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Beiträge zur Theorie  










Thesen zum Stalinismus oder zur Gesellschaftsordnung der sich sozialistisch nennenden Laender

1.) Das besondere der proletarischen Revolution besteht nach Marx und Engels darin, dass sich die oekonomischen, die Eigentumsverhaeltnisse des Sozialismus nicht im Schoss der alten Gesellschaft entwickeln koennen, um die Voraussetzung fuer die politische Machtergreifung, fuer eine andere, neue Gesellschaftsorganisation zu schaffen. In der Folge einer sozialistischen Revolution ergreifen die unterdrueckten Klassen zunaechst die politische Macht. Gelingt es mit dieser politischen Macht nicht, eine sozialistische Basis, sozialistische Eigentumsverhaeltnisse herzustellen, entwickelt sich auch kein sozialistischer Ueberbau, kein politisches System des Sozialismus, ist eine sozialistische Gesellschaftsorganisation unmoeglich.

Die Revolutionen 1917-1919 waren das Ergebnis einer weltweiten Krise der kapitalistischer Laender. Nachdem diese Revolutionen in den mitteleuropaeischen, hochentwickelten Laendern als proletarische Revolutionen nicht siegten, gestaltete sich die Fortfuehrung der russischen Revolution vom Oktober 1917 als Versuch, der These von MARX/ENGELS (1) eine historische Alternative entgegenzusetzen. Dieser Versuch ist in Form einer fruehsozialistischen Revolution gescheitert.

2.) In Folge des Scheiterns bildeten sich neue Gesellschaftsstrukturen heraus, die jedoch hinter die Errungenschaften der buergerlichen Gesellschaft zurueckgingen. Im Gegensatz zu den MARXschen Vorstellungen eines Kommunestaates kam es nicht mit einer Aufhebung (im HEGELSCHEN Doppelsinn) der Trennung von Exekutive, Legislative und Jurisdiktion zu einer neuen Qualitaet demokratischer Machtausuebung sondern unter dem Begriff einheitliche sozialistische Staatsmacht zu einer erneuten Konzentration von Gesetzgebung, Machtausuebung und Rechtsprechung an einem Punkt.

Die entstandenen Gesellschaftsstrukturen haben sich auf der Grundlage eigener Eigentums- und Machtverhaeltnisse entwickelt. Sie stellen damit eine eigenstaendige Gesellschaftsordnung dar. Diese Gesellschaftsordnung wird als Stalinismus bezeichnet.

3.) Stalinismus ist die ideologisch verbraemte, mittels ausseroekonomischen Zwangs durchgesetzte Herrschaft einer Institution, deren Traeger sich durch persoenliche Wahrnahme der institutionalisierten Eigentuemerrechte und Machtbefugnisse auszeichnen. Der Hauptwiderspruch besteht zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der institutionellen Aneignung ihrer Produkte, zwischen dem Warencharakter Produktion und dem sich staendig auf der Grundlage des anwachsenden institutionellen Eigentums vollziehenden Naturalienaustausches. Dementsprechend stehen sich als Klassen die Traeger der Institution einerseits und der doppelt gezwungene Werktaetige(2) andererseits gegenueber.

4.) Der Uebergang vom Stalinismus oder Institutionalismus zum Kapitalismus ist historisch logisch und zwingend. Die buergerliche Gesellschaft ist historisch - und dies bedeutet vom Stand der Entwicklung ihrer Produktivkraefte und ihres Ueberbaus - die fortgeschrittene Gesellschaft. Der Institutionalismus hemmte die Produktivkraftentwicklung. Bei seiner weltweiten Abloesung werden die Forderungen einer buergerlichen Revolutionen erhoben: Freiheit, Gleichheit, Bruederlichkeit.

5.) Die Entstehung einer neuen - sozialistischen - Gesellschaft wird erst moeglich, wenn die bisherige - buergerliche - Gesellschaft an ihre Grenzen stoesst. Dieser Punkt ist erreicht, wenn der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung ihrer Ergebnisse innerhalb des Systems nicht mehr geloest werden kann, wenn die Produktivkraefte ueber den gesellschaftlichen Rahmen hinauswachsen und den ueberwiegenden Charakter von Destruktivkraeften annehmen. Es geht um "die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihr vorhandenen Weltverkehr".

Wer Sozialismus will, kommt daher nicht umhin, die Vorwaertsentwicklung der buergerlichen Gesellschaft mitzubetreiben und fuer die Durchsetzung der Forderungen einer buergerlichen Revolution einzutreten. Nur in dem Masse, wie immer breitere Schichten der Gesellschaft in die Demokratieentwicklung eingreifen und die von ihnen geschaffenen demokratischen Prozesse und Einrichtungen nutzen, wird den Individuen bewusst, dass ihre Teilhabe an den gesellschaftlichen Verfuegungsmoeglichkeiten, ihre Handlungsfaehigkeit nicht durch einen Mangel an demokratischen Elementen eingeschraenkt wird, sondern durch die herrschenden und sie beherrschenden Eigentumsverhaeltnisse.

6.) Die globalen Menschheitsprobleme - auf der einen Seite Zivilisationserkrankungen durch Ueberernaehrung, auf der anderen Seite Hungertod; auf der einen explosives Anwachsen der Produktivkraefte, auf der andern Zerstoerung jeglicher natuerlicher Grundlagen fuer Leben - sind nur noch global zu loesen. Innerhalb des Systems buergerlicher Eigentumsverhaeltnisse sind sie unloesbar. Diese Situation weist erneut auf die These von Marx und Engels hin, dass Kommunismus nur als die Tat der herrschenden Voelker 'auf einmal' und gleichzeitig moeglich und zu begreifen ist.

Michael Czollek, 24. Mai 1990




(1) Mew 3, 35; Deutsche Ideologie: "Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Voelker 'auf einmal' und gleichzeitig moeglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihr vorhandenen Weltverkehr voraussetzt."

(2) Doppelt gezwungen: Der Werktaetige ist gezwungen zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und er ist gezwungen zu arbeiten mittels ausseroekonomischen Zwangs.











 

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