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Beiträge zur Theorie  










Martin Blumentritt

Zu K. R. Poppers "Kritischer Rationalismus" - Teil 1

"Die Taetigkeit des wissenschaftlichen Forschers besteht darin, Saetze oder Systeme von Saetzen aufzustellen und systematisch zu ueberpruefen; in den empirischen Wissenschaften sind es insbesondere Hypothesen, Theoriensysteme, die aufgestellt und an der Erfahrung durch Beobachtung und Experiment ueberprueft werden."Logik der Forschung S. 3

Das erscheint nun zunaechst einmal verwunderlich, dass die Forschung es mit Saetzen (oder Systemen von Saetzen) zu tun habe und diese Saetze sollen an der Erfahrung ueberprueft werden. So unmittelbar vom Alltagsbewusstsein zu solchen Aussagen gibt es keinen Weg zum Verstaendnis. Ohne die Philosophie des Neukantianismus und des Wiener Kreises, aus dem heraus _und_ gegen sie Popper seine Theorie entwickelt, ist das nicht verstaendlich.

Der Neukantianismus war gegen die Restauration dogmatischen Denkens im 19.Jahrhundert entstanden, gegen Neuthomismus oder Neuscholastik, einer Wiederbelebung mittelalterlicher dogmatischer Metaphysik. Als dogmatisch kritisierte der Neukantianismus jedes Denken, das die Autonomie des Denkens einem "Standpunkt" ausserhalb des Denkens opferte. Die absolute (losgeloeste) Selbstbestimmung des Denkens wurde gegen die "Heteronomie eines sie meistern wollenden Metaphysizismus"(Paul Natorp) ins Feld gefuehrt. Denkfremde Inhalte, dem das Denken sich zu fuegen haette, sollte es nicht geben. Im Negativen hatte der Neukantianismus recht, aber von seiner richtigen Kritik schritt er fort zu seiner idealistisch- positivistischen Konsequenz. Die bei Kant getroffene Unterscheidung zwischen Ansichsein und Erscheinung der Dinge wurde zugunsten der letzteren, zugunsten der alleinigen Realitaet begrifflich fixierbarer Bewusstseinsinhalte eingeebnet. Das Denken wurde zum absolut Ersten und postulierte ein Welt reiner Immanenz.

Eine Welt jenseits der unmittelbaren Tatsachen, sollte es nicht bloss in der Wissenschaft, sondern auch in der Philosophie nicht mehr geben. Fuer die Naturwissenschaften ist diese Beschraenkung von objektiver Realitaet eine Forderung der experimentellen Methode, ein unerfahrbares Sein kann es im Experiment nicht geben. Wir werden spaeter zeigen, dass gerade das Experiment, das universelle Momente hat und die Intersubjektivitaet gewaehrleistet, etwas anderes nahelegt, als den Positivismus. Aus der Beschraenkung auf Tatsachen machte der philosophische Positivismus (Ernst Machs z.B.) ein Dogma. Es sollte nicht mehr nach einem positiv nicht erkennbaren Gehalt auch nur gefragt werden.

Nach Mach und Avenarius hat sich die Wissenschaft auf die exakte Beschreibung des unmittelbar Gegebenen zu beschraenken (Fragen nach dem Wem, dem gegeben wird und dem Was wurden verboten). Gegeben sind qualitative Elemente wie Farben, Toene, Gerueche und andere auch innere Empfindungen. Die Wissenschaft hat die Aufgabe, die einfachste Beschreibung der Abhaengigkeiten zwischen den Elementen zu finden.

Nun erkannte Moritz Schlick, der Begruender des Wiener Kreises, dass dies zu absurden Konsequenzen fuehren muesste. Nach Schlick muesse es auch etwas geben, was nicht gegeben ist, sonst gebe es keine empirische Wissenschaft, die etwas zu erforschen haette. Er hinterfragte allerdings nicht die Voraussetzungen, sondern stutzte nur anlaesslich der Konsequenzen. Trotz der Tatsache, dass nur die Objekte der phaenomenalen Welt gegeben sind, die Dinge an sich nicht, meinte er, dass die Erkenntnis der Erscheinungswelt eine Erkenntnis der Welt an sich liefere. Positive Erkenntnis solle nicht auf das anschaulich Gegebene reduziert sein, wie bei Kant.

