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Beiträge zur Theorie  










Wolfgang Bernhagen

Systemüberwindung des Kapitalismus?

Vor der Menschheit steht die Alternative Sozialismus oder Barbarei“, so schreibt Jürgen Kuczynski, soll sich Marx einmal geäußert haben.1 Engels soll, so Rosa Luxemburg, sich folgendermaßen geäußert haben: „Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei“. 2 Dieser Gedanke ist nur mündlich überliefert worden, und es muß ungeklärt bleiben, wer von beiden, Marx oder Engels, der Urheber ist. Das aber bleibt uninteressant, wesentlich aber ist, daß diese Äußerung ihre Aktualität behalten hat. Leider stehen wir heute der Barbarei näher als dem Sozialismus, denn mehrere Gesellschaftswissenschaftler, Politologen, Ökonomen und Historiker haben sich diesbezüglich ausgesprochen. Bei Peter Alheit lesen wir beispielsweise: „Nach Überwindung der faschistischen Schreckensherrschaft und der „Implosion“ eines strukturfeudalen Staatssozialismus wäre - zumindest theoretisch - der Weg zu einer fortschreitenden Zivilisierung der europäischen Gesellschaften frei gewesen.


Und genau in dieser historischen Situation sind wir sprachlose Zeugen eines Rückfalls in die Barbarei: der blutige Zerfall Jugoslawiens, die Wiedergeburt eines anachronistischen Nationalismus in Ost- und Mitteleuropa, die „Mafiosierung“ des Kapitals überall in der Welt, Rassenhaß nicht nur im fernen Amerika, sondern vor der eigenen Haustür.“3

Und bei dem englischen Historiker Hobsbawm lesen wir: „Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, daß wir die Vergangenheit oder Gegenwart lediglich fortschreiben. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis für dieses Scheitern, die Alternative zu einer umgewandelten Gesellschaft ist Finsternis.“ 4


Und Robert Heilbroner, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der New School for Social Research in New York, schreibt: „Und wieder einmal stammt mein Argument aus einem übereinstimmenden Bild in den Szenarien der großen Ökonomen. Denn abgesehen von den verschiedenen Schwierigkeiten, die sie auf dem Weg in die kapitalistische Zukunft sehen, stimmen ihre Szenarien in einer Diagnose überein: darin, daß die Probleme, die den Kapitalismus bedrohen durch seine eigene Dynamik und aus dem privaten Sektor, nicht aber aus dem öffentlichen resultieren.“5 Am Ende des Kapitels, aus dem das Zitat stammt, verbleiben nur Fragen, die er wie folgt formuliert: „Was ist im menschlichen Miteinander vom Fortschrittsgedanken geblieben? Steht uns eine Art von Sozialismus als Nachfolge des Kapitalismus bevor? Ist die menschliche Natur die Wurzel all unserer Probleme?“6


Wir wollen zunächst einmal Marx, Engels und Lenin befragen, wie sie sich die Lösung des Problems, das sie als das Entweder des Sozialismus oder als das der Barbarei bezeichnet haben, vorstellten. Im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 heißt es schlicht: „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen oder alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte rasch zu vermehren.“7

Jedoch 1895 war bei Engels alle Illusion über eine baldige Beseitigung kapitalistischer Verhältnisse zerstoben. Von einer Revolution konnte zunächst keine Rede mehr sein. Er schreibt nämlich in der Einleitung zu Marx’ „Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1950: „Die Geschichte hat uns allen, die ähnlich dachten unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals bei weitem noch nicht reif war für die Beseitigung der kapitalistischen Produktion; sie hat dies auch bewiesen durch die ökonomische Revolution, die seit 1848 den ganzen Kontinent ergriffen und die große Industrie in Frankreich, Österreich, Ungarn, Polen und neuerdings Rußland erst wirklich eingebürgert, aus Deutschland aber geradezu ein Industrieland ersten Ranges gemacht hat - alles auf kapitalistischer, im Jahre 1848 noch sehr ausdehnungsfähiger Grundlage. Gerade diese industrielle Revolution aber ist es, die überall erst Klarheit geschaffen hat in den Klassenverhältnissen, die eine Menge von aus der Manufakturperiode und im östlichen Europa selbst aus dem Zunfthandwerk übernommenen Zwischenexistenzen beseitigt, eine wirkliche Bourgeoisie und ein wirkliches großindustrielles Proletariat erzeugt und in den Vordergrund der gesellschaftlichen Entwicklung gedrängt hat.“8


Ernst Lohoff kommt deshalb zu dem Schluß: „Was Marx hoffnungsvoll bereits als Anzeichen für die beginnende Agonie der bürgerlichen Gesellschaft deutet, waren realiter nun einmal lediglich deren Geburtswehen und dieser Umstand hinterläßt auch in seiner Theorie zwangsläufig Spuren.“9


Achtundzwanzig Jahre nach Engels’ Aussage, am 16. Januar 1923, mußte Lenin in einem Aufsatz „Über unsere Revolution“ bekennen: „Rußland hat in der Entwicklung der Produktivkräfte noch nicht die Höhe erreicht, bei welcher der Sozialismus möglich wäre. Mit diesem Leitsatz tun sich die Helden der II. Internationale und unter Lenin auch Suchanow so wichtig, als wäre es der Stein der Weisen. Diesen unstrittigen Satz wiederkäuen sie auf tausenderlei Weise, und es scheint ihnen, als sei er entscheidend für die Beurteilung unserer Revolution.“10

Lenins Kritiker aus der II. Internationale sollten in bestimmter Weise Recht behalten. Er selbst aber war anderer Meinung und schrieb deshalb: „Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist (obwohl niemand sagen kann, wie dieses „Kulturniveau“ aussieht, denn es ist in jedem westeuropäischen Staat verschieden), warum sollten wir also nicht damit anfangen auf revolutionäre Weise die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen, und damit schon auf Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und der Sowjetordnung vorwärtsschreiten und diese Völker einholen“.11 Daß 1923 noch nicht an Sozialismus zu denken war, kommt in diesen Zeilen zum Ausdruck, und seine Hoffnung war, daß dieses Ziel spätere Generationen erreichen werden. Erinnert sei hier noch einmal an seine Rede auf dem I. Kongreß der landwirtschaftlichen Kommunen und Artels vom Dezember 1919 und an seine Rede auf dem III. Allrussischen Kongreß des Kommunistischen Jugendverbandes vom 2. Oktober 1920.12

