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Beiträge zur Theorie  










Athanasios Karathanassis

Rezension:
Michel Aglietta: Ein neues Akkumulationsregime.

Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand. *

Im Folgenden geht es darum, wesentliche Argumentationslinien Agliettas herauszuarbeiten und zu kritisieren, die bisherige postfordistische Entwicklungen thematisieren sowie weitere Perspektiven aufzeigen. Da eine Vielzahl von Agliettas Positionen einer umfassenden Kritik bedürfen - was m.E. den Rahmen eines Artikels überschreiten würde - bleiben diese hier unrezensiert. Ich konzentriere mich deshalb im Folgenden auf einige wesentliche Punkte.

Aglietta strukturiert den Inhalt dieses Buches in zwei Hauptteile. Den ersten  Teil überschreibt er mit dem Titel "Der Kapitalismus an der Jahrhundertwende. Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand der Krise." Der zweite Teil  heißt "Der Kapitalismus von morgen." Diese Strukturierung in einer chronologischen Folge wird von ihm allerdings nicht stringent durchgehalten. Insbesondere Abschnitte, in denen er Globalisierungsprozesse thematisiert finden sich mit identischem Inhalt sowohl im ersten, wie auch im zweiten Teil wieder, so dass zum Teil unklar bleibt, was seiner Ansicht nach schon jetzt existiert oder noch kommen wird.

Im ersten Teil beginnt er mit einem Anriss einer theoriegeschichtlichen Entwicklung von homogenen zu heterogenen Ansätzen der Wirtschaftswissenschaften, um aus diesem Kontext den regulationstheoretischen Ansatz als einen der gesellschaftlichen Praxis entsprechenden heterogenen Ansatz zu legitimieren. Dieser muss aufgrund seiner Kürze nur sehr allgemein und oberflächlich bleiben, knüpft aber an die schon in den 70er und 80er Jahren erar­beiteten Analysen der Regulationstheorie an, in denen die Kontinuität kapitalistischer Prozesse als zeitlich und räumlich variable Prozesse von Umbrüchen erkannt wurden.

Der Regulationsansatz ist seiner Sicht nach "von heterogenen ökonomischen Prozessen betroffen, in denen sich Notwendigkeit und Zufälligkeit, Last der Vergangenheit und Neugeschaffenes vermischen." "Er handelt von Prozessen, die auftauchen, sich neu bilden und vergehen - unter der Wirkung ungleicher Entwicklungskräfte, die dem Kapitalismus inhärent sind."(11)

Auf Grundlage dieser Einführung folgen Wiederholungen fordistischer Wesensmerkmale, die sich durch das gesamte Buch ziehen. Der soziale Zusammenhalt des Fordismus wurde nach Aglietta durch sozialen Fortschritt verbunden mit Einschränkungen der Kapitalakkumulation erreicht. Eine hohe Produktivkraftentwicklung ermöglichte ein Steigen der Löhne, die die Binnennachfrage erhöhte und so Massenkonsum erzielte. Dieses führte wiederum zu Investitionssteigerungen, so dass sich endogenes Wachstum entwickeln konnte. „Das Herzstück der Regulation bestand in der Herstellung der Kohärenz zwischen den schnellen Produktivitätsfortschritten, der Expansion der Realeinkommen und der Stabilität der Verteilung“(32) u.a. durch antizyklische Sozialtransfers. Zentrale Vermittlungsinstitutionen, insbesondere der Staat, sorgten so für eine „Bindung an die Logik der Ökonomie“(39).[1]

Zumindest fragwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass die von Aglietta so bezeichnete „Einschränkung der Kapitalakkumulation“(27) unkonkret und ohne weitere Ausführung bleibt. Wenn er damit ein Sinken der Profitmasse oder Profitrate während der Phase des Fordismus impliziert, so muss dem widersprochen werden, da insbesondere in dieser Phase überdurchschnittliche Produktivkraftsteigerungen gepaart mit der Ausweitung der Lohnarbeit die Profite erheblich erhöhten[2] und dem Fall der Rate erfolgreich entgegengewirkt wurde. Fordistische Entwicklungen standen demnach trotz der Steigerung der Löhne im Einklang mit den allgemeinen Interessen der Kapitalverwertung. Die von Aglietta gewählte Formulierung der Einschränkung der Kapitalakkumulation, die ohne empirische oder theoretisch-analytische Fundierung bleibt, suggeriert hier das Gegenteil.

Die Entwicklung aktueller Globalisierungsprozesse beschreibt Aglietta anschließend allgemein und verharrt dabei zumeist auf der deskriptiven Ebene. Sie wurzelt nach Aglietta „in der Transformation der internationalen Arbeitsteilung“(44), da diese durch eine Verallgemeinerung der Lohnabhängigkeit in nicht-westlichen Gesellschaften neue Perspektiven des Profits eröffnet.(41) Die Dezentralisierung der Produktionsprozesses und die damit gewonnene Mobilität des Kapitals setzt die sozialen Systeme hierbei einem nationalen Wettbewerb aus, was u.a. zur Desintegration sozialer Bindungen führt. Die Ausbreitung des internationalen Wettbewerbs u.a. im öffentlichen Transportsektor, in der Kommunikationstechnologie, der Informationssysteme oder der Finanzdienstleistungen sind charakteristisch für diese globalen Veränderungen. Die im Fordismus im nationalen Rahmen regulierten Bereiche werden nun verstärkt einer globalen Konkurrenz ausgesetzt.

Aglietta kristallisiert am Lohnverhältnis - einer zentralen Kategorie der fordistischen Regulation - einen Unterschied des aktuellen Akkumulationsregimes zum fordistischen heraus. Da das diesbezügliche Interesse der globalisierten Firmen nicht mehr mit dem ihrer Herkunftsnationen übereinstimmt, hat die Globalisierung der Unternehmen das Zerbrechen der Lohnstrukturen stark beschleunigt. Das Ergebnis der „Umgestaltung der Beschäftigungsstruktur ist ein Übermaß an Ungleichheiten: eine extreme Individualisierung der Löhne und uneinheitliche Verhältnisse für Lohnabhängige mit gleicher Qualifikation und im gleichen Sektor.“(57)

Das von ihm in diesen Zusammenhängen so bezeichnete nationale Interesse wird hier, wie auch im weiteren Verlauf kaum konkretisiert bzw. differenziert[3].

„Mit der Abschwächung der dynamischen Beziehung zwischen Produktivität, Einkommen und Beschäftigung ist der Mehrwert, auf dem die sozialen Transfers berechnet wurden, seit den 70er Jahren langsamer gestiegen. Gleichzeitig nahmen die Transferbeiträge, die sich aus den geltenden sozialen Regeln ergaben, mit der wachsenden Arbeitslosigkeit weit schneller zu.“(60) Das hatte zur Folge, dass die öffentliche Schuldenlast zunahm und als Finanzierung dieser krisenhaften Entwicklung die Transformation des Finanzsystems dienen sollte. Deregulierungsmaßnahmen um den Staat finanziell zu entlasten folgten.

Der von ihm formulierte Zweck einer Regulation, nämlich der soziale Zusammenhalt unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen geriet so in eine Krise, da die Entsprechung zwischen Produktivität und Verteilung in einem nationalen Rahmen nicht mehr gewährleistet ist.