(NB: Warum die Kritik Kant verfehlt, darauf ist jetzt noch nicht einzugehen, weil es hier nur darum geht, die philosophische Situation zu rekonstruieren, die man als Poppers Problemlage bezeichnen kann. Der Wiener Kreis, fuer den 1931 Blumberg und Feigl den Begriff "logischer Positivismus" entwickelten, ist vom allgemeinen Begriff des Neopositivismus abzugrenzen, zu dem auch die Theorien Poppers gehoeren, als auch vom traditionellen Positivismus (Saint-Simon, Comte, Bacon, Bentham, Wundt) und Empirismus (Locke, Berkeley, Hume, Mill) und grenzt sich auch ab vom Empiriokritizismus (Mach, Avenarius, Petzold) und von logischen Empirismus Russells. Ohne die Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis, zu dem Popper nur partiell zugehoerig war, bleibt verschlossen, worum es geht. Der Gegensatz zeigte sich allerdings, als auf ein als "Zuschriften an den Herausgeber" veroeffentlichten Beitrag Poppers zur Problemstellung "Verifikation/Falsifikation" Hans Reichenbach und Otto Neurath ungewoehnlich scharf reagierten und Popper gaenzlich von dem Kreis sich trennte.

Aus der Sicht der heutigen "analytischen Philosophie" genannten positivistischen und nachpositivistischen Schulrichtungen gelten die Anfaenge nur noch von historischen Interesse, man selber stehe "jenseits von Popper und Carnap"(Stegmueller). Von einer dialektischen Hermeneutik aus betrachtet ist so ein Unberuecksichtigtlassen der eigenen Entstehungsgeschichte undialektisch. Das Woher und Wohin, d.h. die Problemlage und die Aufloesung der theorieimmanenten Widersprueche durch die spaeteren gehoert mit dazu, sie beleuchten den Gegenstand.)

Die empiristische Konzeption hatte absurde Konsequenzen, wollte sie doch die gesetzmaessigen Zusammenhaenge der Phaenomene auf Assoziationen von Vorstellungen zurueckfuehren, Naturgesetze waeren demnach Erzeugnis des psychologischen Beduerfnis die Natur zu ordnen, um den Vorgaengen "nicht fremd und verwirrt gegenueber zu stehen"(Mach). Der Neukantianismus fuerchtete den Verlust von objektiver Erkenntnis ueberhaupt angesichts des "theoretischen Nihilismus" (Natorp) und suchte nach eine von den Leistungen empirischer Subjekte unabhaengige Naturgesetzlichkeit, was angesichts dessen, dass ein transzendentes Ansichsein verworfen wurde, eine metaphysische Begruendung der Gesetze also nicht moeglich war, nur zu einer idealistischen Loesung fuehren konnte, ein Denkmonismus gegen den Vorstellungsmonismus des Positivismus zu stellen.

Alles ist Denken, Denken ist alles war die Parole (Vgl. Natorp). Es wird "kein Sein, das nicht im Denken selbst gesetzt"(Natorp) ist, geduldet. Ein wahrlich schoepferisches Denken, das Hegel ueberbietet, der immerhin noch der Differenz zwischen Denken und Sein bedurfte, um diese dann aufzuheben. Es waere nur konsequent auch noch den irrationalen Glauben an einen Ursprung fallenzulassen. Dies geschieht dann im modernen Positivismus, wie es sich im Leitmotiv Wittgensteins ausdrueckt: "Wovon man nicht sprechen kann, darueber muss man schweigen." Die Philosophie "reinigt" sich von allen Begriffen, die noch an Metaphysik erinnern. Weder auf einen transzendenter Grund wie bei Kant noch auf einen transzendentalen wie bei den Neukantianern werden die gesetzmaessigen Erscheinungen noch bezogen, es gibt kein Ursprung ihrer objektiven Gueltigkeit. (Wir werden sehen, dass Popper dann wieder darauf zurueckkommt)

Carnap gilt jedes idealistische oder realistische Fragen nach ontologischen Gruenden als sinnloses Unternehmen. Sinnvoll sind nur sachhaltige Aussagen, d.h. solche, die eindeutige Korrelationen zwischen messbaren Groessen physikalischer Vorgaenge formulieren. Wittgenstein (der fruehe des Tractatus, der eben schon zitiert wurde) folgert dann auch, dass die richtige Methode sei, nichts ausser "Saetzen der Naturwissenschaft" zu sagen.