Aber die von Lenin gehegt Hoffnung, die offenbar den Voluntarismus hinsichtlich der Oktoberrevolution kaschieren sollte, erfüllte sich nicht, sondern es gab in praxi das Gegenteil dessen, was erstrebt wurde. Adam Schaff schreibt deshalb: „Menschen, die zweifellos guten Willens waren - die Revolutionäre - haben versucht, den Sozialismus in einer Gesellschaft zu verwirklichen, die noch nicht dafür reif war (Fehlen der objektiven und subjektiven Voraussetzungen, von denen Marx sprach), und schließlich sind sie in eine Situation geraten, in der sie zwangsläufig zum Terror greifen, den bürokratischen Apparat ausbauen, die Freiheit des Menschen abschaffen mußten usw.“13

Das Ergebnis war, wie Georgi Shukow gegenüber Konstantin Simonow zum Ausdruck brachte, „daß wir in der Zeit, da wir in den Krieg eintraten, ein im Vergleich zu Deutschland ein industriell rückständiges Land waren.“14

Und Herbert Wolf mußte in diesem Zusammenhang feststellen: „Aber die Öffnung nach Westen, die sich de facto durch die sowjetische Besetzung Ost - und eines Teils Mitteleuropas im Gefolge des Krieges ergab, machte einem wachsenden Teil der Intelligenz und er Führungskader ohnehin das erschreckende Ausmaß des Rückstandes sowohl an Produktivität, wie auch an Lebensniveau selbst gegenüber einem durchschnittlichen europäischen Standart deutlich“.15

Auch Stalin war das während des II. Weltkrieges irgendwie klar geworden. Milovan Djilas schreibt in seinem Buch „Gespräche mit Stalin“ dazu: „Jemand gab seinem Zweifel daran Ausdruck, daß die Deutschen fähig sein würden sich innerhalb von fünfzig Jahren wieder zu erholen. Aber Stalin war anderer Meinung: „Nein, sie werden sich wieder erholen und zwar sehr rasch. Sie sind eine hochentwickelte Industrienation mit einer äußerst qualifizierten und zahlreichen Arbeiterklasse und einer bedeutenden Intelligentsia. Gebt ihnen zwölf oder fünfzehn Jahre Zeit und sie werden wieder auf den Beinen stehen.“16


Stalin sollte recht behalten. Aber in der Zwischenzeit begann die von ihm angesprochene qualifizierte und zahlreiche Arbeiterklasse Schritt für Schritt ihre revolutionäre Potenz zu verlieren. Dazu bemerkte André Gorz in seinem 1967 in deutscher Sprache erschienenen Buch „Zur Strategie der Arbeiterklasse im Neokapitalismus“: „Natürlich wird dieser Kampf nicht unmittelbar den Profit abschaffen. Er wird der Arbeiterklasse nicht zur Macht verhelfen, und Erfolg bedeutet noch nicht die Abschaffung des Kapitalismus, sondern die Einleitung neuer Kämpfe, die Möglichkeit neuer Teilsiege. Jede Etappe wird vor allem in der Phase mit einem Kompromiß schließen ... Die Gewerkschaft wird sich die Hände schmutzig machen müssen. Bei jedem Kompromiß, bei jeder unterzeichneten Übereinkunft wird sie mit ihrer Unterschrift die Macht der Arbeitgeber anerkennen.“17


Solche Äußerungen lösten mancherseits Empörung aus, aber Gorz war ein Seismograph. Die klassische Arbeiterklasse mit dem größten Teil von Industriearbeitern begann zahlenmäßig zu schrumpfen. 1977, also zehn Jahre nach André Gorz, schrieb André Leisewitz die Bundesrepublik Deutschland betreffend: „Die Statistik zeigt eine Zunahme der Beamten und trotz wachsender Arbeitslosigkeit eine Zunahme der Angestelltenbeschäftigung; dem steht ein krisenbedingter schroffer Rückgang der werktätigen Arbeiter gegenüber.“18 1987, wieder zehn Jahre später, sind bereits 50,1 Prozent der Arbeitnehmer Angestellte19, und 1990 waren im Tertiärsektor bereits 55,8 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigt.20 Jürgen Kuczynski stellt deshalb fest, und nicht nur er, daß die Arbeiterklasse in den großen Industrieländern sich in Auflösung befindet und, daß dieser Auflösungsprozeß ständig fortschreitet.21 Nach Adam Schaff nimmt die Zahl der Beschäftigten im Tertiärsektor ständig zu und z.Z. arbeiten in den USA bereits 75 Prozent der Beschäftigten im Tertiärsektor.22 An anderer Stelle bemerkt er: „Die Frage ist um so fesselnder, als sich gleichzeitig ganz real die Erscheinung des Absterbens der Arbeiterklasse abzeichnet, bei einer gleichzeitigen Änderung der Stellung der Rolle der Kapitalistenklasse.“23 Trotz der sich 1987 bereits abzeichnenden Tendenz in Richtung Auflösung der Arbeiterklasse lesen wir in dem 1988 herausgegebenen von der DKP initiierten und von Kurt Fritsch herausgegebenen Buch „Klasse, Demokratie, Aktion, Arbeiterpartei und Organisation in den neunziger Jahren“: „Die wichtigsten Klassen der kapitalistischen Produktionsweise sind heute, wie schon zu Marx’ Zeiten die Arbeiterklasse und die Bourgeoisie; die einen besitzen nur ihre Arbeitskraft, die sie dem Unternehmer für Lohn anbieten und erzeugen mit ihrer Arbeit alle materiellen Werte (einschließlich der Maschine, die der Kapitalist sein Eigentum nennt). Die Kapitalisten hingegen besitzen die Produktionsmittel und lassen die Arbeiter für sich produzieren.“24 Diese Aussage stellt sich heute als ein Anachronismus zur Wirklichkeit dar. Hören wir in diesem Zusammenhang noch einmal Adam Schaff. Bei ihm heißt es: „Nach der Theorie von Marx und der von ihm formulierten Prognose über die zunehmende Polarisierung der Klassengesellschaft, die in ein zahlenmäßig ständig zunehmendes Proletariat und eine sinkende Zahl von Angehörigen der Kapitalistenklasse aufgespalten werden sollte, wären die Mittelklassen (in Stadt und Land) zu einem unvermeidlichen Absterben verurteilt. Die Wirklichkeit verlief gerade in entgegengesetzter Richtung, und heute haben wir es - auch in den wirtschaftlich hochentwickelten Ländern mit einer Gesellschaft der Mittelklassen zu tun, was natürlich folgenschwere Konsequenzen nicht nur im Bereich der Wirtschaft nach sich zieht, sondern auch - und vielleicht gerade - im sozialen und politischen Leben.“25