„Das Zusammenspiel der Vermittlungen, die den empfindlichen Kompromiss zwischen den privaten Interessen und dem sozialen Zusammenhalt aufrecht erhielten, wurde zerschlagen zugunsten der Entfaltung von privaten Interessen, die im weltweiten Raum toben. Der Kapitalismus setzt ganze Gesellschaften und ihre Einwohner dem Wettbewerb aus, ohne noch den Zwängen zu unterliegen, die zuvor die Akkumulation von Kapital zum sozialen Fortschritt hinlenkten.“(47)

In regulationstheoretischen Termini lässt sich demnach dieses von ihm hier zumeist skizzenhaft dargestellte Phänomen postfordistischer Veränderungen verallgemeinern: Ein neues globales Akkumulationsregime korrespondiert nicht mehr mit alten national dominierten Regulationsweisen. Hierbei sieht er durch eine Krise der sozialen Absicherungssysteme den sozialen Zusammenhalt gefährdet, da  „ein Regulationsmodus nur solange besteht, wie die Vermittlungen, die seinen Zusammenhalt gewährleisten, miteinander vereinbar sind.“(22)

Eine Regulationsweise bezeichnet er als „eine Gesamtheit von Vermittlungen, die die von der Kapitalakkumulation hervorgerufenen Verwerfungen so eingrenzen, dass sie mit dem sozialen Zusammenhalt innerhalb der Nationen vereinbar sind.“[4](11)

Agliettas Regulationsweise hat demnach nicht zum Ziel, die von ihm so bezeichneten Verwerfungen zu beseitigen, sondern soweit zu begrenzen, dass die im Fordismus in den OECD-Staaten entstandenen Kompromisse zwischen den Lohnabhängigen und VertreterInnen des Kapitals innerhalb einer Nation erhalten bleiben.

Eine aktuelle zentrale Aufgabe der Regulationstheorie besteht für Aglietta nun darin, postfordistische Veränderungen dahingehend zu untersuchen, welche Veränderungen eine Regulationsweise annehmen muss, um auf Grundlage eines sich wandelnden Akkumulationsregimes ein kohärentes kapitalistisches System zu ermöglichen, d.h. der durch Globalisierungsprozesse verursachten bisherigen Desintegration der Arbeiterschaft entgegenzuwirken. Konfligierende soziale und ökonomische Interessen innerhalb kapitalistischer Gesellschaften werden hierbei grundsätzlich nicht auf Klassenverhältnisse bezogen, sondern vielmehr auf das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft fixiert.

Als Reaktion auf diese Krise des Fordismus -d.h. u.a. eine regional und zeitlich unterschiedliche Verlangsamung des Wachstums- wurde der Finanzsektor eine wichtige postfordistische makroökonomische Regulationskomponente. Er ist nach Aglietta als wesentliche Vermittlung für die Kapitalakkumulation durch drei Funktionen bestimmt:

1.      Die Produktion und Verbreitung von Information.

Hierbei besteht seiner Ansicht nach die Gefahr einer selbstreferenziellen Finanzlogik, in der sie Informationen aus den Informationen herstellt und so die Gefahr einer von den realen Produktionsprozessen lösgelösten Spekulation entsteht.

2.      Die Bewertung der Finanzvermögen und

3.      Die Kontrolle des Gebrauchs von Spargeldern.

Diese vorherrschende Vermittlung bei der Errichtung eines neuen Akkumulationsregimes beschreibt Aglietta folgendermaßen: „Untereinander abhängige Marktsegmente bilden zusammen einen Großmarkt der weltweiten Liquidität. Dort werden Devisen getauscht, Profile der Risiken und Fälligkeiten von Wertpapieren umgestaltet, die Schranken zwischen bankgeschäftlichen und nichtbankgeschäftlichen Aktivitäten niedergelegt. Diese mikroökonomischen Innovationen haben spektakuläre makro­ökonomische Auswirkungen. Es entsteht eine Vielzahl von finanziellen Abhängigkeiten zwischen den Ländern durch die ... (Ausnutzung von Kursunterschieden im Börsengeschäft –d. Verf.), der Zinssätze, die Devisenspekulationen sowie internationalen Schuldner- und Gläubigerstellungen. Diese finanzielle Konstellation breitet sich in dem Maße, wie neue kapitalistische Länder ihre Währung konvertibel machen und ihre Finanzsysteme deregulieren, über die Welt aus.“(51) Die relative Bedeutung der realen Produktionsströme nimmt demnach im Verhältnis zu den z.T. nur virtuellen Finanzaktivitäten ab.

Die Fundamente eines neuen Akkumulationsregimes sind für Aglietta nun „die Vorherrschaft der Konkurrenz, die Unternehmenskontrolle durch die institutionellen Anleger, das bestimmende Kriterium des Profits und die Kapitalisierung an der Börse.“(66)

Diese Art der Aussage ist signifikant für wesentliche Teile des Buches. Allgemeinste Grundsätze, die durch ihre immense Tragweite der Ausführung bedürfen, bleiben zumeist -wie hier- eine Art Selbstverständnis ohne weitere Ausführung.

Da Unternehmen aus Agliettascher Sicht immer weniger durch eigene Organisation, sondern durch die Renditeerwartung von Pensionsfonds bestimmt werden, versuchen sie diesem Druck durch Investitionen in Technologien, die insbesondere die ungelernte Arbeit ersetzen, zu verringern.(69)

Aglietta sieht in diesem Zusammenhang folgende Regulationsprinzipien als charakteristische an, und formuliert nach der Beschreibung allgemeiner postfordistischer Zusammenhänge verstärkt Ansätze zur Aufrechterhaltung eines kohärenten sozialen Systems innerhalb eines globalisierten Kapitalismus:

-         „das Übergewicht der finanziellen Bindung also der Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmerschaft und ihrer Teilnahme am Eigentum, spiegelt sich in stärkeren Lohndifferenzierungen wider;

-         die Regeln der Einkommensverteilung orientieren sich nicht mehr an der volkswirtschaftlichen Branchenstruktur, sondern an den transnationalen Unternehmen ...;

-         das Kriterium der Eigenkapitalrendite unter dem Druck der finanziellen Globalisierung tritt an die Stelle der aus Verhandlungen hervorgehenden Verteilung der Produktivitätsgewinne nach den nationalen Normen des Anstiegs der Reallöhne.“(69)

Die bisher von Aglietta skizzierten Entwicklungsverläufe bedürfen seiner Ansicht nach einer sozialen Korrektur, die lediglich darin liegen kann „die gemeinschaftlichen Fundamente des Produktivitätszuwachses zu errichten, um hoch bezahlte Arbeit zu hohen Preisen zu verkaufen“.(70) Da aber nun „die gemeinschaftlichen Quellen der Produktivität durch die Unternehmen mit dem Ziel der Kapitalakkumulation ausgebeutet werden, ohne von ihnen in großem Umfang selbst geschaffen zu sein, kommt den Staaten eine große Verantwortung zu.“(71) Worin bestehen nun für Aglietta diese Verantwortung der Staaten?

Wesentliche Staatsaufgaben bestehen für ihn darin, eine Kombination von öffentlicher und privater Finanzierung zu initiieren, „um eine latente Nachfrage zahlungsfähig zu machen, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen führt“(73) sowie als investierender Staat u.a. durch Engagement „in Ausbildung, Pflege und Erneuerung von menschlichen Ressourcen“(73) einen Beitrag zum Wachstum zu leisten, wobei „keine Investition ohne Evaluierung der Wirtschaftlichkeit“(73) getätigt werden sollte. Er befürwortet desweiteren den Staat in seiner antizyklischen Verantwortlichkeit „im Rhythmus des technischen Fortschritts“(74) zur „Verbesserung der Qualität und Flexibilität der Beschäftigungen ..., die nach erhöhten Wachstumsraten strebt.“(74)

Diese von ihm vorgeschlagenen Regulationsprinzipien sollen vereinbar sein mit einer globalisierten Ökonomie und sollen die seit den 80erJahren sich ausweitenden Ungleichheiten und Schwächungen der Solidarität beseitigen.

Die Bürger des neuen Akkumulationsregimes sollen hochproduktive Arbeit leisten und im Gegenzug von Seiten der Nation hochwertige Lebensbedingungen bereitgestellt bekommen, u.a. mit dem Ziel, durch diesen sozialen Fortschritt die Nation zu stärken, „damit sie sich die Möglichkeiten des globalen Kapitalismus zunutze machen kann.“(79) Der Gefahr der hierbei von ihm gesehenen Ausgrenzung soll trotz Verwirklichungsschwierigkeiten durch eine Art gesellschaftlichen Minimalkonsens eines moralischen Imperativs der Bürger und eines kategorischen Imperativs des Staates begegnet werden. Aglietta kommt so zu seinem institutionellen Fixpunkt des neuen Regulationsmodus. Dieser ist „im Herzen eines erneuerten sozialdemokratischen Projektes angesiedelt.“(79) Eine „Umgestaltung der Struktur der Besteuerung, mit dem auch die Tätigkeiten mit dem niedrigsten Grenznutzen[5] rentabel gemacht werden können“(81) sollte hierbei ebenso ein zentralen Projekt sein, wie die Existenz eines garantierten Mindesteinkommens.