Im empiristischen Sinnkriterium, nachdem der Sinn eines Satzes durch die Methode seiner Verifikation gegeben sei, wurden tendenziell alle generellen Saetze aus dem Bereich sinnvoller Saetze ausgeschlossen. und das Verifikationsprinzip selber nahm metaphysischen Charakter an, so dass man von einem Fortschritt vom Gottesdienst zum Tatsachendienst sprechen kann.

Damit ist Carnap zufolge jegliche Metaphysik aus der Philosophie verdammt, was gleichbedeutend mit dem Verbot ist, die Moeglichkeit der Naturwissenschaften in irgendeiner "Ordnung der Welt" zu fundieren, wie Neurath schrieb.

Diese galt nur als Scheinbegriff eines Unbedingten jenseits von allem Bedingten (Vgl. Carnap, Die alte und die neue Logik: "Alle physischen Begriffe lassen sich auf die eigenpsychischen zurueckfuehren, da jeder physikalische Vorgang prinzipiell durch Wahrnehmungen feststellbar ist." "Niemals kann aus einem Sachverhalt ein anderer erschlossen werden. (Nach ueblicher Auffassung geschieht dies beim induktiven Schluss; die logische Analyse fuehrt aber zu einer anderen Interpretation, auf die hier nicht eingegangen werden kann.) Daraus folgt die Unmoeglichkeit jeder Metaphysik, die aus der Erfahrung auf Transzendentes, jenseits der Erfahrung Liegendes, selbst nicht Erfahrbares schliessen will, z.B. auf das "Ding an sich" hinter den Erfahrungsdingen, auf das "Unbedingte", "Absolute" hinter allem Bedingten, auf "Wesen" und "Sinn" der Vorgaenge hinter diesen Vorgaengen selbst. (...) mit Hilfe der strengeren Methoden kann so ein gruendliche Reinigung der Wissenschaft vorgenommen werden."(Zitiert nach: G.Skirbekk, Wahrheitstheorien S.86f)

(Auch in der Philosophie geht es also als ganz reinlich zu:-)

Demnach sind die Naturwissenschaft nur moeglich durch sich selbst, sie sind nicht fundiert in einer strukturierten Welt an sich selbst, die auf Erkennbarkeit hin interpretiert wird, aber in ihrer Totalitaet verschlossen bleibt. Neuraths konsequenter Positivismus zieht dann auch die Konsequenz, dass Wahrheit nicht als Uebereinstimmung von Aussagen mit der Welt zu deuten sei. Die Rede von der Wahrheit einer Aussage durch die Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit darf der konsequente Positivismus nicht einmal als Metapher dulden.(Neurath, Radikaler Physikalismus und Wirkliche Welt, S. 354)

Seine "Kohaerenztheorie" der Wahrheit stellt nur noch "in sich widerspruchsfreie Satzgesamtheiten" zur Debatte. (Die spaetere sprachanalytische Philosophie posaunt dann genauso laut, wie sie hier "Metaphysik ist Bloedsinn" schreit, aus: "Metaphysik ist Bloedsinn" zu sagen, sei selber Bloedsinn.) Das menschliche Denken verbleibt demnach im Bereich der Aussagen. Darueber entbrannte im Wiener Kreis eine Diskussion, bei der verschiedene Positionen eingenommen wurden. Carnap intendierte ein Konstitutionssystem empirischer Begriffe, das alle erfahrungswissenschaftlichen Begriffe auf unmittelbar Gegebenes zurueckfuehrt. Dies soll durch eine Beziehungsbeschreibung im Rahmen einer Russell/Whiteheadschen Strukturanalyse geschehen. Die Systembasis sind Eigenerlebnisse. Hier setzt sich Carnap dem Solispismusverdacht willentlich aus (In der 2. Auflage zum logischen Aufbau der Welt S. X im Vorwort:

"Da die Wahl der eigenpsychischen Basis nur die Anwendung der Form, der Methodik des Solipsismus bedeutet, nicht aber die Anerkennung seiner inhaltlichen These, so koennen wir hier vom 'methodischen Solipsismus' sprechen."