Ist Marx also passé? Hier muß der Historiker zu Wort kommen. Bei Arnold Esch heißt es nämlich: „ ... der Historiker bleibt in seiner Zeit, aber er bemüht sich den Menschen gerecht zu werden, indem er ihre Perspektive in Erfahrung zubringen und ihren Horizont zu rekonstruieren versucht. Wozu sollte Beschäftigung mit der Geschichte auch schon gut sein, wenn er nicht die Perspektive des Menschen seiner Zeit mit einbezieht, auf sie Rücksicht nimmt?“26 Und bei Marc Bloch, dem 1944 von der Gestapo erschossenen Historiker, heißt es in ähnlichem Sinne: „Sicher, Luther, Calvin oder Ignatius von Loyola sind Menschen von einst, Menschen des 16. Jahrhunderts und erste Aufgabe des Historikers, der sie zu verstehen und verständlich zu machen versucht, wird es sein, sie in ihre Umwelt zu stellen, sie waren durchdrungen von der geistigen Atmosphäre ihrer Zeit und standen Gewissensproblemen gegenüber, die den unseren nicht mehr genau entsprechen.27


Es kommt also darauf an, statt Marx nachzubeten, seinem geistigen Arsenal die Waffen zu entnehmen, die wir heute brauchen. Bei vielen Autoren finden wir zur Zeit seine teilweise Verurteilung, andererseits eine Nachahmung seiner Denkmuster, die jetzt zu klischeehafter Nachahmung werden, ohne den richtigen Bezug zur Wirklichkeit haben, wovor Esch und Bloch warnen.


Mit der schrittweisen Auflösung der Arbeiterklasse verliert ein Teil der marxistischen Theorie gewissermaßen ihr Agens, das sie im 19. und auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch besaß. Um die marxistische Theorie insgesamt und ohne Abstriche als allgemeingültig richtig und wahr akzeptieren und darstellen zu können, werden als Argument immer die Teile der noch existierenden Arbeiterklasse in Deutschland, wie Bergleute, Hüttenwerke, Schiffbauer u.a. bemüht, deren Tage gezählt sind oder bedeutungslos werden, um kein Jota von Marx’ Theorie abstreichen zu müssen.


Andererseits suchen andere wiederum nach gesellschaftlichen Kräften, die nun an die Stelle der Arbeiterklasse von einst zu treten haben, um als Garant für eine künftige sozialistische Revolution oder als gesellschaftliche Kraft auftreten könnten, die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Bei Adam Schaff, der sich, wie er selbst betont, als Marxist versteht, lesen wir folgendes: „In unsrem Kontext interessieren uns nun vor allem Bewegungen und Parteien, die mit dem religiösen Glauben verbunden sind, und die gleichfalls den Kampf um eine neue Gesellschaftsordnung auf ihr Banner setzen.“28


In seine Memoiren sagt er klar, wen und was er dabei im Auge hat, wenn er schreibt: „Es geht mir um christliche lokale Gemeinschaften, die in Lateinamerika (ich habe darüber gelesen, wie sie in Brasilien funktionieren) und den Richtlinien der Befreiungstheologie leben.“ Weiter unten fährt er dann fort: „Es genügt meines Erachtens festzustellen, daß die Befreiungstheologie einen immensen Einfluß auf die katholischen Massen in Lateinamerika ausübt, die die Hälfte aller Katholiken der Welt ausmachen; daß zu ihren Anhängern nicht nur die Geistlichen niederen Ranges gehören, sondern auch ein bedeutender Teil des Episkopats, einschließlich mancher Kardinäle und daß diese Bewegung so stark von sozialistischen Tendenzen geprägt ist, daß sie den Marxismus (seine Gesellschafts- wie Wirtschaftslehre) in ihrer praktischen alltäglichen Tätigkeit zur Doktrin erhoben hat.“29


Es sei zu diesen Auffassungen Schaffs nur so viel angedeutet, daß sie utopisch - sozialistischen Auffassungen näher sind, als einem Sozialismus, wie ihn Marx verstand. Es ist schwer vorstellbar, daß von diesen genannten Siedlungen in Brasilien eine Bewegung für die künftige Gesellschaftsordnung ausgehen soll. Im Gegenteil. Hier sind historische Traditionen Lateinamerikas im Spiel. Man denke an den Inkastaat, dem Louis Baudin ein Buch mit dem Titel „Der sozialistische Staat der Inka“ gewidmet hat30, oder den sogenannten Jesuitenstaat in Paraguay, der von 1609 bis 1768 bestand. Bei Peter Claus Hartmann heißt es dazu: „Somit ist auch anzunehmen, daß der sogenannte „Jesuitenstaat“ trotz mancher Einflüsse idealer Modelle von allem nach entsprechendem Studium der Natur und Bedürfnisse der Indianer pragmatisch allmählich so gestaltet wurde, wie er sich entwickelte. Die Reduktionen (Siedlungen - W.B.) erreichten erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihre endgültige Form. Dabei haben sehr wahrscheinlich auch die den Jesuiten bekannten Strukturen des Inkastaates in manchen Bereichen als Vorbild gedient. Der 1607 zum ersten Provinzial von Paraguay ernannte Diege de Torres war nämlich vorher in Peru und hatte dort die vom untergegangenen Inkastaat beeinflußten Reduktionen kennengelernt.“31 Inwieweit theoretische Einflüsse, die möglicherweise von den Schriften Platos, Morus’ und Campanella auf die Jesuitenpaters gewirkt haben, muß dahingestellt bleiben. Der soeben zitierte Autor versteht sein Buch sogar als Alternative zum Marxismus, das genaue Gegenteil von Schaffs Auffassungen.