Dem Staat kommt so eine entscheidende Rolle zu, „damit das neue kapitalistische Akkumulationsregime die Arbeitsgesellschaft wieder auf den Weg des sozialen Fortschritts bringt.“(85)

Fordistische Wesensmerkmale sollen also auch im neuen Akkumulationsregime zur Lösung sozialer Probleme angewendet werden: Zum einen ein erneuter Zuwachs der Produktivität, um das Wachstum zu steigern, und zum weiteren ein zwar modifizierter aber immer noch starker Staat.

Agliettas Veränderungsvorschläge zielen demnach –trotz der von ihm erkannten Ausbeutungsqualitäten- nicht darauf ab, kapitalistische Akkumulation als solche in Frage zu stellen. Im Gegenteil, eine von Wachstum getragene Zunahme der Durchkapitalisierung der Gesellschaft gepaart mit einer modifizierten „Sozialstaatsvariante“ soll zukünftige Perspektiven aufzeigen.

Allein diese Passagen in Agliettas Buch liefern Anlass zu einem Ausmaß an Kritik, die hier nicht angemessen bearbeitet werden kann. Aus diesem Grund deute ich im Folgenden lediglich eine Kritik an der hier formulierten Produktivkraftentwicklung so wie am Agliettaschen Staatsverständnis an.

Zur Produktivkraftentwicklung: Sie scheint hier, wie auch im weiteren Verlauf für Aglietta eine Kategorie zu sein, die frei ist von jeglichen ökologischen und sozialen Implikationen. Er ignoriert somit objektive Zusammenhänge zwischen Natur und Ökonomie[6] sowie zwischen den Staaten der OECD und den Staaten des Trikonts. Trotz der Evidenz eines notwendigen Zusammenhangs zwischen Produktivkraftsteigerung, Wachstum, Entropie[7], Stoffverbräuchen, Schadstoffen und Naturzerstörung ignoriert Aglietta diesen.[8] Er plädiert demnach für eine Ökonomie, die durch ihre inhärente Logik naturdestruktiv ist und befürwortet so implizit ein Zusammenspiel von kapitalistischer Ökonomie und Staat, welches Natur entsprechend der kapitalistischen Logik einer Endlosverwertung als ewige Quelle von Stoffen und Senken von Schadstoffen ansieht. Ebenso bleibt die Problematik einer möglichen Überproduktion unberücksichtigt.

Vergleichbar hierzu ist seine Ignoranz der globalökonomischen Beziehungen zwischen Kern und Peripherie. Globalökonomische Beziehungen sind im Fordismus wesentlich durch eine Struktur von Rohstoffexport- und Industrienationen geprägt. Arrighi konstatierte schon 1991 eine Divergenz der Bruttosozialprodukte der beiden o.g. Staatengruppen[9] u.a. mit den Folgen massiv sich verfestigender Armut in den Staaten des Trikonts. Wesentliche Ursachen hierfür liegen demnach auch in der globalökonomischen Struktur, da die Massenproduktion des Fordismus mit steigender Produktivkraft steigenden Zugriff auf Rohstoffe erforderte und diese Nationen in der globalökonomischen Struktur als Rohstoffexporteure asymmetrisch festigten. Eine identische Praxis der erneuten Erhöhung der Produktivkraft zur Wachstumssteigerung in den OECD-Staaten hat bisher und würde im neuen Akkumulationsregime Agliettascher Prägung diese Tradition der Ausbeutung der Trikontregion fortsetzen[10].

Zum Agliettaschen Staatsverständnis: Weist sein Staatsverständnis einerseits erhebliche Parallelen zum fordistischen Staat auf, wie z.B. antizyklisches Eingreifen in sozioökonomische Prozesse zur Steigerung der Nachfrage, weist es andererseits auch Charakteristika auf, die sich von ihm unterscheiden. Hervorheben möchte ich hierbei zwei Komponenten: Die unmittelbarere Rückgebundenheit staatlicher Investitionen an ökonomische Rentabilitätskriterien, so dass der neue „Sozialstaat“ primär zum Erfüllungsgehilfen allgemeiner Kapitalinteressen wird. Zum weiteren die Betonung einer Stärkung des Nationalen. Der Begriff wird zumeist in skizzenhaften und allgemeinen Zusammenhängen zu globalisierten Wettbewerbsbedingungen der global agierenden Unternehmen verwendet, in der die Stärkung der Nationen im Zusammenhang zur Bewahrung sozialer Standards thematisiert wird. Die Nationen existieren so im Kontext globaler Konkurrenzverhältnisse als bedrohte und zumindest nach außen zu schützende Wirtschaftsstandorte. Die in diesem Kontext bestehende Gefahr des Aufkommens nationalistischer Tendenzen mit ihren Folgen wird ebenso ignoriert, wie die zuvor genannten Bereiche.

Nach diesem u.a. die Natur und den Großteil der Weltbevölkerung ignorierenden Plädoyer für Wachstum und Sozialstaat in den bisher fordistischen Regionen der Welt, beginnt Aglietta den zweiten Teil seines Buches. Er thematisiert hier erneut in zumeist zeitlich unbestimmter Abfolge das unter dem Einfluss der Globalisierung von ihm so genannte ‚neue Akkumulationsregime’ sowie die Perspektiven einer neuen Regulationsweise mit seinem Zentrum, dem Staat.

Die aus der Arbeitsteilung hervorgehende Globalisierung und die technischen Fortschritte erhöhen also die Produktivität. Die „Mobilität der Faktoren“(88) führt hierbei zur Maximierung des Gesamtprofits, wodurch Unternehmen eine Wettbewerbsfähigkeit erlangen, „... die sie von den Nationen, in denen sie entstanden sind, ablöst. Auf diese Weise geraten die nationalen sozialen Systeme, die nicht in den Globalisierungsprozess eingebunden sind, unter Wettbewerbsdruck“(88) Parallel hierzu haben Investitionen in die Unternehmensorganisation das Ziel u.a. durch die „Auslagerung von Dienstleistungen und Umwandlung hierarchisierter Strukturen in multifunktionale Einheiten, die durch Informationsnetze miteinander verbunden sind“(89) Produktionskosten zu senken. „All diese Veränderungen finden unter der Ägide der internationalen Aktionäre statt.“(89) Durch die systematische Reduzierung der Lohnkosten wird hierbei „die Ungewissheit über die Ergebnisse der Innovationen  und die Ansprüche der Aktionäre ... auf die Lohnabhängigen abgewälzt.“(89) Die gewinnabhängigen Lohnbestandteile wachsen.

Aglietta bezeichnet den aus diesem neuen Akkumulationsregime resultierenden Verlust von Arbeitsplätzen zwar als Problem. Wenn aber die destruktiven Potentiale dieser Neuerungen sich erschöpft haben und ein Regulationsmodus imstande ist den Kräften der Globalisierung etwas entgegenzusetzen, kann sich „gegebenenfalls von neuem ein beständiges Akkumulationsregime etablieren und wieder von neuem eine stabile Beziehung zwischen Beschäftigung und Wachstum zum Vorschein kommen“(90) denn die Umstrukturierungen sind „Versprechen zur Produktion zukünftiger Reichtümer für die Gesamtheit einer Volkswirtschaft.“(90)

Wachstum und Profitabilität unter den Zwängen globaler Kapitalverhältnisse werden somit erneut als Maßstab und Ziel einer nun postfordistischen Gesellschaft formuliert. Offen bleibt aber nach der Beschreibung der allgemeinen ökonomischen Zusammenhänge des neuen Regimes die Konkretion der Lösung der daraus folgenden sozialen Probleme, so dass in der hier verwendeten Wortwahl Agliettas, wie z.B. gegebenenfalls oder Versprechen m.E. eine fehlende analytische Qualität zum Vorschein kommt und die Lösungsvorschläge der mit der Globalisierung auftauchenden sozialen Probleme m.E. über Hoffnungsformulierungen nicht hinauskommen.