Das Wort kommt von solus, -a,-um und ipse, allein und selbst und bezieht sich auf eine einsames erkennendes Subjekt, was Marx als Robinsonade bezeichnet haette. Das Problem, das sich stellt, ist das von Anschaulichkeit und Abstraktheit, das mit dem Russelschen Strukturbegriff nicht zureichend geklaert werden konnte, der ging eigentlich nur auf Anschauliches, waehrend Carnap meinte, "dass das Gegebene nicht eine Struktur traegt, sondern praktisch eine und damit auch seine Struktur ist"(Logischer Aufbau der Welt, 175)

Hier wiederholt sich eine Problematik, die sich in der Kritik Humes an Lockes Realismus schon zeigte. Die Erfahrungsdaten werden beobachtet, aber nicht der kausale oder strukturelle Nexus zwischen den Daten. Daraus entsprang bei Hume eine bestimmte Form von Konventionalismus (d.h. er behauptete, die Kausalitaet beruhe auf Gewohnheit, so dass ein erkannter Zusammenhang durch kuenftige Erlebnisse zu widerlegen waere). Dies hatte dann Kant bewogen, anhand der experimentellen Naturwissenschaft dem Empirismus ganz zu kritisieren und das Ganze umzudrehen, wir erkennen die Natur, sofern wir ihr die Gesetze vorschreiben.

Wir werden noch sehen, wie Popper Kants "synthetische Urteile apriori" deutet und auf Basis dieser Deutung durchaus konsequent ablehnen muss. Kant hatte allerdings nicht die idealistischen Konsequenzen gezogen wie Fichte bis Hegel, sondern diesen Vorgang auf die Welt der Erscheinungen beschraenkt, nicht auf die Welt an sich, die als Realgrund der Erscheinung, in ihrer Bestimmtheit verschlossen bleibt. Dem naehert sich dann die spaetere an Wittgenstein II orientierte Philosophie wieder an und auch der Operationalismus oder Konstruktivismus bzw. die Kritische Theorie rekurrieren auf die Kantische Kritik am "Positivismus" bzw. Empirismus. Das wird uns noch beschaeftigen, wenn es um die Ueberpruefung von Poppers Kant- Interpretation gehen wird, die m.E. ihm auch das vollstaendige Verstaendnis der "Kritischen Theorie" versperrt.

Zurueck zum (logischen) Positivismus, ihm zufolge darf physikalischen Vorgaengen kein stoffliches Substrat untergeschoben werden, das waere eine "metaphysische Beimengung"(Carnap, Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft, S.. 461): Aussagen als physikalische Vorgaenge meinen nur Prozesse, die sich in einer physikalischen Sprache formulieren lassen, von Ich oder Welt ist dann gar nicht mehr die Rede (so auch Neurath). Personen wie Gegenstaende sind "physikalische Sachverhalte", "quantitativ bestimmbare Beschaffenheiten" von "Raum-Zeit-Stellen". Jeder Soziologe soll demnach "darauf achten,, menschliches Verhalten immer ganz schlicht physikalistisch zu beschreiben"(Neurath, Soziologie als Physikalismus, S. 412) Das Kalkulierbare ist Massstab, die Individuen werden auf "Persoenlichkeitskoeffizienten" "physikalistischer Art" reduziert.

Aussagen sind also das Primaere. Konstitutive Zusammenhaenge sind die von singulaeren Beobachtungen und universellen Gesetzen. Ein universelles Gesetz sagt aus, dass in jedem Einzelfall gilt, "wenn Eines wahr ist dann ist auch ein zweites wahr"(Carnap, Einfuehrung in die Philosophie der Naturwissenschaft, S.29) Es wird somit bereits mehr behauptet als aus einem beobachtbaren Einzelfall erschlossen werden kann. Reine Beobachtungen koennen kein universelles Gesetz vollstaendig sichern. Daher hat Carnap zufolge der induktive Uebergang von einem beobachteten Bedingungsverhaeltnis "keine logisch strenge Berechtigung" (Physikalische Begriffsbildung, S. 8), sondern basiert auf einem Entschluss.

© Martin Blumentritt, Hamburg 1995

Fortsetzung Teil 2




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