Zu fragen wäre noch, wie denn die aus dem urgesellschaftlichen Inkastaat über den sogenannten Jesuitenstaat bis zu den Siedlungen der Theologie der Befreiung herrührenden Traditionen Grundstock oder Ideal für eine neue Gesellschaftsordnung, die dem Kapitalismus folgen soll, abgeben kann. Einen anderen Typ sozial gestalteter Siedlungen als Vorbild sieht Schaff in den Kibbuzim. Von ihnen schreibt er: „Ich habe mich mit eigenen Augen überzeugen können, wie Menschen im Geiste des Sozialismus leben. Einverstanden es handelt sich dabei um kleine Inseln im Meer einer anderen, normal funktionierenden kapitalistischen Gesellschaft mit allen Schattenseiten und allem Übel, das sie auszeichnet.“32


Über die Kibbuz lesen wir im „Kibbuzhandbuch“: „Während in der Geschichte Staaten das Individuum immer wieder „versklavt“ und zu einem entfremdeten und menschenunwürdigen Dasein gezwungen haben, wird in der Gemeinschaft des Kibbuz alle kontrollierte Macht des Menschen über den Menschen aufgehoben und zwar durch eine Reihe handfester institutioneller Vorkehrungen. Dazu gehören vor allem:


  • die Aufhebung des Privateigentums

  • das Prinzip der Ämterrotation

  • ein eigenes Erziehungssystem

  • und das, was man als eine Art rätedemokratisches System direkter politischer Eintscheidungen bezeichnen könnte.“33


Hier haben wir es wieder mit einem Stück utopischen Sozialismus’ zu tun. Tatsächlich haben, wenn auch nur für kurze Zeit, in Amerika nach den Vorstellungen von Owen und Fourier sozialistische Siedlungen existiert, aber eben nur kurze Zeit.34 Andererseits wird man auch den Verdacht nicht los, daß die nach der Oktoberrevolution in Rußland gegründeten Agrarkommunen nicht ohne Einfluß auf die Kibbuzim waren und sind.35

Für eine mögliche zukünftige sozialistische Gesellschaft aber sind sie sicher keine Quelle des Impulses.


Andere Theoretiker, die die Sorge auf den Nägeln brennt, und die einen Absturz in die Barbarei zu verhindern suchen, suchen nach noch anderen gesellschaftlichen Kräften, Einrichtungen und Bewegungen, die diesen Prozeß stoppen könnten und die möglicherweise zu einer anderen Gesellschaftsordnung führen könnten. Robert Heilbroner beispielsweise meint, „daß die Probleme, die den Kapitalismus bedrohen, durch seine eigene Dynamik entstehen und aus dem privaten Sektor, nicht aber aus dem öffentlichen.“36

Und weiter unten heißt es bei ihm: „Welche Lösungsformen können für die Probleme, die im privaten Sektor entstehen, gefunden und welche Gegenmaßnahmen getroffen werden? Unsere Diagnose läßt nur eine Antwort zu: Es müssen Lösungen und Gegenmaßnahmen sein, die aus dem öffentlichen Sektor kommen. Daraus folgt, daß die Aussichten für die diversen Erscheinungsformen des Kapitalismus im 21. Jahrhundert und hier betone ich ausdrücklich den Plural in erster Linie davon abhängen werden, mit welchem Erfolg die staatlichen Kräfte zusammengezogen und dazu gebracht werden können, sich mit den Kräften der Wirtschaft auseinanderzusetzen.“37

Hier wird offensichtlich der Bock zum Gärtner gemacht, denn der bürgerliche Staat wird hier als Helfer angesehen, der doch eigentlich längst in den Händen der Kapitaleigentümer ist. Das beste Beispiel ist hierfür die Operation „Peso Shield“.


Mexiko mußte seine Zahlungsunfähigkeit erklären, Währungen anderer Länder drohten, mit in den Strudel zu geraten. Anlieger zogen ihr Kapital zurück - die Krise spitzte sich zu. Da handelte der Direktor des „Internationalen Währungsfonds“ (IWF) gegen alle Vorschriften. Er schaffte es, einen Milliardenkredit innerhalb von 24 Stunden zu Wege zu bringen. Bei Hans Peter Martin und Harald Schumann lesen wir dazu: „Denn der Mexiko-Deal war beides, die vielleicht kühnste Katastrophenabwehr der Wirtschaftsgeschichte und ein dreister Raubzug gegen die Steuerkasse der zahlenden Länder zugunsten einer vermögenden Minderheit. Natürlich habe der Milliardenkredit den Spekulanten genutzt, antwortete der IWF-Direktor seinen Kritikern. Aber so gesteht er offen - die Welt liegt in den Händen dieser Burschen.“

Weiter unten heißt es dann: „Als seien sie von unsichtbarer Hand gesteuert, unterwarfen sich die Regierung der Supermacht USA, der einst allmächtige IWF und alle europäischen Notenbanken dem Diktat einer höheren Gewalt, deren Zerstörungskraft sie gar nicht mehr einschätzen können: dem internationalen Finanzmarkt.38 An anderer Stelle lesen wir bei den gleichen Autoren: Die Austrocknung der Staatsfinanzen durch die entgrenzte Wirtschaft geschieht jedoch nicht nur auf der Einnahmeseite. Die Transnationale lenkt gleichzeitig auch einen wachsenden Anteil der staatlichen Ausgaben in ihre Kassen. Der Wettlauf um die niedrigsten Abgaben ist begleitet vom Wettstreit um die großzügigsten Subventionsgeschenke.“39 Welcher Staat könnte sich heute noch erdreisten, wie Robert Heilbroner meint, sich mit den Kräften der Wirtschaft auseinanderzusetzen. Die Ohnmacht des Nationalstaates ist doch wie sichtbar, wohl offenbar.


Auch Robert Kurz, Autor mehrerer Bücher und Artikel sowie Mitredakteur der Zeitschrift „Krisis“, dessen Auffassungen und Theorie wiederholt Kritik, Widerspruch und Protest hervorriefen,40 meint auch, mit Staatshilfe eine Transformation des Kapitalismus bewirken zu können. In der Zeitung „Neues Deutschland“ vom 11./12.6.1994 lesen wir aus seiner Feder folgende Sätze: „Gefordert ist die Entfaltung autonomer Tätigkeiten und Reproduktionsformen jenseits von Markt und Staat. Dazu bedarf es praktischer Versuche und einer interdisziplinären neuen Theoriebildung mit dem Ziel, die historische Krise des warenproduzierenden Weltsystems in eine positive Aufhebung zu verwandeln. Wer aber nicht sucht, wird auch nicht finden. Als billiges Supermarktangebot wird die Systemtransformation nicht zu haben sein.“41

Wie er sich das vorstellt, lesen wir im zweiten Artikel in der gleichen Zeitung eine Woche später: Darin ist beispielsweise zu lesen: „Für einen solchen Einstieg in den Ausstieg aus der Geldlogik könnte neben solchen Ressourcen paradoxerweise sogar auch wieder Geld vom Staat gefordert werden und zwar für Investitionen, die dem Staat in autonomer Tätigkeit dienen.“42


Der kapitalistische Staat als Finanzier des Untergangs des Systems, dessen Produkt er in gewisser Weise ist, wer hatte das gedacht! Hier werden ökonomische Forderungen an den Nationalstaat gestellt, der schon zusehen muß, wie ihn die internationale Finanzwelt plündert. Diese ‘neue Theoriebildung’ aber ist ein alter Hut. Schon Ferdinand Lassalle wollte Staatskredite für Produktivgenossenschaften. Allmählich sollten dann die Arbeiter eine Fabrik nach der anderen aufkaufen - ja und dann? Entweder wieder ein kapitalistisches System produzieren, oder bankrott machen, denn die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht.