Damit die Ziele eines erfolgreichen Kapitalismus erreicht werden, bedarf es der Erhöhung der Kapitalproduktivität nach US-amerikanischem Vorbild. Informations- und Organisationsinvestitionen sollen weiterhin die geistige Arbeit in den Dienstleistungssektoren durch erhöhte Kapitalintensität und Arbeitsproduktivität revolutionieren. Die Technologie der EDV erweitert demnach das Dienstleistungsspektrum, wodurch Lohnarbeitsplätze entstehen sollen und ein neuer ökonomischer Boom initiiert werden soll. „Die EDV-Technik intensiviert die Kopfarbeit, indem sie die verschiedenen Formen der Abstraktion der Arbeit in die gleiche logische Struktur bringt .... Dadurch wird es möglich eine Verkettung von Arbeitsabläufen ... zu organisieren, wobei technische und soziale Innovationen eng miteinander verbunden werden.“(93)

Die zunehmende Adaption von verschiedenartigen bzw. heterogenen Denkmustern an eine äußere technische und somit versachlichte Logik wird hier als neue Form der Produktivität insbesondere im dritten Sektor als Zielsetzung eines neuen Akkumulationsregimes affirmiert. Ob diese Entwicklung -ähnlich wie die Einführung der tayloristischen Arbeitsorganisation- zu einer neuen Qualität der reellen Subsumtion führt bleibt ebenso außerhalb der Agliettaschen Betrachtung, wie die Prüfung, ob durch eine Verinnerlichung von fremden Denkmustern die Gefahr einer neuen Entfremdungsqualität entstehen kann.

Eine Sättigung der Nachfrage im Dienstleistungssektor ist für Aglietta ausgeschlossen, da sie sich seines Erachtens immer weiter diversifizieren kann. Dienstleistungen sind in seinem Sinne dann auch keine reinen Waren mehr, sondern schaffen soziale Bindungen. Wachstumsgarant soll so eine Kommodifizierung des dritten Sektors, und somit eine Ökonomisierung sozialer Beziehungen nach Kriterien kapitalistischer Verwertung werden.

Selbstverständlich ist es theoretisch möglich, dass der Dienstleistungssektor sich nahezu endlos ausweiten kann, insbesondere dann, wenn es ArbeiterInnen gibt, die z.B. dafür bezahlt werden, einem die Schuhe zu putzen, die Tür aufzuhalten oder -wie Aglietta es anstrebt- bisherige klassisch familiäre Aufgaben zu übernehmen. Demnach denkt und behandelt Aglietta aber gesellschaftliche Beziehungen nur noch als marktvermittelte. Eine damit verbundene Auflösung von emotional motivierten sozialen Beziehungen, womit u.a. die Gefahr einer zunehmenden sozialen Entfremdung und Degradation menschlicher Beziehungen einhergeht, wird von Aglietta mit keinem Wort thematisiert. Ebenso bleibt offen, was mit den Menschen passiert, die sich diese Dienstleitungen nicht leisten können.

Das bisher von ihm entwickelte neue Akkumulationsregime nennt Aglietta nun, ohne durchgängig stringente Herleitung aus dem vorherigen, das Akkumulationsregime des Vermögensbesitzes. Es soll die „ausschlaggebende Rolle der Geld- und Kapitalmärkte, die den Reichtum der Haushalte bei der Bestimmung der makroökonomischen Gleichgewichte ausmachen“,(94) kennzeichnen. Signifikant für dieses Regime ist zudem die Ausweitung der Kapitalbeteiligung der ArbeitnehmerInnenschaft. So wird die Unternehmenskontrolle durch sie wesentliche Regulationsinstanz dieses Akkumulationsregimes, in der der Aktiengewinn die „Leitvariable“ der Unternehmen darstellt. Die Teilhabe der ArbeitnehmerInnenschaft an Unternehmen erzeugt zudem ein verstärktes Interesse am Kapitalwachstum. War im Fordismus die Kopplung der hohen Löhne mit der Steigerung des Massenkonsums ein wesentlicher Kohärenzfaktor der sozialen Verhältnisse, soll nun ein Interessenseinklang von Lohnabhängigen und UnternehmerInnen durch diese Teilhabe erzeugt werden.

Im Idealfall schlägt sich die erreichte Verringerung der Produktionskosten hierbei in Preissenkungen nieder. Die dadurch ermöglichte Dividendenausschüttung führt zum Anstieg der Börsenkurse. Das Wachstum der Haushaltsvermögen und das Sinken der Warenpreise führt dann zur erwünschten Konsumsteigerung, was wiederum die Dienstleistungspalette weiter diversifiziert. Als Achillesferse dieses Akkumulationsregimes nennt Aglietta beiläufig lediglich die finanzielle Instabilität.

Bei der z.T. in euphemistischer Rhetorik gehaltenen Darstellung eines zukünftigen Akkumulationsregimes, zeigt sich m.E. spätestens hier Agliettas Absicht: das Primat eines funktionierenden, global agierenden und konkurrenzfähigen Kapitalismus, der die damit verbundenen sozialen Probleme durch eine staatszentrierte Politik mit neokeynsianistischen Elementen reguliert. Die von ihm sogenannte „Achillesferse“ zielt dementsprechend auch nur darauf ab, die Funktionsfähigkeit des Kapitalismus zu thematisieren und nicht z.B. die mit diesem Gesamtsystem verbundene Naturzerstörung, potentielle Degradation sozialer Beziehungen oder die zunehmende Verarmung großer Teile der Weltbevölkerung.

Die Dynamik des Akkumulationsregimes des Vermögensbesitzes entsteht aus der Diversifikation der Dienstleistungen und aus der Produktionsinnovation mit kurzen Zyklen. Da die Verlustrisiken bei den Innovationsinvestitionen relativ hoch sind, plädiert Aglietta für eine Entdramatisierung des Konkurses z.B. durch Risikoinvestitionsfonds. Zur Gewinnung von innovationsfähigen Arbeitskräften bedarf es des „Austauschs zwischen der Forschung und den Innovationsanstrengungen.“(100)

Die zentrale Kategorie des neuen Akkumulationsregimes, die den Ausgleich zwischen den Ansprüchen des Profits und den Bedürfnissen nach Zusammenhalt und Fortschritt in den Arbeitsgesellschaften schafft, ist auch hier das Wachstum.(103)

Mit diesem Regime verbinden sich zwar Risiken für die Lohnabhängigen, denn „durch die Logik der Kapitalakkumulation selbst verwandelt sich die prinzipielle Gleichheit der Einzelnen beim Handelsverkehr in ihr Gegenteil, den ... Druck einzelner auf andere, jene, die etwas besitzen auf jene, die nichts besitzen.“(104) Diese sollen aber durch staatliche Interventionen verhindert werden. Dies ist seines Erachtens erforderlich, damit die ‚Zustimmung der Bürger’ zu diesem Akkumulationsregime erreicht wird.

Für Aglietta sind es neben dem Staat ‚die Linken’, die diese Zustimmung bzw. die soziale Bändigung des globalisierten Kapitalismus erreichen sollen. Diese –so wie er es nennt- Erneuerung der Sozialdemokratie, die er als sozialen Liberalismus bezeichnet, soll „eine Konzeption des sozialen Fortschritts ... erarbeiten, die mit dem Regime des Vermögensbesitzes zusammenpasst, vor allem aber mit der Globalisierung und der Ausrichtung des technischen Fortschritts auf die Dienstleistungen.“(107)

‚Linke’ Inhalte sollen also darauf abzielen, unter dem Primat eines globalen Kapitalismus soziale Freiräume zu erkämpfen. Gegenstand einer ‚linken’ Gesellschaftstheorie wäre somit nicht mehr die radikale Kritik an der Praxis einer kapitalistischen Akkumulationslogik und den damit - von Aglietta ignorierten - inhärenten Problemen mit dem Ziel ihrer Überwindung. Ein Arrangement mit systemischen Sachzwängen der Globalisierung soll dem entgegen Ziel und Inhalt eines umfassenden Projekts zusammenwirkender linker Gruppierungen und Institutionen werden.

