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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Der Selbstmordartikel von Marx und sein Geschick

Eric A. Plaut, Kevin Anderson (Hrsg.): Karl Marx: Vom Selbstmord. Mit einem Vorwort von Michael Löwy. Neuer ISP Verlag, Köln 2001. 118 Seiten

Karl Marx’ hier nachgedruckter Artikel "Peuchet: Vom Selbstmord" ist seine einzige Veröffentlichung zum Thema Suizid. Er erschien ursprünglich Anfang 1846 in dem Monatsblatt "Gesellschaftsspiegel. Organ zur Vertretung der besitzlosen Volksklassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart", das Moses Heß und Friedrich Engels in Elberfeld herausgaben. Obwohl er nur 23 Seiten umfasst, ist der Artikel bedeutsam. Zugleich ist er trotz der Tatsache "typisch Marx", dass lediglich der Vorspann und einige kommentierende Sätze von ihm stammen. Alles andere sind Auszüge aus Erinnerungen des Pariser Polizeiarchivchefs Jacques Peuchet (1758-1830), der vordem u. a. als kurzzeitiger Anhänger der französischen Revolution, dann als royalistischer Zeitungsmann und Zensor, aber auch als einer der ersten Statistiker hervorgetreten war. Ebenfalls als erster soll er den Begriff "Bürokratie" verwendet haben. Durch eine seiner Geschichten in den Memoiren regte er Alexandre Dumas zum Roman "Der Graf von Monte Christo" an.

Entgegen späteren, für den Vulgärmaterialismus sozialdemokratischer wie Stalinscher Prägung typischen Verfahrensweisen preist Marx im Vorspann zu den Peuchet-Exzerpten die französische Gesellschaftskritik des 19. Jahrhunderts gerade deshalb, weil sie "die Widersprüche und die Unnatur des modernen Lebens nicht nur an den Verhältnissen besonderer Klassen, sondern an allen Kreisen und Gestalten... nachgewiesen" habe, "und zwar in Darstellungen von einer unmittelbaren Lebenswärme, reichhaltigen Anschauung, weltmännischer Freiheit und geisteskühner Originalität, wie man sie bei jeder andern Nation vergebens suchen wird". Bei Schriftstellern wie Peuchet erscheine "die Kritik der bestehenden Eigentums-, Familien- und sonstigen Privat-Verhältnisse... als das notwendige Ergebnis ihrer politischen Erfahrungen". (S. 55) Obwohl der Autor den Anschauungen von Marx überwiegend fern stand, stimmte dieser mit dessen Einstellung zur bürgerlichen Gesellschaft und deren Unmenschlichkeit weitgehend überein und überließ ihm in dem Artikel vielfach allein das Wort. So im Hinblick auf Peuchets Erkenntnis, die französische Revolution habe "nicht alle Tyranneien gestürzt; die Übel, die man den willkürlichen Gewalten vorgeworfen hat, bestehen in den Familien" weiter. Die häufig von dieser, überwiegend patriarchal bestimmten Institution mit verursachten Selbstmorde seien "nur eins der tausend und ein Symptome des allgemeinen, immer auf frischer Tat begriffenen sozialen Kampfes". (S. 60)

Ausführlich gibt Marx die von Peuchet geschilderten Suizidfälle junger Frauen wider. In seinen spärlichen Kommentaren geht er über den Verfasser hinaus und wird wesentlich deutlicher. So bemerkt er zum Fall einer von ihren Eltern in den Tod gehetzten Schneiderstochter: "Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Mißbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen." (S. 62) Zu einem anderen Fall, in dem ein missgestalteter, eifersüchtiger Ehemann den Selbstmord seiner Frau verursachte, schreibt Marx, der Code Civil und das Eigentumsrecht gestatteten diesem, sie ebenso wegzuschließen, wie der Geizhals seinen Geldkoffer, "denn sie bildet nur einen Teil seines Inventariums". (S. 66) Seine Grundauffassung auch in diesen Fragen lautet, "daß außer einer totalen Reform der jetzigen Gesellschaft" – gemeint ist sicher mehr als eine Reform – "alle andern Versuche vergeblich sein würden". (S. 60)  
Die Herausgeber haben Marx’ Artikel Peuchets Memoiren-Kapitel "Du suicide et de ses causes" (Über den Selbstmord und seine Ursachen) hinzugefügt. Zudem enthält der  Band Würdigungen Michael Löwys und des Soziologen Anderson, der den Artikel im Kontext Marxscher Auffassungen über Entfremdung und Geschlechterverhältnisse behandelt. Der Mediziner Plaut vergleicht Selbstmordtheorien von Peuchet/Marx mit denen des Psychoanalytikers Freud und des Soziologen Durkheim. Sein Versuch, Marx’ Theorie mit auf frühere Todesahnungen und spätere Suizide in dessen Familie zurückzuführen, ist nicht überzeugend.

Publikationen haben ihre Schicksale. Der "Gesellschaftsspiegel" erschien der preußischen Regierung bald so aufsässig, dass sie ihn nach dem zwölften Heft verbot. Die Moskau-Berliner "Marx-Engels-Gesamtausgabe" (MEGA), in welcher der Artikel 1932 in Band 1.3 zum zweiten Mal erschien, wurde wegen ihrer in Stalins Sicht destruktiven Tendenzen abgewürgt und Herausgeber Rjasanow liquidiert. In der DDR-Werkausgabe ist der Selbstmord-Artikel gleich anderen Frühschriften nicht enthalten. Das nun vorliegende kleine Buch bereichert unsere Kenntnisse.

Erwähnenswert ist auch ein Ereignis aus unseren Tagen. Am 29. 10. 2001 nahm die Münchner Flughafenpolizei den britischen Schriftsteller pakistanischer Herkunft Tariq Ali als des Terrorismus verdächtigen Mann fest. Sie entdeckte das Selbstmord-Buch von Marx bei ihm, beschlagnahmte es als "Beweismittel" und ließ wissen, seit dem 11. September könne man "mit solchen Büchern nicht mehr verreisen". Angesichts von "Antiterror"- und Kriegshysterie sowie Minister Schilys "Sicherheitspaketen" konstatierte Tariq Ali, vielleicht sei sein Erlebnis "eine kleine Kostümprobe zu dem (gewesen), was noch kommt".

Manfred Behrend, Berlin 2001








 

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