Ähnlich äußert sich Volker Hildebrandt in der Zeitschrift „Krisis“, wenn er schreibt: „Einem kompromißlos emanzipatorisch gewendeten Dritten Sektor kann damit zugearbeitet werden, indem dieser sich konsequenter von der warenproduzierenden ökonomischen Sphäre ab- und den Aufgaben einer Transformation zuwendet.“43

Hier muß ein Wort zum Begriff Dritter- oder Tertiärsektor gesagt werden. Jeremy Rifkin hat ihn näher umrissen. Er schreibt nämlich: „Zu den gemeinnützlichen gemeinnützigen Tätigkeiten gehören in den USA nicht nur Arbeiten und Leistungen im Bereich der Sozialarbeit und im Gesundheitswesen, sondern auch im schulischen, im wissenschaftlichen und im künstlerischen Bereich, in der Kirche und im Rechtswesen. Soziale Organisationen helfen Alten und Behinderten, psychisch Kranken, unterprivilegierten Jugendlichen und Arbeiten.“44 Es folgen dann detailliert aufgeführte Tätigkeiten. Auch Rifkin resumiert: „Wenn sie es schaffen, den Geist der demokratischen Teilhabe zu stärken und zugleich unseren Gemeinschaftssinn wieder aufleben zu lassen, dann könnte der Dritte Sektor uns als Vorreiter in die postmarktwirtschaftliche Ära führen, ob er allerdings genug wachsen und sich weit genug ausdifferenzieren kann, um den Anforderungen seitens einer orientierungslosen Arbeitnehmerschaft standhalten zu können, das ist eine offene Frage.“45


Soweit Rifkin, auf den sich auch Hildebrandt stützt. Hier wird in der Tat formal Marx gefolgt. Marx sah in der Arbeiterklasse die gesellschaftliche Kraft, die den Kapitalismus überwinden könnte.

Nachdem nun feststellbar ist, daß die Arbeiterklasse weiter im Schwinden begriffen ist, sucht man nach einer neuen sozialen Kraft und glaubt, sie in den Angestellten des Dritten Sektors gefunden zu haben. Zwischen der Arbeiterklasse des 19. Und 20. Jahrhunderts und den Angestellten existiert aber ein grundlegender Unterschied.


Schon für 1929 gibt Siegfried Kracauer die Zahl der Angestellten mit 3,5 Millionen an46 und kommt zu dem Schluß: „Jedenfalls gelten für breite Schichten ähnliche soziale Bedingungen wie für das Proletariat.“ Weiter unten heißt es dann: „Ferner ist die Existenzunsicherheit gewachsen und die Aussicht auf Unabhängigkeit völlig geschwunden."47

Bei Mark Siemons lesen wir 1997 über den Angestellten: „Von Anfang an pendelt das Selbstbewußtsein des Angestellten daher zwischen dem des lohnabhängigen Arbeiters und dem des selbstverantwortlichen Kaufmanns: Der Angestellte wurde von Unternehmern wie von Gewerkschaften gleichermaßen umworben. Er ist ein Zwitterwesen, das sich seine Identität jenseits von vorgegebenen Ordnungen stets selber neu schaffen muß. Die Auflösung früherer Klassengegensätze macht dann seine Situation allgemein. Der neue „Mittelstand“, der sich bildet, ist keine feste gesellschaftliche Größe mehr, sondern eine von ökonomischen Funktionen und ideologischen Überbau abhängige und ständig sich verändernde Konglomeration von ihrem Platz im Ganzen suchenden Monaden.“

Weiter unten steht dann bei Mark Siemons: „Je mehr Raum der Angestellte im gesellschaftlichen Gefüge einnahm, desto dünner und eisiger wurde die Luft um ihn herum, desto weniger konnte er auf Sicherheiten bauen, die jenseits seines Angestellten-Daseins lagen. Um so wesentlicher wurde mithin die „Stelle“ für ihn in einem emphatischen Sinn.“48


Die Ausführungen von Mark Siemons machen deutlich, daß die Angestellten keine homogene soziale Gruppierung wie die einstige Arbeiterklasse darstellen. Im Gegenteil - die Arbeiterklasse versuchte immer die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie in die Position des ausgebeuteten vom Kapitalisten abhängigen Proletariers zwangen, zu bekämpfen. Die heutigen Angestellten oder Beschäftigten im Tertiärsektor kämpfen nicht gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, um sie zu verändern, sondern um einen besseren Platz im gesellschaftlichen System zu finden. Streiks im Bereich Banken, Handel und Versicherungen dienen nicht dem Kampf gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern um Absicherung des Besitzstandes, um den Erhalt des Eigentums, der Eigentumswohnung, des Automobils, des Anspruchs auf Auslandsurlaub, diverser Zulagen, Steuerabschreibungen, Gehaltsverbesserungen - alles Faktoren, die die heute Herrschenden ja propagieren und umgesetzt wünschen -

Beispiel „Eigentumsbildung“. Der Kampf gilt vordergründig nur besserer Verteilung, nicht aber um Abschaffung oder Transformation des Kapitalismus.


Marx formal zu folgen, heißt nicht, ihn richtig zu interpretieren. Wenden wir uns nun einigen Aspekten der Marxinterpretation durch Autoren der Zeitschrift „Krisis“ zu. Zuvor aber noch eine Passage aus dem Buch „Ökumenischer Humanismus“ von Adam Schaff. Dort heißt es: „Erstens (die Auswahl ist natürlich subjektiv) bleibt im Rahmen der uns hier interessierenden Problematik - die Theorie des historischen Materialismus und die darauf gestützte Methode uneingeschränkt in Kraft; selbstverständlich nicht in ihrer von übereifrigen unter gebildeten Anhängern vulgarisierten Gestalt, die sie in einen primitiven „Ökonomismus“ verwandelt haben. Seinerzeit hat Engels in seinen Briefen zum Thema des historischen Materialismus diesen Primitivismus entschieden abgelehnt, wobei er feststellte, es bestehe ein spezifisches feedback zwischen den Einwirkungen der Basis des Überbaus. Er protestierte dabei gegen den „ökonomischen Extremismus“ der Übereifrigen. Marx dagegen hat zu diesem Thema nicht nur den kernigen Ausdruck gebraucht „ich weiß, daß ich kein Marxist bin“, sondern hat auch in seinen historischen Arbeiten (besonders in seinem brillanten „18. Brumaire des Louis Bonaparte“) konkret gezeigt, wie man die Methode des historischen Materialismus anwenden soll, bei voller Berücksichtigung der Rolle des Überbaus im Funktionieren der Gesellschaft einschließlich eines so heiklen Teils des Überbaus, wie die Tradition.“49