Historische Entwicklungen finden demnach ausschließlich innerhalb kapitalistischer Verhältnisse statt, wodurch Aglietta m.E. dahin tendiert, diese Verhältnisse zu einer unüberwindbaren zweiten Natur zu erklären und damit einen Nährboden für ein ahistorisches Bewusstsein von Gesellschaft erzeugt[11]. Würde dieses linke Projekt Agliettascher Prägung real werden, wäre ein Engagement zur Überwindung kapitalistischer Verhältnisse zumindest von linker Seite nicht mehr existent. Die Ausblendung von jeglichen Alternativen zu den dann herrschenden Verhältnissen gepaart mit einer Ignoranz gesellschaftlicher Wirklichkeit, erhielte so den Charakter einer Selbstbeschränkung des Denkens[12].

Die Potenz einer neuen Entfremdungsqualität, die mit einem neuen Akkumulationsregime verknüpft ist, wäre demnach mit einer Regulationsweise gepaart, die in ihrer ideologischen Wirkung auf eine internalisierte Diktatur hinausläuft. Dieses würde m.E. auf eine neue Qualität von Entmenschlichung der an eine neue Akkumulationsstrategie adaptierten Subjekte hinauslaufen und die Transformation vom Status der Subjektautonomie zum Status des Humankapitals befördern.

Die Fixierung gesellschaftlicher Konflikte auf das Verhältnis Individuum Gesellschaft negiert zudem die Relevanz eines Klassenverhältnisses zwischen Lohnabhängigen und MehrwertempfängerInnen und nivelliert dieses so zu individuellen Verhältnissen zwischen StaatsbürgerInnen.

Diese Agliettasche Konstruktion des Konzepts sozialen Fortschritts, der auch Projekt gesellschaftlicher Integration sein soll, stößt seiner Ansicht nach nun auf drei grundlegende Probleme:

Die Arbeitsverfassung, die zwischen dem Versuch der Beschneidung der sozialen Rechte durch einflussreiche ArbeitgeberInnen und der Verkündung des Endes der Arbeit von ‚ultralinken Kreisen’ - die des weiteren aber nicht näher thematisiert werden - in Frage gestellt wird.

Der neue Regulationsmodus muss seiner Ansicht nach dem entgegen die Flexibilitätserfordernisse des neuen Akkumulationsregimes und soziale Sicherheit miteinander vereinen. Die Arbeitsplatzsicherung soll hierbei von einem Konzept der Beschäftigungssicherung ersetzt werden, in der vielfältige Beschäftigungsformen aufeinanderfolgen können. Ein Sockel von Mindestrechten, wie z.B. Weiterbildung, Zeitkonten und Sozialleistungen soll hierbei garantiert werden. Dieses erscheint Aglietta nicht unproblematisch, so dass es ihm notwendig erscheint, „dieses Konzept und seine rechtliche Formulierung im Begriff der Kontinuität des Lohnabhängigenstatus als Träger von Rechten im Wirtschaftsleben auch Wirklichkeit werden“ zu lassen.(115) Ziel ist hierbei die Schaffung eines beruflichen Rechtsstatus der Lohnabhängigen.(115)

Aglietta verzichtet in diesem Buch fast ausnahmslos auf die Kategorie der Klasse zur Analyse von gesellschaftlichen Verhältnissen. Wenn es z.B. um unterschiedliche Interessen, Lebenslagen, sozialen Praxen oder dem Zugang zur Macht geht, wenn es also potentiell um die Frage der Überwindung von bestimmten Verhältnissen geht, bemüht er seine Konstruktion des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft. Geht es aber um den Erhalt bzw. um den Ausbau von Kapitalverhältnissen, plädiert er durch die Forderung der Fixierung eines Lohnarbeitsstatus, also der Notwendigkeit des Verkaufs der Arbeitskraft, implizit für eine Festigung von ökonomischen und sozialen Machtverhältnissen, indem er die Klassenkategorie des Lohnarbeiters anwendet, um diesen Status und somit die Kontinuität von Klassengesellschaften zu festigen.

Fundiert werden soll dieser Status durch Bildungsinvestitionen bzw. durch ein Konzept des lebenslangen Lernens, der die Schule und das Unternehmen enger miteinander verbindet und das Ziel hat, die Beschäftigungsfähigkeit durch eine stringentere Einbettung des Bildungssystems in das Berufsleben zu verbessern.(118)

Dieses Ziel, die Adaptionsfähigkeit der Subjekte an kontinuierlich sich verändernde Verwertungsbedingungen zu gewährleisten, impliziert m.E. nicht nur einen Freiheitsverlust. Dieses muss auch eine Dominanz von Bildungsinhalten implizieren, die darauf abzielen, Innovation und Kreativität in den Dienst des neuen Akkumulationsregimes zu stellen, wodurch menschliche Potentiale einem Bewertungsmaßstab von Kosten-Nutzen Relationen unterworfen werden. So bleiben z.B. kritische Intelligenz oder emotionale Kreativität, die sich nicht kapitalistisch verwerten lassen grundsätzlich außerhalb einer Förderungspolitik und mit der zuvor beschriebenen Selbstbeschränkung des Denkens wird nur ein Kapitalinteresse tragendes Bewusstsein befördert.

Das Kapitaleigentum der Unternehmen, das sich durch die Vermittlung der institutionellen Anleger entwickelt, ist nun nach Aglietta in diesem Akkumulationsregime gesellschaftliches Eigentum, denn „seine Gegenleistung bilden die Altersversorgungsansprüche der Bevölkerung.“(108), was sich hinsichtlich des Alterns der Gesellschaftsmitglieder als problematisch darstellt.(108)

Ausgehend von einem „demographische(n) Gegenschlag[13] wirkt sich (dieser - d. Verf.) auf den Regulationsmodus vor allem über seine Folgen für die Entwicklung der Ersparnisse aus.“(120) Bis in die 90er Jahre hinein stieg die Sparquote, was für Aglietta „Ausdruck einer langfristigen Erhöhung des Vermögens im Vergleich zum Einkommen“ ist.(120) Durch die sich nun ändernde Struktur der Ersparnisse, nämlich zu Sammelfonds oder institutionellen Anlegern, wächst der Anteil von Aktien am Geldvermögen der Haushalte. Das hieraus entstehende Problem ist somit die Gestaltung der Politik, die auf das veränderte Akkumulationsregime einwirken muss, sowie das Problem der Unternehmenskontrolle durch die Zunahme der institutionellen Anleger.

Aglietta geht des weiteren davon aus, dass bei unveränderten Parametern zur Rentenfestsetzung und der Erhöhung der Nichterwerbstätigenquote ein Einkommenstransfer zwischen den Generationen zugunsten der Nichterwerbstätigen und zum Nachteil der Erwerbstätigen stattfindet. Hieraus entsteht seiner Ansicht nach eine „Epoche heftiger Verteilungskonflikte“(122), der dann mit Wachstum begegnet werden muss, um soziale Konflikte zu dämpfen.

Die von Aglietta hier geschilderten Prozesse gehen also längerfristig von einer Gesellschaft aus, in der eine demographische Zunahme von VermögensbesitzerInnen hegemonialen Charakter erhält und diese BesitzerInnen erheblichen Einfluss auf die Kapitalbewegungen gewinnen.

Abgesehen davon, dass wesentliche Aspekte dieser Entwicklungen auf einer Reihe von hypothetischen und unklar formulierten Grundlagen fußt, auf die ich hier im einzelnen nicht ausführlicher eingehe[14], werden auch hier wieder Großteile der Bevölkerung ausgelassen. So kristallisiert sich das neue Akkumulationsregime immer mehr als eines heraus, was lediglich bestimmte gesellschaftliche Gruppen einschließt, und in der das wesentliche Konfliktpotential nur eines zwischen den Generationen sein wird, insbesondere wenn sich „eine Generation weigert“(123), diesen Regulationsmodus zu akzeptieren. Unklar bleibt hier, was so etwas wie eine sich weigernde Generation sein soll.

