürfnis, die Naturerfahrung so mannigfaltig und sinnesreich wie möglich zu gestalten, dies ist also meine Motivation, woraus ich mein Eintreten als "ökologischer Linker" ableite, jenseits der Angst vor der Apokalypse. Eine "ökologische Et hik", wie sie z. B. der Rechtsphilosoph Dietmar v. d. Pfordten als Definition anbietet, ist eine Ethik der Anderinteressen, ist eine nicht auf menschliche Interessen fixierte Ethik für eine Natur um ihrer selbst Willen und kann nur religiöse Irre verleite n, diese Objekte unseres Handelns am Ende über den Menschen zu stellen, wie es all diese "Singers und Co." gerne tun würden, um ihre faschistoide Trennung in dem Arier ähnlich und ihnen fremd das nötige Feuer zu verleihen. So nicht. Ein letzter Kommunikationstheoretischer Ausflug. Das Wort Versöhnung ist bereits eines, welches zwei Subjekte voraussetzt, die über Ausdruck verfügen und sich gegenseitig in der Anerkennung ihrer Kategorien bestätigen und den Streit per Kommunikation und gesellschaftlicher Macht ad acta legen könnten. Die Natur bleibt bei aller Liebe immer unser Objekt, sie wird nur Subjekt per Projektion.


© Gerd Fittkau, Berlin 1996



5. Kleine Literaturauswahl

Bloch, Ernst (1959): Das Prinzip Hoffnung. Bd 1-3. Frankfurt 1985.
Ditfurth, Jutta: Lebe wild und gefährlich. Radikalökologische Perspektiven. Köln 1991.
Ebermann, Thomas & Trampert, Rainer: Die Zukunft der Grünen. Ein realistisches Konzept für eine radikale Partei. Hamburg 1984.
Eder, Klaus: Die Vergesellschaftung der Natur. Studien zur sozialen Evolution der praktischen Vernunft. Frankfurt 1988.
Engels, Friedrich: Dialektik der Natur. Berlin 1955.
Frank, Manfred (1983): Was ist Neostrukturalismus? Frankfurt 1984.
Harrison, Paul: Die Dritte Revolution. Antworten auf Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung. Frankfurt 1996.
Heller, Agnes: Theorie der Bedürfnisse bei Marx. Hamburg 1980.
Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. (1944): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt 1986.
Lukásc, Georg: Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik. Berlin 1923.
Marx, Karl: Nationalökonomie und Philosophie. Sammlung der Pariser Manuskripte. Herausgegeben von E. Thier. Köln und Berlin 1950,
Marx, Karl: Das Kapital. Bd. 1. Berlin 1953.
Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Rohentwurf zum ersten Band des Kapitals und Zur Kritik der politischen Ökonomie. Berlin 1953.
Marx, Karl: Randglossen zu Adolph Wagners Lehrbuch der politischen Ökonomie. In: MEW Bd. 19. Berlin 1962.
Marx, Karl: Ergänzungsband 1. MEW. Berlin ?.
Pfordten, Dietmar v. d.: Ökologische Ethik. Zur Rechtfertigung menschlichen Verhaltens gegenüber der Natur. Reinbek 1996.
Schmidt, Alfred (1962): Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx. 2. Auflage Frankfurt, Köln 1974.



Anmerkungen:

1 Frank, S. 400
2 Marx, Karl: Nationalökonomie und Philosophie. Sammlung der Pariser Manuskripte. Herausgegeben von E. Thier. Köln und Berlin 1950, S. 264
3 vgl. Marx: Das Kapital. Bd. 1. S. 47
4 A.a.O., S. 185
5 A.a.O., S. 47
6 Marx, Zur Kritik der polit ischen Ökonomie, S. 48
7 Schmidt, S. 74
8 A.a.O., S. 76
9 Marx, Rohentwurf, S. 208
10 Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 191
11 A.a.O.
12 Marx, Karl: Randglossen zu Adolph Wagners Lehrbuch der politischen Ökonomie. In: Marx-Engels. Werke. Bd. 19. Berlin 1962, S. 362 f, zitiert nach Schmidt, S. 110
13 Marx, Rohentwurf, S. 313
14 vgl. Kapital, S. 186f
15 Schmidt, S. 68
16 Schmid t, S. 160
17 Marx, Pariser Manuskripte, Nationalökonomie und Philosophie, S. 148
18 Marx, Rohentwurf, S. 271
19 Trampert/Ebermann, S.209 u. 211
20 Trampert/Ebermann, S. 214
21 Marx, Rohentwurf, S. 505
22 Trampert/Ebermann, S. 221
23 Marx, MEW, Ergänzungsb and 1, S. 567
24 Bloch, Bd. 2, S. 262
25 Schmidt, S. 166f











 

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