Noch ein Gedanke gehört hierher. In seinen Memoiren schreibt Schaff: „Aber die Psychologie, vor allem die Sozialpsychologie ist die Achillesferse der Marxisten bis auf den heutigen Tag: Von der Ökonomie als Hauptfaktor der sozialen Analyse fasziniert, neigen sie zu Absolutierung der Rolle von Makrostrukturen in diesen Analysen und zur Reduktion des gesamten gesellschaftlichen Geschehens auf die Wirtschaft, wobei sie den Faktor der individuellen Psychologie aus den Augen verlieren, aber auch der Sozialpsychologie (angeblich hat der Marxismus die Rolle des Individuums zugunsten der Rolle der gesellschaftlichen Klassen ausgeschaltet - was ein totaler Unsinn ist und den Aussagen von Marx und Engels in diesen Fragen offenkundig widerspricht.)50


Robert Kurz, der, wie schon gesagt, zur Gruppe um die Zeitschrift „Krisis“ gehört, schreibt in seinem Buch „Der Kollaps der Modernisierung“ folgendes: „Die Marx’sche Affirmation der Arbeiterklasse als „Arbeiter“-Bewegung und „Arbeiterstandpunkt“, „Klassenstandpunkt“ usw., die sich durch sein ganzes Werk zieht, ist in Wahrheit unvereinbar mit seiner eigenen Kritik der Politischen Ökonomie, die gerade jene Arbeiterklasse als nicht ontologisch, sondern vielmehr selber vom Kapital konstituierte soziale Kategorie enttarnt. Wie sich Arbeitsontologie und Kritik der abstrakten Arbeit gegenseitig ausschließen, so „Arbeiterstandpunkt und Kritik des Arbeiterdaseins.“51

Weiter unten heißt es bei ihm: „Die marxistische Arbeiterbewegung hat nie verstanden, daß sie selber es war, die die Lohnarbeiter nicht von der Konkurrenz sondern zu ihr befreit hat; andererseits zielte sie paradoxerweise darauf ab, die Konkurrenz gerade dadurch zu sistieren und vermeintlich aufzuheben, daß sie ein Segment dieser Konkurrenz, das als solches überhaupt erst entstehen konnte, nämlich die Arbeiterklasse zum Absolutum erhob.“52


An anderer Stelle äußert derselbe Autor: „Die Arbeiterbewegung hatte sich als Äußerstes die Aufhebung der kapitalistischen Arbeitsteilungen quasi als Vereinigung sämtlicher Bornierungen dieser Arbeitsteilungen in einer Person gedacht: der „Zukunftsmensch“ als handwerklicher Facharbeiter mit Abitur und Universitätsdiplom gleichzeitig, eine Art Monstrum der Verschmelzung von Einseitigkeiten und in der Tat „utopisch“ im schlechtesten Sinne. Diese Utopien werden durch den heutigen Grad der Verwissenschaftlichung schlicht gegenstandslos, und daher absurd und lächerlich.“53


Die Arbeiterklasse allein aus der Ökonomie des Kapitalismus und die Theorie des historischen Materialismus allein aus dem bürgerlichen theoretischen Denken erklären zu wollen, reicht bei weitem nicht aus. Ausgeklammert bleiben dabei gesellschaftliche Bewegungen und Veränderungen und die Praxis sowie die aktive Rolle des Überbaus und die Wechselbeziehungen zwischen Basis und Überbau. Des weiteren fehlt dabei die historische Sicht auf Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung. Beide waren historisch konkret. Wenn heute die Arbeiterklasse im Schwinden ist, schwindet natürlich auch die Arbeiterbewegung. Wer Marx nicht richtig versteht, muß dann ja zu Aussagen, wie sie Volker Hildebrandt macht und Robert Kurz andeutet, kommen, und ihr Heil im Tertiärsektor suchen, der weder eine soziale Klasse noch eine soziale Bewegung wie die einstige Arbeiterbewegung hervorgebracht hat, noch hervorbringen kann.

Weil aber der Marxismus des 19. Jahrhunderts keine Antwort auf heutige Fragen zu erbringen scheint, sei hier noch einmal Marc Bloch zitiert. „Weil der einzelne Mensch von der verflochtenen Vielfalt an Ereignissen, Gesten und Worten, aus denen sich das Geschehen in einer Gruppe von Menschen zusammensetzt, immer nur einen bescheidenen Ausschnitt wahrnimmt, da ihm von seinen Sinnen und seiner Aufnahmefähigkeit her enge Grenze gesetzt sind, weil ihm außerdem das eigene Innere unmittelbar bewußt ist, müssen wir feststellen: Jedes menschliche Erkennen wird immer, ganz gleich, um welche Zeit es sich handelt - in einem sehr hohen Maße auf die Zeugnisse anderer angewiesen sein, um zu Ergebnissen zu gelangen. Dem Erforscher der Gegenwart ergeht es diesbezüglich kaum besser als dem Historiker der Vergangenheit.“54


Es trifft auch auf die Autoren der Zeitschrift „Krisis“ zu. Tatsache ist, daß die Arbeiterklasse schon vor dem Entstehen des Marxismus existent war. Die von der Marx’schen Theorie ausgehende Lehre, daß es darauf ankommt, den Kapitalismus zu stürzen, war für den Proletarier nachvollziehbar.