Aglietta schließt aus seinen Positionen nun, „dass die Entwicklung des Akkumulationsregimes des Vermögensbesitzes im nächsten Jahrzehnt zweckmäßig und zugleich notwendig ist.“(122)

Das Verteilungssystem ist hierbei ein wichtiger Faktor des sozialen Zusammenhalts, um die Risiken zwischen den Generationen gegenseitig zu verteilen. Das soll „durch eine Ausgleichung der Ansprüche und der Leistungen, die einem Prinzip der nationalen Solidarität folgt, erreicht werden. Die Kapitalisierung ist notwendig, um eine langfristige Glättung des demographischen Gegenschlags zu bewirken.“(125)

Ebenso wie die zuvor genannte Stärkung des Nationalen erfordert das Begriffspaar der nationalen Solidarität nähere Ausführungen, die von Aglietta in diesem Buch aber nicht gebracht werden. Klar scheint allerdings, dass die Internationalität von globalen Kapitalisierungsprozessen durch ein „Prinzip nationaler Solidarität“ zur Wahrung sozialer Rechte seine regulative Entsprechung erhalten soll. In diesem auch als Gegenüberstellung bzw. Gegenmaßnahme interpretierbaren Verhältnis liegt m.E. ein Keim der Entstehung von AusländerInnenfeindlichkeit sowie nationaler Überheblichkeit, insbesondere wenn diese Gegenüberstellung mit der Wahrung sozialer Rechte verknüpft wird.

„Dass die Rechte kapitalisiert sind, anstatt direkt als soziale Transfers verteilt zu werden, ändert nicht den Charakter einer sozialen Bindung. Es sind erworbene Rechte an der Gesellschaft als Gegenleistung für Dienste, die im Laufe des Erwerbslebens erbracht worden sind“ und staatlich kontrolliert werden.(128)

Mit anderen Worten: Wer nicht die Chance hatte, seine sozialen Rechte zu kapitalisieren bzw. wenn im Laufe des Erwerbslebens aus kapitalistischer Sicht nicht ausreichend geleistet werden konnte, vermindert sich oder verfällt der Anspruch auf Sozialleistungen. Die mit der Erhöhung der Produktivkraft verbundene Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals mit dem Zweck unter globalen Konkurrenzbedingungen Extraprofit zu erzielen, führt so dazu, dass freigesetzte Arbeitskräfte am Ende ihre Erwerbslebens ggf. durch sogenannte Ausfallzeiten auch noch später wirksam werdende soziale Rechte verlieren. Erwerbslosigkeit gefährdet demnach also auch in Zukunft eine gesicherte Altersversorgung.

Mit Agliettas Rat an die Gewerkschaften, „sich die Logik des Akkumulationsregimes des Vermögensbesitzes“ (131) anzueignen und so den Beginn eines gesellschaftlichen Kapitaleigentums in einer erneuerten Arbeitsgesellschaft mitzubefördern, schließt er diesen Abschnitt. Dieses zielt m.E. darauf ab, durch eine ideologische Einbindung der Gewerkschaften in einen homogenen Block, die Transformation der ‚Linken’ zu einer systemaffirmativen Einheit voranzutreiben.

Das dritte Problem bezeichnet Aglietta nicht etwa als die fehlende Chancengleichheit oder als die fehlende Gleichberechtigung der Frauen, sondern als die Gleichheit der Geschlechter.(108) Die Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte ist für ihn „der mächtigste Faktor der Zivilgesellschaft und eine ungeheure soziale Innovationskraft“.(108) Da nun tradierte Werte dieses Potential bremsen und Arbeitgeber die „Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte ... diskriminieren“(108), sieht er die gesellschaftliche Frauenförderung als das entschiedenste Gestaltungselement des Regulationsmodus. Hier liegt für ihn der größte Reichtum an zukünftigem Fortschritt. Er konstatiert, dass bisher in keinem Land und in keinem Beruf die Parität verwirklicht ist. „... die Diskriminierung ist um so größer, je näher man den Machtstellungen kommt.“(134) Dieser treffenden Analyse folgt nun eine Herausstellung der weiblichen Qualitäten, die Frauen für das neue Akkumulationsregime brauchbar machen.

Frauen haben sich seines Erachtens gut in das neue Akkumulationsregime eingefügt. Sie „sind sehr flexibel, sie akzeptieren Teilzeitbeschäftigung und niedrig entlohnte Arbeiten ...“.(134)

Die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen ist zudem vielversprechend für das neue Akkumulationsregime, da „eine Gesellschaft, in der alle Frauen Zugang zur finanziellen Selbständigkeit erhalten, als Verbrauchseinheit das Individuum und nicht mehr die Kernfamilie hätte“.(137) Diese Gesellschaft würde seiner Ansicht nach die Emanzipation von persönlicher Unterordnung verwirklichen und m.E. diese Unterordnung durch strukturelle Zwänge dieser Ökonomie ersetzen. Die Vielfalt des Konsums würde dadurch in hohem Maße gesteigert.(137) Hierzu zählen primär der Ersatz und die Unterstützung von Familienaufgaben, wie z.B. Kinderpflege, Reinigungs- oder Wärterdienste.

Nicht die Frage, wie das neue Akkumulationsregime den bisher diskriminierten Frauen zur Befreiung dienen kann, sondern umgekehrt, wie und warum Frauen sich dem neuen Regime ein- bzw. unterordnen können wird z.T. in fast zynischer Weise affirmiert. Hierdurch wird nicht nur erneut dem Primat des Profits als unumstößliche Macht zugestimmt sowie Agliettas grundsätzliche Zustimmung zu diesem Regime offensichtlich, sondern auch eine Begründung für eine Aufhebung dieser Diskriminierung deutlich: der Dienst der Frauen für das globalagierende Kapital.

Er plädiert des weiteren für eine Arbeitsteilung in den Haushalten und bei der Kindererziehung. Um dem Sinken des Anteils der Erwerbstätigen an der Bevölkerung entgegenzuwirken gibt es seiner Ansicht nach nur drei Wege: „die Wiederaufnahme einer massiven Immigration, die Heraufsetzung der Altersgrenzen für den Rentenbezug und die Ausweitung der weiblichen Arbeit.“(136) Sind die ersten beiden Positionen mit denen derzeitiger sozialdemokratischer EntscheidungsträgerInnen nahezu identisch und zielen letztlich auf die Erhöhung des Profits ab, sollen Frauen demnach also in gleicher Weise, wie Männer in dieses neue Akkumulationsregime eingebunden werden, wobei die bisher überwiegend von Frauen verrichteten Tätigkeiten nun paritätisch geteilt werden sollen. Die Grundlage dieser veränderten neuen Arbeitsgesellschaft ist die „kooperative Familie mit der beruflichen Doppelkarriere“(138)

Auch hierbei soll der Staat mitwirken. Vorbildhaft ist für Aglietta hierfür die sozialdemokratische Partei Schwedens, die es durch öffentliche Investitionen ermöglicht, Frauen ihre Karriere zu verfolgen und gleichzeitig die Geburtenrate hoch zu halten. So kann man seines Erachtens eine Arbeitsgesellschaft entwickeln, die auf der kooperativen Familie mit doppelter Karriere basiert. Da die Realisierung von Karrieren im neuen Akkumulationsregime aber nun wesentlich von der Adaptionsfähigkeit der Einzelnen an die Mobilität des Kapitals abhängt, muss Agliettas Familienverständnis hinterfragt werden. Wie sollen familiäre Bindungen aufrechterhalten werden, wenn eine Doppelkarriere z.B. Mobilität der Familienmitglieder in verschiedene geographische Richtungen erfordert? Welche neuen sozialen Qualitäten entstehen aus einer sich im Fordismus gefestigten und nun ggf. sich auflösenden Kleinfamilie? Aglietta ignoriert diese Fragen. Ebenso unterlässt er eine eingehende Prüfung der realen Verwirklichungsbedingungen dieser kooperativen Familie mit beruflicher Doppelkarriere und der damit verbundenen Implikationen.

Was das wesentliche des neuen Akkumulationsregimes ist, wird abschließend folgendermaßen zusammengefasst:

„Im Regime des Vermögensbesitzes sind die Preise der gewöhnlichen Güter einer internationalen Festsetzung unterworfen. Der Zwang des Wettbewerbs einerseits, die Anforderung der Aktionäre andererseits wälzen die Anpassungen auf die Lohnkosten ab. In ihm ist das Wachstum abhängig von der Kapitalwirtschaft im Dienste der Maximierung des durch Aktien erzielten Profits. Die Investitionen in die Unternehmensorganisation senken Kosten und Verringern die ... Lagerbestände. Die Produktionsinnovationen schaffen Profite, die es erlauben Dividenden auszuschütten, und den Anstieg der Börsenkurse ankurbeln. Die Entwicklung der Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmerschaft erhöht das Vermögen der Haushalte. Die Wirkung des Vermögens und der Einkommen aus Vermögen verbinden sich mit der Preissenkung, um den Konsum anzuregen. Somit bildet sich der Profit, der die von den Aktionären beanspruchte Eigenkapitalrendite für gültig erklärt.“(142)

Eine Wechselwirkung von steigenden Dividenden aus Börsentransaktionen an denen die Haushalte maßgeblich beteiligt sind, und steigender Konsum ist also das Fundament dieses neuen Akkumulationsregimes, wobei Aglietta die empirischen Evidenzen vermissen lässt, die deutliche Anzeichen für die Stabilität und Dauerhaftigkeit dieser Entwicklung anzeigen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Agliettas Schrift stellt einige Phänomene des Wechsels zu einem postfordistischen Akkumulationsregime sowie fehlende Kohärenzen einer entsprechenden Regulationsweise treffend dar. Hierdurch werden einige wesentliche Zusammenhänge gesellschaftlicher Entwicklungen durch die Beibehaltung des basalen Regulationsverhältnisses der Ökonomie zu außerökonomischen Institutionen (20ff) skizzenhaft und allgemein verdeutlicht. Die Kategorien des Akkumulationsregimes, der Regulationsweise oder der institutionellen Formen sind so m.E. weiterhin brauchbar, um gesellschaftliche Entwicklungs- und Strukturzusammenhänge herzustellen.

Abgesehen davon steht in dieser Veröffentlichung Agliettas aber die Regulationstheorie nicht auf dem Prüfstand, da hier unterschiedlichste Stränge und Potenzen dieses theoretischen Ansatzes ignoriert werden. Gerade die zur Ursachenanalyse erforderliche werttheoretische Fundierung, mit der die kausalen Zusammenhänge zwischen der Kontinuität einer homogenen logischen Struktur und den Umbrüchen einer heterogenen historischen Entwicklung m.E. stringent hergestellt werden können[15] wird hier vom Autor gänzlich ignoriert. Die Stärke einer so interpretierten Regulationstheorie kommt hier nicht zur Geltung und sie wird demzufolge im wesentlichen auf eine Theorie mit deskriptiv-normativen Inhalten reduziert.

Die Phase des Fordismus wirkt hierbei als Maßstab und Ausgangspunkt zur Formulierung normativer Positionen, was zeigt, dass Aglietta mit seiner fordismuszentrierten Argumentation in der fordistischen Logik des Zusammenwirkens von Akkumulationsregime und Regulationsweise verharren bleibt. Seine Übertragung des fordistischen Wertesystems auf anschließende Entwicklungsphasen zeigt zudem, dass er das Prinzip fordistischer Regulation als Mittel zur Bändigung von „Verwerfungen“ jeglicher Art innerhalb des kapitalistischen Systems überhaupt ansieht. Aglietta ignoriert so eine systemimmanente Logik des Kapitalismus, die zwar historisch modifiziert existiert aber innerhalb des Kapitalismus durchgängig wirkt.

Neben diesen theoretischen Mängeln folgen inhaltliche. Abschließend werde ich die drei Kritikpunkte zusammenfassen, die m.E. die fundamentalsten sind und die signifikanten Positionen Agliettas nochmals herausstellen:

  1. Agliettas Vorstellung eines neuen global agierenden Akkumulationsregimes erfordert, insbesondere durch die von ihm hervorgehobene Zielsetzung steigenden Wachstums, eine kritischen Berücksichtigung der damit notwendig verbundenen Zusammenhänge. Es sei denn, ihm geht es ausschließlich um die Verwirklichung von Kapitalinteressen bzw. um die Regulierung einer Ökonomie um ihrer selbst willen. Diese Zusammenhänge, zu denen insbesondere das Naturverhältnis des Kapitals sowie das Verhältnis der Trikontökonomien zu den Kernökonomien gehört, fehlen hier.
  2. Seine Betonung einer Regulationsproblematik zwischen Individuum und Gesellschaft ignoriert die zwar modifizierte, jedoch grundsätzlich vorhandene Klassenstruktur in kapitalistischen Gesellschaften[16]. Auch hierdurch schwindet m.E. die Möglichkeit der Ursachenanalyse von Problemen des Kapitalismus.

    „Ein neues Akkumulationsregime“ stimmt somit in den insbesondere nach 1990 sich verstärkt entwickelnden Kanon ein, der eine grundsätzliche Kritik am kapitalistischen System ignoriert. Wesentliche Ursachen gesellschaftlicher Probleme bleiben so unreflektiert und der Versuch Lösungskonzepte für postfordistische Probleme anzubieten bzw. der Versuch Perspektiven von Gesellschaftsgestaltung bzw. –alternativen zu entwickeln, die sich außerhalb einer Verwertungslogik bewegen, bleiben so unberücksichtigt.

    Eine dem neuen Akkumulationsregime angepasste Regulationsweise, die er sozialen Liberalismus nennt, wird stattdessen als problemlösendes und auf Kapitalinteressen basierendes Reformprojekt angeboten, dem die komplette national solidarische ‚Linke’ zuarbeiten soll. D.h. nicht die Frage der Widerstandsform bzw. –variante gegen Kapitallogiken als solche, sondern die Lösung gesellschaftlicher Probleme durch den Austausch einer Variante der Regulationsweise gegen eine andere, die sowohl die Kapitalakkumulation befördern soll, als auch soziale Probleme lösen soll, ist Agliettas Ziel.

  3. Die Lösungskonzepte Agliettas für gesellschaftlicher Probleme liegen demnach zum einen –wie schon erwähnt- in der zunehmenden Durchkapitalisierung der Gesellschaft, in der die Kommodifizierung des Dienstleistungssektors eine Schlüsselrolle spielt, und zum anderen in der Herausbildung eines starken Nationalstaates, der als soziale Regulationsinstanz von einem moralischen Imperativ getragen die Integration in das neue Akkumulationsregime befördern soll. Der Kontext, in welchem die Kategorie Nation von Aglietta verortet wird, offenbart dabei wesentliche Merkmale eines Standortnationalismus im Butterweggeschen Sinn. Er bezeichnet diesen als „ eine Ideologie, die das eigene Land ... als einen von außen und innen bedrohten Wirtschaftsstandort versteht, die Nation zum politischen Kollektivsubjekt erhebt und sie durch materielle Opferbereitschaft, den Verzicht auf soziale Leistungen und die Senkung von Lohnkosten zu einer ökonomischen Supermacht aufsteigen lassen will“. (Butterwegge 1999:98)

    Die Wurzeln dieses Agliettaschen Lösungskonzeptes liegen also darin, Ursachen von gesellschaftlichen Problemen im Kapitalismus nicht als inhärente zu begreifen, sondern im Gegenteil diese Problemursachen in einem noch nicht optimierten Kapitalismus zu suchen. Ziel ist also nicht die Überwindung dieser Verhältnisse -z.B. ermöglicht durch die durch internationale Vernetzungen getragene solidarische Erarbeitung antikapitalistischer Perspektiven-, sondern die Ausweitung dieser Verhältnisse, begleitet von einem moralischen Imperativ der nationalen Solidarität, der wesentlich von einer neuen Sozialdemokratie getragen werden soll. Dieser moralische Imperativ muss demnach ebenso in einem sozialen Bewusstsein verinnerlicht werden, wie der ökonomische Imperativ eines durch globale Sachzwänge bestimmten Primats der Kapitalakkumulation. Hierdurch erscheint Kapitalismus durchgehend als eine zweite Natur, was einer Aufgabe von Perspektiven seiner Überwindung gleichkommt und zudem die Auswirkungen des neuen Akkumulationsregimes weniger angreifbar macht, als wenn es als neue gesellschaftliche Akkumulationsstrategie des Kapitals verstanden wird. Das hiermit verbundene Entwicklungsbild, welches den historisch gewachsenen Kapitalismus als alternativlos erscheinen lässt, tendiert so zu einem Ahistorismus innerhalb eines sich verändernden kapitalistischen Systems.