Die Frage aber, was soll danach geschehen, mußte unbeantwortet bleiben, da niemand in die Zukunft zu sehen vermochte. Marx und Engels konnten nur allgemeine Züge der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft skizzieren, Konkretes aber nicht aussagen. Das führte auch dazu, daß Teile der Arbeiterklasse, da ihnen das Hemd näher als der Rock war, sich dafür interessierten, wie man einen größeren Teil des gesellschaftlichen Reichtums in die Hand bekommt. Ausdruck dafür waren die Erfolge der Sozialdemokratischen Partei in Deutschland, deren Stärke mit dafür verantwortlich war, daß es zur Bismarck’schen Sozialgesetzgebung kam. Für das zu erreichende Ziel, den Sozialismus, mußte einstweilen Belletristik herhalten, wie Edward Bellamys Roman „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000“. Auch die marxistische Theorie war nur als Torso bekannt. Selbst so bedeutende Köpfe wie Lenin, Kautsky, Plechanow und Rosa Luxemburg kannten den Marxismus nur zum Teil, da eine Reihe von fundamentalen Arbeiten von Marx und Engels damals noch nicht publiziert waren. Erst in den dreißiger Jahren gelangten diese Arbeiten ans Tageslicht, ja die erste Auflage der „Grundrisse“ ging infolge des zweiten Weltkrieges fast ganz verloren. Hinzu kam, daß Stalin die Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels bei Band VI stoppen ließ, was auch bis seinem Tode so blieb.55


Die Theorie von Marx und Engels liegt nun im Großen und Ganzen komplett vor - aber für eine Wirklichkeit, die so heute nicht mehr existiert. Was nun, könnte man fragen - ist da nicht die Hoffnung, ja der Versuch der Organisation der Menschen im Tetiärsektor ein Versuch, den Absturz in die Barbarei zu verhindern? Das aber sind weltfremde Vorstellungen, die eher zu den Utopisten und Bellamy passen.

Man könnte Robert Kurz folgen, wenn er schreibt: „Der gesamte bisherige Marxismus erweist sich in dieser Krise und durch sie als integraler Bestandteil der bürgerlichen Welt der modernen Ware und gerät dadurch selbst in die Krise.“56

Das passiert mit den Ansichten zum und über dem Marxismus dann, wenn man ihn dogmatisch auf die Gegenwart bezieht, anstatt ihn als Anleitung zum Handeln zu betrachten, wie es ja Marx und Engels selbst auch wollten. Man müßte sich in diesem Zusammenhang die Frage vorlegen, ob uns heute Plato und Aristoteles, Kant und Hegel in der Philosophie und Äschylos, Euripides, Sophokles sowie Lessing, Schiller und Goethe in der Literatur nichts mehr zu sagen haben. Das würde wohl jeder verneinen.

Genauso muß man sich zu Marx und Engels stellen, zu dem von ihnen ausgearbeiteten historischen Materialismus und zur Politischen Ökonomie des Kapitals, auch wenn groteskerweise Linke oder Dogmatiker einer schwindenden Arbeiterklasse noch revolutionäre Potenzen zuschreiben und meinen, Marx’ und Engels’ Auffassungen seien insgesamt heute noch ohne Abstriche zu akzeptieren, wie zu ihrer Zeit, weil Kapitalismus geblieben sei. Die Welt befindet sich in ständiger Entwicklung und Veränderung. Damit werden auch die Ansichten über diese Welt, ganz gleich von welchem Großen sie auch ausgesprochen wurden, auf den Prüfstand zu stellen sein.

Ich schrieb einmal: „Nun gilt es, aufbauend auf die Ergebnisse von Marx und seinen Untersuchungsmethoden den Kapitalismus von heute zu durchleuchten. Das Gleiche gilt für Werke zur Geschichte und Zeitgeschichte aus der Feder von Marx und Engels. Man sollte sie nach der angewandten Methodologie befragen und sie für die Analyse der jetzt ablaufenden historischen Prozesse nutzen, um eventuelle Entwicklungswege zu erkennen.

Damit käme man möglicherweise zu einer marxistischen Methodenlehre, die es uns ermöglichen würde, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.“57


Während Marx und Engels sich auf Material zur Geschichte und solchem zur damaligen Wirklichkeit stützen, sollte man versuchen, mit dem Rüstzeug von Marx und Engels bestimmte Erscheinungen der jüngsten Vergangenheit und heutiger Gegenwart auch der außereuropäischen Teile der Welt zu analysieren und versuchen zu erkennen, wo sich eventuell Wege zur Gestaltung der Zukunft abzeichnen.


Angesichts der Fragestellung, ob es zu einem Absturz der Menschheit in die Barbarei kommt, oder nicht, hat heute die Frage nach dem Gegensatz von Arm und Reich eine enorme Bedeutung. Ist dieser Gegensatz möglicherweise die Triebkraft der Geschichte oder bildet sich aus den Arbeitslosen etwa eine neue Klasse? Es wäre besser, diese Problematik aufzuhellen, statt europazentriert unter Einbeziehung auch Nordamerikas die im Tertiärsektor Tätigen anstelle der Arbeiterklasse von einst zu setzen und mit Hilfe ökonomischer Theorie versuchen zu wollen, einerseits mittels eines schematisch kopierten Marx die Welt mit einer neuen Theorie zu beglücken, in der man Marx’schen Denkfehlern, wie man meint, nachspürt und den daraus entspringenden Konsequenzen nachspürt. Die Welt entwickelt sich weiter und wird sich dann kaum mehr um solche Theorien kümmern.


© Wolfgang Bernhagen, Berlin 1998



Anmerkungen


1 Vgl. Jürgen Kuczynski, Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997, S. 40.

2 Vgl. Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974. S. 62 zitiert nach Jürgen Kuczynski, Vom Zickzack der Geschichte, Letzte Gedanken zu Wirtschaft und Kultur seit der Antike, Köln 1996, S. 113.

3Vgl. Peter Alheit, Zivile Kultur, Verlust und Wiederaneignung der Moderne, Frankfurt, New York 1994, S. 300.

4Vgl. Erick Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München, Wien 1995, S. 720. Zu den Anmerkungen 3) und 4) vgl. auch Jürgen Kuczynski, Vom Zickzack der Geschichte, a.a.O., S. 101ff. und S. 116.

5Vgl. Robert Heilbronner, Kapitalismus im 21. Jahrhundert, München, Wien 1994, S. 128.

6Vgl. Robert Heilbronner, a.a.O., S. 131.

7Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. 1, Berlin 1952, S. 42

8Vgl. Friedrich Engels, Einleitung zu Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. 1, Berlin 1952, S. 110.

9Vgl. Ernst Lohoff, Das Ende des Proletariats als Anfang der Revolution, in: Krisis, Zeitschrift für revolutionäre Theorie, Heft 10, Erlangen 1991, S. 83.

10Vgl. W. I. Lenin, Über unsere Revolution, in: W. I. Lenin, Werke, Band 33, August 1921 - März 1923, S. 464.

11Vgl. W. I. Lenin, a.a.O., S. 464f.

12Vgl. W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Moskau 1947, S. 636 und 792f.

13Vgl. Adam Schaff, Ökumenischer Humanismus, Salzburg 1992, S. 62.