Neben dieser Kritik an der theoretischen Fundierung sowie am Inhalt ist zudem die formale Darstellung der Agliettaschen Auseinandersetzung -zwei längere Aufsätze, die zu einem Buch zusammengefasst sind, in der eine Vielzahl von Wiederholungen zum Fordismus expliziert werden- m.E. unnötig, da die Substanz dieses Buches auch in einem längeren Aufsatz hätte angemessen dargestellt werden können.



Zusätzlich verwendete Literatur:

Aglietta, M.: A Theory of Capitalist Regulation. The US Experience.London: NLB 1979.

Altvater, E.: Der Preis des Wohlstands oder Umweltplünderung und neue Welt(un)ordnung. 1. Aufl. Münster: Vlg. Westphälisches Dampfboot 1992b.

Arrighi, G.: World Income Inequalities and the future of socialism. New left review, o.O., (1991) No.189.

Butterwegge, Ch.: Wohlfahrtsstaat im Wandel. Probleme und Perspektiven der Sozialpolitik, Leske & Budrich 1999.

Foster, J.B.: Fordismus als Fetisch. Prokla, Münster, (1989) Nr.76.

Georgescu-Roegen, N.: The entropy law and the economic process in retrospekt. Berlin: 1987 (Schriftreihe des IÖW. 5/87).

Hirsch, J.: Kapitalismus ohne Alternative? Materialistische Gesellschaftstheorie und Möglichkeiten einer sozialistischen Politik heute. Hamburg: VSA-Vlg. 1990.

ders.: Internationale Regulation. Bedingungen von Dominanz, Abhängigkeit und Entwicklung im globalen Kapitalismus. Das Argument, Berlin, 198 (1993), S. 195-222.

ders.:  Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus. Berlin:  1996.

Hübner, K.: Theorie der Regulation. Eine kritische Rekonstruktion eines neuen Ansatzes der Politischen Ökonomie. 2. durchges. und erw. Aufl. Berlin: Edition Sigma Bohn 1990.

Hurtienne, T.: Fordismus, Entwicklungstheorie und Dritte Welt. Peripherie, Berlin, (1986) Nr. 22/23.

ders.: Entwicklungen und Verwicklungen-Methodische und entwicklungstheoretische Probleme des Regulationsansatzes. In: Der gewendete Kapitalismus. Kritische Beiträge zu einer Theorie der Regulation. Hrsg.: B. Mahnkopf. Münster: Vlg. Westphälisches Dampfboot 1988. S.182-224.

Lipietz, A.: Akkumulation, Krisen und Auswege aus der Krise: Einige methodische Überlegungen zum Begriff >>Regulation<<. Prokla, Berlin, (1985) Heft 58, S. 109-137.

Meadows, D.; Meadows, D.; Randers, J.: Die neuen Grenzen des Wachstums. 5. Aufl. Stuttgart: Deutsche Verlags Anstalt 1992.

Menzel, U.: Das Ende der "Dritten Welt" und das Scheitern der großen Theorie. Zur Soziologie einer Disziplin in auch selbstkritischer Absicht, in: PVS, Nr.1, S.4-33, 1991.

MEW: Band 23. Berlin: Dietz Vlg. 1985.

dies.: Band 25. Berlin: Dietz Vlg. 1986.




[1] Schon 1976 arbeitete Aglietta in seinem Hauptwerk „Régulation et crises du capitalisme“ das Wesentliche und Spezifische des Fordismus heraus und mitbegründete damit die Theorie der Regulation. Somit erübrigt sich m.E. in dieser Rezension ein ausführlicheres Eingehen auf diesbezügliche Wiederholungen.

[2] So stieg z.B. die Produktivkraft in Frankreich bis 1914 durchschnittlich etwa um 2,5%, mit Einführung tayloristischer Produktionsmethoden stieg sie dann um etwa 6%, wobei die Kaufkraft vorerst nur unerheblich stieg. Die spätere Entwicklung der Kaufkraftsteigerung hin zur Massenkaufkraft entwickelte sich ebenso wie die Produktivkraftentwicklung in ähnlichen Relationen früher oder später auch in den anderen fordistischen Ökonomien. (Vgl. hierzu ausführlich u.a.: Liepietz 1985 oder Foster 1989.)

[3] Auf das Agliettasche Verständnis der Nation gehe ich im Verlauf der Rezension noch ausführlicher ein.

[4] Die Tatsache, dass Aglietta hier wie im Folgenden ignoriert, dass an Vermittlungen gebundene Institutionen im Verlauf ihrer Entwicklung eine potentielle Eigendynamik und ein Eigeninteresse entwickeln können, die sie auch nach Beendigung ihrer regulativen Funktion weiter bestehen lassen können, lasse ich im weiteren unberücksichtigt.

[5] Der hier verwendete Begriff des Grenznutzens bleibt ohne eine m.E. erforderliche kritische Reflektion der in den 70er Jahren des 19.Jahrhunderts entstandenen Grenznutzentheorie.

[6] Schon in vorherigen regulationstheoretischen Schriften, in denen der Fordismus zentral thematisiert wird, bleibt dieser Zusammenhang zumeist unberücksichtigt, obwohl der Fordismus eine Potenzierung bisheriger Naturbeanspruchung bzw. –zerstörung mit sich brachte.

[7] Der Begriff Entropie ist hier im Kontext Georgescu-Rorgens theoretisch verortet. (Vgl. hierzu ausführlich u.a.: Georgescu-Roegen 1987)

[8] Eine nähere Herleitung bzw. Beweisführung dieser Zusammenhänge kann hier selbstverständlich nicht entwickelt werden. Ausführlicheres findet sich hierzu u.a. in: Altvater 1992, Meadows, Randers 1992.

[9] Vgl. hierzu ausführlich: Arrighi 1991.

[10] Die hier grob skizzierten Zusammenhänge werden u.a. in: Hirsch/Roth 1986, Altvater 1992 und 1993 oder in Menzel 1992 ausführlicher thematisiert.

[11] Aglietta knüpft m.E. in entwickelter Weise so an die Sicht der von Marx in den Vorworten des Kapital kritisierten bürgerlichen Ökonomen an. (Vgl. hierzu ausführlich: MEW, Bd.23: 19ff) Sahen diese den Kapitalismus noch als letzte Gestalt an, ist für Aglietta dieser zwar veränderlich, aber ebenso unüberwindbar.

[12] Nach Hirsch wurzelt in dieser Art der Beschränkung eine neue Qualität des Totalitarismus, welcher der Gesellschaft nicht mehr von außen aufgezwungen werden muss. (Vgl. hierzu ausführlich: Hirsch 1996)

[13] Aglietta meint hiermit den von der UNO prognostizierten Rückgang der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern, sowie den damit verbundenen Anstieg des Durchschnittsalters, der dazu führt, dass –bei unveränderter Pensionsgrenze zumindest in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien- der Anteil der Nichterwerbstätigen erheblich sinken wird.

[14] So geht Aglietta z.B. einmal von einem Bevölkerungsrückgang in den industrialisierten Nationen, ein anderes mal von einem Rückgang in den europäischen Nationen aus.

[15] Vgl. hierzu ausführlich u.a.: Aglietta 1976 sowie Hübner 1990

[16] Ich meine hiermit u.a. den bestimmenden Unterschied zwischen Lohnarbeit und Kapital, die gesellschaftliche Produktion des Mehrwerts und ihre private Aneignung, oder die immer noch hegemoniale Trennung zwischen den ProduzentInnen und den Produktionsmitteln.



© Athanasios Karathanassis, Berlin 2001

*) Hamburg, VSA-Verlag 2000, 143 Seiten











 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017