14Vgl. Erinnerungen von Marschall Georgi Shukow. Aufgezeichnet von Konstantin Simonow, in: Gerd Meyer (Hg.), Wir brauchen die Wahrheit. Geschichtsdiskussion in der Sowjetunion. Zweite überarbeitete Auflage, Köln 1989, S. 229. Kleine Bibliothek, Politik und Zeitgeschichte, 448

15Vgl. Herbert Wolf, Hatte die DDR eine Chance? Hamburg 1991.

16Vgl. Milovan Djilas, Gespräche mit Stalin, Frankfurt/Main 1962, S. 162.

17Vgl. André Gorz, Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus, Frankfurt/Main 1967, S. 63. Sammlung „res novae“, Veröffentlichungen zu Politik, Wirtschaft, Soziologie und Geschichte, Band 51.

18Vgl. André Leisewitz, Klassen in der Bundesrepublik Deutschland heute, Frankfurt/Main 1972, S. 79. Marxistische Taschenbücher, Reihe Marxismus aktuell.

19Vgl. Wirtschaftspolitik, Bonn 1990, S. 295, Schriftenreihe Bd. 292, Studien zur Geschichte und Politik. Bundeszentrale für politische Bildung.

20Vgl. Schul-Bank, Informationsdienst für Schule und Lehrer 7/93, Bundesverband deutscher Banken, Informationsblatt.

21Vgl. Jürgen Kuczynski, Letzte Gedanken? Zu Philosophie und Soziologie, Geschichte, Wissenschaft, schöne Literatur und zum Problem der deutschen Intelligenz, Köln 1995, S. 59

22Vgl. Adam Schaff, Mein Jahrhundert. Glaubensbekenntnisse eines Marxisten, Berlin 1997. S. 104

23Vgl. Adamm Schaff, Ökumenischer Humanismus, a.a.O., S. 80.

24Vgl. Kurt Fritsch (Hg.), Klasse, Demokratie, Aktion, Arbeiterpartei und Organisation in den neunziger Jahren. Düsseldorf 1988, S. 59.

25Vgl. Adam Schaff, Ökumenischer Humanismus, a.a.O., S. 80.

26Vgl. Arnold Esch, Zeitalter und Menschenalter, in: Zeitalter und Menschenalter. Der Historiker und die Erfahrungen vergangener Gegenwart, München 1994., S. 17.

27Vgl. Marc Bloch, Apologie der Geschichte oder der Beruf des Historikers, Herausgegeben von Lucien Febvre, Stuttgart 1992, S. 54.

28Vgl. Adam Schaff, Ökumenischer Humanismus, a.a.O., S. 41.

29Vgl. Adam Schaff, Mein Jahrhundert, a.a.O., S. 120.

30Vgl. Louis Baudin, Der sozialistische Staat der Inka, Hamburg 1956. Rowohlts deutsche Enzyklopädie, Bd. 16, Sachgebiet Ethnologie.

31Vgl. Peter Claus Hartmann, Der Jesuitenstaat in Südamerika 1609 - 1768. Eine christliche Alternative zum Kommunismus und Marxismus, Weißenborn/Bayern 1994. S. 15.

32Vgl. Adam Schaff, Mein Jahrhundert, a.a.O., S. 119.

33Vgl. Kibbuzhandbuch. Leben und Arbeiten im Kibbuz und Moshav. Hinweise für Volunteers, Stuttgart o.J., S. 14f.

34Vgl. Philip S. Foner , Reinhard Schultz, Das andere Amerika. Geschichte, Kunst und Kultur der amerikanischen Arbeiterbewegung. 3. Aufl., Berlin 1986, S. 53f.

35Vgl. Franziska Bollery, Architekturkonzeptionen der utopischen Sozialisten. Alternative Planung für den gesellschaftlichen Prozeß. Überarbeiteter Nachdruck der Erstausgabe von 1972, Berlin 1991, S. 107

36Vgl. Robert Heilbroner, a.a.O., S. 128.

37Vgl. Robert Heilbroner, a.a.O., S. 129.

38Vgl. Hans Peter Martin, Harald Schumann, Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Reinbeck bei Hamburg 1996, S. 70.

39Vgl. Hans Peter Martin, Harald Schumann, a.a.O., S. 276.

40Vgl. Entsprechende Artikel in den Zeitschriften Konkret, Heft 1 und 2, 1997. Gegenstandpunkt, Heft 4, 1996. Soz, Magazin Nr. 14/15, Sommer 1994. Bahamas, Heft Nr. 13, Frühjahr 1994.

41Vgl. Neues Deutschland vom 11/12.6.1994, Robert Kurz: Überlegungen zu einer Transformation des warenproduzierenden Systems

42Vgl. Neues Deutschland vom 18./19.6.1994, Robert Kurz: Die Wüste lebt.

43Vgl. Volker Hildebrandt, Der dritte Sektor. Wege aus der Arbeitsgesellschaft, in: Krisis, Nr. 19, 1997, S. 147.

44Vgl. Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt, New York 1995, S. 181.

45Vgl. Jeremy Rifkin, a.a.O., S. 213.

46Vgl. Siegfried Kracauer, Die Angestellten. Erstveröffentlichung 1929 in der Frankfurter Zeitung, Frankfurt/Main 1971, S. ?, Suhrkamp Taschenbuch 13.

47Vgl. Siegfried Kracauer, a.a.O., S. 13.

48Vgl. Mark Siemons, Jenseits des Aktenkoffers. Vom Wesen des neuen Angestellten, München, Wien 1997, S. 16f.

49Vgl. Adam Schaff, Ökumenischer Humanismus, a.a.O., S. 75f.

50Vgl. Adam Schaff, Mein Jahrhundert, a.a.O, S. 215.

51Vgl. Robert Kurz, der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie, Frankfurt/Main 1991, S. 74.

52Vgl. Robert Kurz, a.a.O., S. 89.

53Vgl. Robert Kurz, Die verlorene Ehre der Arbeit, in: Krisis, Heft 1, S. 29.

54Vgl. Marc Bloch, a.a.O., S. 64.

55Vgl. Adam Schaff, Ökumenischer Humanismus, a.a.O., S. 52f.

56Vgl. Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung, a.a.O., S. 263.

57Vgl. Wolfgang Bernhagen, Zum Artikel: Gegenwart und Perspektiven eines kritischen Marxismus von Hartmut Krauss in Nr. 42 von sechs/90 in: Sechs 90, Dezember 1994, Nr. 43. Herausgeber: Die Nelken, Maristische Partei c/o. Vereinigte Linke, S. 21.











 

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